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27. Januar 2014

Interview: Gewinn auf Kosten der Moral ist verlockend

 Von 
Nick Lin-Hi.  Foto: Uni Mannheim

Kurzfristig kann es durchaus profitabel sein, unverantwortlich zu agieren, sagt der Mannheimer Unternehmensethiker Nick Lin-Hi. Und warnt zugleich: Das Risiko, erwischt zu werden, wird oft unterschätzt.

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Dass ein Hochschullehrer eine eher matte Zuhörerschaft mittels eines 60-minütigen Vortrags nicht in den Tiefschlaf versetzt, sondern ermuntert, erheitert und erfreut, sagt schon einiges über die Qualität des Referenten aus. Nick Lin-Hi besitzt diese Gabe, wie er auf der Jahrestagung des Deutschen Reiseverbandes in Salzburg bewies. An einem trüben Morgen vermochte es der Universitätsprofessor, das noch vom Empfang am Vorabend erschöpfte Publikum binnen kurzem in den Bann zu ziehen – und dies immerhin mit dem sperrigen Thema „Gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen“.

Herr Lin-Hi, das vergangene Jahr war geprägt von Wirtschaftsskandalen: Pferdefleischlasagne, Zinsmanipulationen von Banken, hunderte Brandopfer in Drittweltfabriken hiesiger Textilhandelsketten. Vor diesem Hintergrund wirken all die Selbstverpflichtungen zu fairem Wirtschaften hohl.

Das ist leider richtig. Die permanent auftretenden Skandale sind ein zentraler Grund dafür, dass die Menschen das Vertrauen in die Marktwirtschaft und die Unternehmen immer mehr verlieren.

Kann man diesen Vertrauensverlust messen?

Es gibt zahlreiche Umfragen, die sehr deutlich belegen, dass unser Wirtschaftssystem immer kritischer gesehen wird. In einer Erhebung von Allensbach aus dem vergangenen Jahr haben 46 Prozent der Befragten die Ansicht vertreten, dass eine freie Wirtschaft automatisch zu sozialer Ungerechtigkeit führt, während nur 38 Prozent glauben, Marktwirtschaft mache soziale Gerechtigkeit erst möglich. Zehn Jahre zuvor war die Meinungsverteilung noch genau umgekehrt. Auch das öffentliche Bild von Unternehmen wird zunehmend schlechter. Heute überwiegt die Sichtweise, dass Unternehmen in rücksichtsloser Weise Gewinne erzielen.

Handeln die Akteure wirklich unethischer als früher? Oder reagiert die Öffentlichkeit nur sensibler?

Mit Twitter, Facebook und Smartphone verbreiten sich Nachrichten über Skandale heute binnen Minuten auf der ganzen Welt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fehltritt bemerkt und global bekannt wird, ist viel größer als vor 20 Jahren. Und das Internet vergisst nicht, die Inhalte bleiben abrufbar. Bei den traditionellen Medien Radio, Fernsehen und Zeitungen ist das anders.

Sagen Sie jetzt nichts vom Fisch einpacken . . .

Was ich meine ist: Wenn ein Unternehmen in den 90ern auf der anderen Seite der Welt Menschen unter unwürdigsten Bedingungen ausgebeutet hat, dann ist das bis Europa oft gar nicht durchgedrungen. Das hat sich geändert. Ich denke da zum Beispiel an die Kritik an Apple-Produktionsstätten in China oder den Fabrikeinsturz in Bangladesch im April vergangenen Jahres mit mehr als tausend Toten, über den weltweit berichtet wurde.

Das heißt: Nicht die Sauereien haben zugenommen, sondern ihre Verbreitung?

Wahrscheinlich haben sich Unternehmen vor 20 oder 30 Jahren nicht ethischer verhalten als heute. Aber das macht aktuelle Verfehlungen ja nicht besser.

Warum verletzen Unternehmen Fairness-Regeln, warum brechen sie Gesetze?

Wer seine Arbeiter zu Hungerlöhnen ausbeutet, Zulieferer nicht kontrolliert, Wartungsarbeiten hinausgezögert, Sicherheitsstandards missachtet, Preise manipuliert, dem geht es um mehr Gewinn. Kurzfristig kann es durchaus profitabel sein, unverantwortlich zu agieren.

Sind Eigeninteresse und Gewinnstreben mit Gemeinwohlorientierung unvereinbar?

Glücklicherweise ist dies nicht so. Je langfristiger ein Unternehmen denkt, desto besser passen wirtschaftlicher Erfolg und ethisches Handeln unter einen Hut. Das Problem ist: Ein schneller Gewinn auf Kosten der Moral ist verlockend konkret. Dagegen wird das Risiko, erwischt zu werden, oft unterschätzt. Das gilt auch für die Kosten, die mit unverantwortlichem Verhalten verbunden sind.

Die Abschreckung reicht offenbar nicht aus.

Sollte sie aber. Die Praxis zeigt doch, dass die Kosten mittlerweile enorm sind. Die Ölpest im Golf von Mexiko hat BP ernsthaft in seiner Existenz bedroht und Banken müssen derzeit Milliardenstrafen zahlen. Hinzu kommen die Kollateralschäden durch den Imageverlust, die Unternehmen richtig teuer zu stehen kommen.

Lesen Sie weiter auf der nächsten Seite: Ist ein Imageschaden schlimm?

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