kalaydo.de Anzeigen

Interview: "SRI ist viel zu aufwendig"

Der Reisforscher Achim Dobermann spricht im FR-Interview über Madagaskars Plan, die Erträge ohne Agrokonzere zu steigern.

Achim Dobermann ist Forschungsdirektor des renommierten Reisforschungsinstituts (IRRI) auf den Philippinen.
Achim Dobermann ist Forschungsdirektor des renommierten Reisforschungsinstituts (IRRI) auf den Philippinen.
Foto: Privat

Ist das in Madagaskar entwickelte System of Rice Intensification (SRI) der Schlüssel zur Lösung der Hungerkrise?

SRI ist kein Wundermittel. Eine ganze Reihe von Faktoren dieser Methode des Reisanbaus werden völlig überbewertet.

Zur Person

Achim Dobermann ist Forschungsdirektor des renommierten Reisforschungsinstituts (IRRI) auf den Philippinen.

Doch mit SRI lassen sich auf einfache Weise die Erträge steigern.

Da wird häufig ein idyllisches Bild gezeichnet. Obwohl SRI in Madagaskar schon seit 20 Jahren vor allem von nichtstaatlichen Organisatoren propagiert wird, hat sich die Methode nicht in der Fläche durchgesetzt. Viele Bauern lassen es nach kurzer Zeit wieder sein.

Was sind die Gründe?

Bauern, die SRI praktizieren, können meistens nur einen geringen Teil ihrer Felder danach beackern, weil die Methode zu arbeitsaufwendig ist. Sie müssen viel Zeit im Feld verbringen. Und pro Zyklus mindestens drei Mal durchmarschieren, um Unkraut zu jäten. Und die höheren Erträge sind nur zu erreichen, indem man große Mengen von Stallmist oder Kompost aufbringt. Das ist oft gar nicht verfügbar.

Also alles Lug und Trug?

Ich habe keinen Zweifel, dass man mit SRI einen vernünftigen Ertrag bekommt, wenn man alle Schritte der Methode beachtet und große Nährstoffmengen auf die Felder wirft. Bedenklich finde ich den fast religiösen Eifer der SRI-Verfechter.

Warum setzt Madagaskars Präsident Ravalomanana auf SRI?

Politiker treffen jeden Tag Entscheidungen, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben. Der Präsident muss sich fragen, ob das die Zukunft für Madagaskar ist. Ich bezweifle das. Die Methode ist vor 25 Jahren auf Madagaskar entwickelt worden und hat immer noch keinen großen Einfluss. Was will man da jetzt besser machen?

Wie sehen Ihre Rezepte aus?

In vielen Ländern haben wir noch erhebliche Ertragslücken. Wenn man die Anbaumethoden verbessert, kann der Ertrag pro Hektar in den meisten Regionen bis zu drei Tonnen steigen - ohne Wundermittel. Wir brauchen eine effizientere Düngung, ein besseres Wassermanagement. Und vor allem vernünftiges Saatgut, das resistent ist gegen Krankheiten und Schädlinge. Viele von diesen Sorten gibt es, aber sie finden nicht den Weg auf die Felder, weil die Zulassungssysteme in vielen Ländern noch nicht funktionieren. Darüber hinaus gehen weltweit im Schnitt noch immer 15 bis 20 Prozent der Ernte beim Transport und der Lagerung verloren. Wenn wir diese Verluste minimieren und den Farmern bessere Technologien verfügbar machen, dann können wir auf Jahre genug Reis produzieren.

Besseres Saatgut heißt gentechnisch verändertes Saatgut?

Nicht unbedingt. Es gibt genügend Spielraum, über beschleunigte konventionelle Methoden verbesserte Sorten zu züchten. Im IRRI arbeiten wir mit molekularen Methoden, um ein Gen, das in einer Reissorte vorkommt, auf andere, weit verbreitete Sorten zu übertragen. Wir beschleunigen nur die Natur. Mit Genmanipulation hat das nichts zu tun. Wir haben beispielsweise ein Gen gefunden, das den Reis überflutungsresistent macht, was wichtig ist für Küstengebiete wie in Bangladesh, die immer wieder überschwemmt werden. Ebenso experimentieren wir mit Genen für eine Salzresistenz und eine Toleranz gegen Trockenheit.

Aber in den so genannten Goldenen Reis, an dem Sie forschen, werden artfremde Gene eingekreuzt.

Ja, der Goldene Reis ist gentechnisch verändert. Wir haben diesen Reis mit Vitamin A angereichert und sind jetzt dabei, dieses neue Merkmal in lokale Sorten einzukreuzen. Wir rechnen damit, dass der Goldene Reis in drei bis vier Jahren auf den ersten Feldern in Bangladesh und auf den Philippinen zu Testzwecken ausgebracht wird - und dann wird es an den Regierungen liegen, über eine Zulassung zu entscheiden.

Wer macht dann das Geschäft mit dem Gen-Saatgut?

Es geht hier um eine öffentliches Projekt, das darauf abzielt, den Gesundheitszustand der Ärmsten zu verbessern. Da wird kein Unternehmen räuberischen Profit machen. Die an dem Projekt beteiligten Firmen haben ihre Rechte abgegeben und auf ein internationales Konsortium übertragen Und das IRRI ist damit beauftragt worden, die Züchtung weiter zubetreiben. Die Sorten werden dann frei verfügbar sein, die Bauern können das Saatgut sogar wieder verwenden.

Sie setzen also doch auf Gen-Technik?

Wenn man ständig dazu gezwungen ist, dem Bevölkerungswachstum mit der Nahrungsmittelproduktion hinterherzulaufen, stößt man irgendwann an die Grenzen. In Ländern wie Indien und China, die ständig unter hohem Druck stehen, genügend Nahrungsmittel zu produzieren, wird es ernsthafte Debatten geben, gentechnisch veränderte Reissorten zuzulassen. Langfristig wird das ein Bestandteil von vielfältigen Lösungen zur Nahrungsmittelkrise sein müssen, aber nur wenn die Forschung ausreichend Information zum Nutzen und zu möglichen Nebenwirkungen erbracht hat.

Interview: Tobias Schwab

Datum:  17 | 11 | 2008
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.


Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Fotostrecke
Forum Entwicklung
Das Forum Entwicklung ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Am 31. Mai diskutiert FR-Redakteur Tobias Schwab mit Fernsehköchin Sarah Wiener und weiteren Gästen das Thema "Wer verdient am Kaffee?"

Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

Ressort

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Anzeige

Tops und Flops in der Wirtschaft

Anzeige

 

Video

  • 6.339,94 Pkt. +24,05 (+0,38%)
  • 10.196,44 Pkt. -35,08 (-0,34%)
  • 752,47 Pkt. +0,62 (+0,08%)
  • 8.580,39 Pkt. +17,01 (+0,20%)
  • 1,2512 USD -0,0003 (-0,02%)
in Zusammenarbeit mit Finanzen100.de
Atommüll-Endlager
Schacht Konrad - Das ehemalige Erzlager soll 2019 den Betrieb als Endlager für Atommüll aufnehmen. Geplant ist, 90 Prozent des gesamten Volumens der radioaktiven Abfälle in Deutschland zu lagern.

Der Bau des Endlagers für Atommüll wird voraussichtlich erst 2019 fertig. Es drohen Zusatzkosten von bis zu einer Milliarde Euro. Zur Grafik...

 Mehr...

Brutto / Netto Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Anzeige

Finden Sie jetzt gezielt den richtigen Partner für eine glückliche Beziehung. So wird Ihre Partnersuche ganz einfach.

ANZEIGE
- Business
- sonstiges
- Kauftipps!