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15. September 2012

Interview: "Das Wachstum bringen die Erneuerbaren"

Tuomo Hatakka leitet seit 2008 die Deutschlandgeschäfte von Vattenfall. Nach dem Studium in Helsinki und Barcelona arbeitete er in verschiedenen Unternehmensberatungen. Im Jahr 2002 wechselte der heute 55-jährige Finne zum schwedischen Vattenfall-Konzern, wo er seit 2005 im Vorstand sitzt.  Foto: REUTERS

Tuomo Hatakka, Chef von Vattenfall Deutschland, über Kohle, Wind und die Kosten der Energiewende

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Um den drittgrößten deutschen Stromkonzern Vattenfall ist es etwas ruhiger geworden. Mit der Stilllegung der beiden alten Atommeiler vor eineinhalb Jahren ist der größte öffentliche Konfliktpunkt aufgelöst. Und auch den Kundenschwund, besonders in Berlin und Hamburg, wo Vattenfall Grundversorger ist, konnte Konzernchef Tuomo Hatakka stoppen. Doch Vattenfall muss umsteuern, wenn der Konzern trotz Energiewende dauerhaft eine große Rolle in Deutschland spielen will. Noch stammt der Hauptteil des Stroms aus der klimaschädlichen Braunkohle. Hatakka sieht den Konzern auf einem guten Weg, räumt allerdings auch Probleme ein.

Herr Hatakka, Vattenfall ist bislang bekannt als Braunkohlenkonzern. Im Oktober geht ein neuer Braunkohleblock von Vattenfall im sächsischen Boxberg in Betrieb. Planen Sie weitere Kraftwerke dieser Art in Deutschland?

Es ist nicht leicht, unter den derzeitigen Rahmenbedingungen neue, fossile Kraftwerke zu bauen. Doch trotz des Ausbaus der Erneuerbaren brauchen wir noch für viele Jahre unsere konventionellen Kraftwerke. Sie sind die Garantie dafür, dass in Deutschland die Lichter nicht ausgehen. Kohle liefert wichtige Grundlast, sorgt für Stabilität in den Netzen und ist so ein wichtiger Partner der volatilen Erneuerbaren. Unter heutigen Rahmenbedingungen lohnen sich neue konventionelle Kraftwerke aber nur noch, wenn CCS, also die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid unter der Erde, erlaubt wird.

Sie glauben weiter an diese Technik? Den Bau eines Probekraftwerks haben Sie vor wenigen Monaten abgesagt.

Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben und werden CCS auch weiter erforschen, wenn wir entsprechende Signale aus Politik und Gesellschaft bekommen. Viele Politiker sagen mir, dass sie es für unmöglich halten, dass die Bevölkerung in Deutschland Kohlendioxid-Speicher an Land erlaubt. Aber es könnte ja die Möglichkeit geben, unter dem Meeresboden Kohlendioxid zu speichern.

Vattenfall betreibt etwa die Hälfte der Pumpspeicher-Kraftwerke in Deutschland – bislang sind das die einzigen nennenswerten Energiespeicher. Das Geschäft brummt angesichts der schwankenden Stromproduktion aus Wind und Sonne, oder?

Im Gegenteil. Die Wirtschaftlichkeit hat sich leider dramatisch negativ entwickelt. Es ist eine paradoxe Situation entstanden: Wir brauchen Speicher, um die Fluktuationen der erneuerbaren Energien ausgleichen zu können. Aber das heißt noch lange nicht, dass sich der Betrieb lohnt. Früher haben Pumpspeicher nachts billigen Strom genutzt, um Wasser nach oben zu pumpen und es bei höheren Preisen zur Mittagszeit aus den Speicherseen abzulassen und damit Strom zu produzieren.

Und das funktioniert nicht mehr?

Jetzt lohnt sich das immer weniger, denn Solarstrom kommt zur Mittagszeit ins Netz und drückt die Preise. Bei kräftigem Wind ist die Situation ähnlich.

Könnte es sogar dazu kommen, dass Sie bestehende Speicherkraftwerke stilllegen?

Ich sehe derzeit nicht, wie wir vor dem Hintergrund dieser Entwicklung längerfristig die Wirtschaftlichkeit aus eigener Kraft wieder herstellen können. Modernisierungen, größere Investitionen und Reparaturen – das alles kostet viel Geld. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob und wie wir alle unsere Pumpspeicher weiter betreiben können.

Funktioniert unser Strommarkt überhaupt noch?

Nur bedingt. Die Basis unseres liberalisierten Strommarkts bricht langsam weg. Das Wachstum der subventionierten erneuerbaren Energien führt dazu, dass der Anteil des Stroms, dessen Preis im freien Handel gebildet wird, schrumpft. Wir müssen uns dringend die Frage stellen: Wie könnte der Strommarkt der Zukunft aussehen, so dass er noch funktioniert und wir kein gewaltiges Problem mit der Versorgungssicherheit bekommen.

Sollte der Staat wieder eine stärkere Rolle spielen?

Wir brauchen Marktaufsicht. Ein funktionierender Markt wird staatlich beaufsichtigt. Ich halte aber nichts davon, dass der Staat alles regelt. Der Markt kann Vieles effizienter und besser.

Was heißt das konkret?

2020 wird mehr als ein Drittel unseres Stroms hauptsächlich aus stark schwankenden grünen Stromquellen kommen. Gleichzeitig werden die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet. Und viele fossile Kraftwerke lohnen sich dann nicht mehr. Wir brauchen deshalb zweierlei: Einen Markt für Reservekapazitäten, so dass auch bei Flaute im Winter genug Strom da ist. Das würde dann auch eine Lösung für das Problem mit den Pumpspeichern beinhalten. Und wir brauchen mehr Marktelemente beim Ausbau der erneuerbaren Energien.

Wie teuer wird die Energiewende?

Verbraucherzentralen und die Bundesnetzagentur rechnen mit deutlich steigenden Preisen. Die Energiewende gibt es leider nicht zum Nulltarif. Die EEG-Umlagen und regulierten Netzentgelte steigen und werden die Hauptpreistreiber der kommenden Jahre sein. Dennoch: Die Energiewende ist sinnvoll und richtig. Wir hatten als Vattenfall bereits ein halbes Jahr vor der Bundesregierung unsere eigene Energiewende ausgerufen. Deshalb machen wir auch in Deutschland gerne aktiv und nach Kräften mit.

Heftig gestritten wird derzeit um die Verteilung dieser Kosten. Was wäre Ihr Vorschlag, um die Lasten gerecht verteilen zu können?

Energie muss für alle bezahlbar bleiben. Wichtig ist es, dafür zu sorgen, dass die Kosten überschaubar bleiben. Dafür braucht es mehr Marktelemente für die erneuerbaren Energien.

Auch Sie wollen mit Grünstrom in Zukunft Geld verdienen.

Richtig, das Wachstum bringen die Erneuerbaren. Wir investieren in Windkraft, vor allem auf See, aber auch an Land. Der rasante Ausbau der Erneuerbaren führt zu Windstromüberschüssen, weshalb Speicherlösungen und Lastmanagement für Vattenfall potenzielle Geschäftsfelder sind. Biomasse ist für uns interessant, wenn sie in großen Kraftwerken verbrannt werden kann. Vattenfall investiert stark in neue Technologien wie zum Beispiel Elektromobilität. Worauf wir sehr stolz sind, ist unser virtuelles Kraftwerk. Da haben wir über 100.000 kleine Heizkraftwerke in Wohnhäusern gebündelt. Unsere Mitarbeiter können diese dezentralen und umweltfreundlichen Kraftwerke von der Leitwarte aus optimal steuern.

Und was halten Sie für die vielversprechendste Technik?

Offshore-Windkraft ist eine tolle Technik. Die Anlagen produzieren fast das ganze Jahr über Strom und sind deshalb beinahe in der Lage, die Grundlast zu decken.

Dafür ist Offshore richtig teuer für die Verbraucher. 19 Cent pro Kilowattstunde gibt es für den Strom, das ist zumindest anfangs mehr als viele Solaranlagen erhalten. Wie schnell können die Subventionen sinken?

Genau wie bei Windkraft an Land werden wir dramatische Fortschritte machen. Ich halte 30 Prozent Kostensenkung bis 2020 für durchaus realistisch. Schauen Sie: Unser erster deutscher Offshore-Windpark hatte zwölf Windräder. Dan Tysk, unser nächstes großes Projekt, hat 80 Windräder, das ist schon sehr groß und ermöglicht günstigere Einkaufspreise und effizientere Wartung. Und die Windparks danach werden noch viel größer werden.

Läuft bei Dan Tysk alles nach Plan?

Wir fangen im Spätherbst an zu bauen, ganz wie geplant. Aber der Netzanschluss, der 2014 liegen soll und für den der Netzbetreiber Tennet zuständig ist, wird sich nach derzeitigem Stand leider um einige Monate verzögern.

Immerhin: Dank einer neuen Haftungsregel der Bundesregierung bekommen Sie die Verluste zu 90 Prozent ersetzt. Die Regel wird auch als Rundum-Sorglos-Paket bezeichnet.

Die Haftungsregel ist vernünftig und richtig. So ist sichergestellt, dass der Ausbau der Offshore-Windparks nicht an einem unkontrollierbaren unternehmerischen Risiko scheitert. Wie sollen Unternehmen sonst in Offshore-Windkraft investieren, wenn sie nicht sicher sein können, ob sie den Strom nach Fertigstellung des Windparks überhaupt an Land bekommen?

Wann entscheiden Sie sich denn, ob der zweite große Windpark vor der deutschen Küste gebaut wird?

Zunächst einmal bleibt festzuhalten: Wir hätten das Projekt Sandbank nicht Ende vergangenen Jahres erworben, wenn wir es nicht bauen wollten. Sandbank liegt in unmittelbarer Nachbarschaft von Dan Tysk, wir setzen hier auf sogenannte Wind-Cluster. Die Projektvorbereitungen für Sandbank laufen bereits. Wenn ich jedoch eines aus den vergangenen Jahren gelernt habe, dann ist es, nicht verfrüht finale Entscheidungen zu treffen.

Sie spielen auf Investitionen in die abgeschalteten Kernkraftwerke von Vattenfall und das Hamburger Kraftwerk Moorburg an, das wegen einer neuen Regierung auf der Kippe stand.Nun ja, ich habe so meine Erfahrungen gemacht. Bei Investitionsentscheidungen wird absolute Disziplin verlangt.

In Berlin sollen sich die geplanten Kraftwerksneubauten verschieben. Was ist der Grund?

Die Energiewelt hat sich rasant verändert, seit wir 2009 die Klimaschutzvereinbarung abgeschlossen haben. Es gibt die internationale Finanzkrise und zahlreiche energiepolitische Veränderungen, die unsere laufenden Planungen verändert haben. Der neue Zeitplan stimmt aber immer noch mit der Vereinbarung zwischen uns und dem Land Berlin überein. Bis zum Ende des Jahrzehnts werden große Investitionen in Berlin getätigt. Auch wenn jetzt klar wird, dass wir für den Neubau der Kraftwerke etwas länger brauchen: Das verabredete Ziel, bis 2020 unsere Kohlendioxid-Emissionen im Vergleich zu 1990 um mehr als 50 Prozent reduziert zu haben, gilt ohne Abstriche.

Hat Vattenfall überhaupt noch Großes vor in Deutschland?

Es gibt die großen Windprojekten. darüber hinaus geht unser neues Braunkohlekraftwerk Boxberg bald ans Netz, hinzu kommen die Gaskraftwerke in Hamburg und Berlin. 40 bis 50 Prozent der Investitionen von Vattenfall fließen nach Deutschland. Machen Sie sich keine Sorgen. Deutschland ist ein Kernmarkt für Vattenfall – und es bleibt ein Kernmarkt.

Das Gespräch führte Jakob Schlandt.

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