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15. März 2011

Interview mit DAK-Vorstand Rebscher: „Nicht pfänden wäre ein Skandal“

DAK-Chef Herbert RebscherFoto: dapd

Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) steht im Blickpunkt, weil sie gegen 220.000 Versicherte Inkassoverfahren eingeleitet hat. Der Vorstandsvorsitzende der DAK, Herbert Rebscher, spricht im FR-Interview über säumige Kassenmitglieder, teure Versicherte und Personaleinsparungen.

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Die Deutsche Angestellten Krankenkasse (DAK) steht im Blickpunkt, weil sie gegen 220.000 Versicherte Inkassoverfahren eingeleitet hat. Der Vorstandsvorsitzende der DAK, Herbert Rebscher, spricht im FR-Interview über säumige Kassenmitglieder, teure Versicherte und Personaleinsparungen.

Herr Rebscher, die DAK ist in die Schlagzeilen geraten, weil sie Pfändungsverfahren gegen Mitglieder eingeleitet hat, die ihre Zusatzbeiträge nicht bezahlen. Hat Sie das überrascht?

Ja. Diese öffentliche Diskussion verwundert mich doch sehr. Wir leiten schließlich seit jeher Inkassoverfahren ein, wenn Mitglieder ihre Beiträge nicht bezahlen.

Aber noch nie wurden auf einen Schlag Inkassoverfahren gegen 220000 Mitglieder eingeleitet.

Ja, weil die kompletten Beiträge früher über die Arbeitgeber abgeführt wurden und es keine Zusatzbeiträge gab. Knapp fünf Prozent der Mitglieder haben nicht gezahlt. Eine solche Quote säumiger Zahler gibt es auch bei Selbstständigen, die ihre Beiträge selbst überweisen und auch in anderen Branchen. Es wäre ein Skandal, wenn wir die ausstehenden Beiträge nicht reinholen würden. Da müssten sich die anderen Mitglieder ja betrogen fühlen. Seitdem die Presse darüber berichtet, dass wir jetzt Inkassoverfahren einleiten, melden sich viele säumige Mitglieder und fragen, ob sie noch schnell überweisen können, bevor es ernst wird.

Welche Mehrausgaben entstehen für die DAK dadurch?

Die Verfahrenskosten gehen vollständig zulasten der säumigen Mitglieder. Für Mahnschreiben oder Telefonanrufe hat der Gesetzgeber eine Pauschale in Höhe von mindestens 20 Euro vorgesehen, wenn die Mitglieder länger als sechs Monate in Verzug sind. Auch die Hauptzollämter, die wir mit den Inkassoverfahren beauftragt haben, stellen ihren Aufwand den säumigen Mitgliedern in Rechnung.

Die DAK hat durch die Zusatzbeiträge im vergangenen Jahr massiv Mitglieder verloren. Ist der Trend nun gestoppt?

Wir gehen davon aus, dass wir durch die Inkassoverfahren noch einmal einen Anstieg der Kündigungen sehen werden. Seit der erstmaligen Erhebung des Zusatzbeitrags vor einem Jahr sind die Mitgliederverluste aber nach anfänglich massiven Verlusten deutlich zurückgegangen. Wir haben sogar 200000 neue Mitglieder gewonnen.

Zur Person

Herbert Rebscher hat nach seinem Abitur eine Laufbahn als Offizier der Bundeswehr eingeschlagen. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler fokussierte sich bereits während des Studiums auf gesundheitspolitische Themen. Seit fast 20 Jahren arbeitet er im Bereich der Krankenkassen. Der 56-Jährige ist seit 2005 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Angestellten Krankenkasse.

Die DAK, die drittgrößte deutsche Krankenkasse, gehörte zu den ersten, die im Februar 2010 einen Zusatzbeitrag einführen musste, weil sie ihre Kosten mit den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds nicht decken konnte. Ursache dafür sind unter anderem ein großflächiges und teures Filialnetz und eine ungünstige Versichertenstruktur mit überdurchschnittlich vielen alten, kranken und damit teuren Versicherten.

dba

Warum denn das?

Wir sind gerade dabei zu analysieren, wer neu zu uns kommt. Klar ist, dass die Gesunden die Kasse verlassen. Sie sind preissensibel und wollen keine Zusatzbeiträge bezahlen. Wer dagegen in der Versorgung steckt, also von uns Leistungen bezieht, der bleibt. Unter den Neuzugängen sind auch Menschen, die bei uns gekündigt hatten, aber mit ihrer neuen Kasse unzufrieden sind. Das zeigt, dass unsere Leistungen auch einen Zusatzbeitrag von acht Euro rechtfertigen.

Nervt es Sie eigentlich, dass sich alles nur noch auf die Zusatzbeiträge konzentrieren?

Durchaus. Als die Kassen ihre Beitragssätze noch selber festlegen konnten, waren Preisunterschiede von je nach Gehaltsklasse 20 bis 40 Euro pro Monat kein Thema. Da haben wir sogar Mitglieder hinzugewonnen. Jetzt geht es um acht Euro mehr. Und plötzlich sehen die Mitglieder nicht mehr, dass sie dafür auch mehr Leistungen bekommen als bei einer Kasse mit Miniangebot.

Durch die Mitgliederverluste hat die DAK jetzt zu viel Personal. Wie viele Stellen sollen wegfallen?

Wir haben seit 2004 rund 3000 Stellen sozialverträglich abgebaut. Auch in diesem Jahr werden wir Personal abbauen. Die eine oder andere Geschäftsstelle könnte ebenfalls entfallen, was nicht heißt, dass wir an unserem wohnortnahen Betreuungsnetz nicht festhalten. Mitten in Verhandlungen mit Verdi und dem Personalrat werde ich aber keine Zahlen nennen.

Im vergangenen Jahr haben sie Verluste gemacht. Schaffen Sie es 2011 wieder in die schwarzen Zahlen?

Die Lage ist besser als sie scheint. Denn operativ haben wir 2010 einen Überschuss von 62 Millionen Euro erwirtschaftet. Für das Minus waren Nachzahlungen an das Bundesversicherungsamt verantwortlich. In diesem Jahr können wir einen Überschuss von knapp 200 Millionen Euro schaffen.

Der Gesetzgeber hilft ihnen dabei kräftig.

In der Tat. Die haben Muffensausen gekriegt. Denn ohne gesetzliche Maßnahmen wie den höheren Zwangsrabatt auf Arzneimittel, die Beitragssatzerhöhung und den Steuerzuschusses hätten wir jetzt bei fast allen Krankenkassen Zusatzbeiträge. So aber werden die meisten Kassen in diesem Jahr ohne Zusatzbeiträge auskommen.

Der Gesundheitsfonds wird sogar sechs Milliarden Euro Überschuss machen.

Von dem Geld haben die Krankenkassen aber nichts. Denn die Zuweisungen aus dem Fonds orientieren sich an unseren prognostizierten Ausgaben. Das irritiert viele Versicherte. Sie verstehen nicht, warum die DAK trotz gestiegener Beitragssätze noch einen Zusatzbeitrag benötigt. Man muss ihnen erklären, dass die Überschüsse des Gesundheitsfonds bis 2015 dazu verwendet werden sollen, finanzschwache Mitglieder bei den Zusatzbeiträgen zu entlasten.

Herr Rebscher, was kostet die DAK ihr teuerster Versicherter?

Unser teuerster Versicherter ist ein Bluter. Wir geben für ihn 2,8 Millionen Euro pro Jahr aus. Wir haben mehrere solch teure Versicherte. Deswegen wäre ein gemeinsamer Hochrisikopool der Krankenkassen sehr sinnvoll! Der würde immer bei Patienten helfen, bei denen die Ausgaben eskalieren. Hier besteht Handlungsbedarf.

Minister Philipp Rösler will nun zunächst einmal die ärztliche Versorgung auf dem Land verbessern. Wie bekommt man mehr Ärzte aufs Land?

Wir brauchen neue Organisationsstrukturen. Es wäre zum Beispiel sinnvoll, in Dörfern medizinische Versorgungszentren einzurichten, wo Ärzte tageweise arbeiten. Montags wäre der Internist da, am Mittwoch der Chirurg, am Freitag der Orthopäde und zwischendrin die Hausärzte. Das wäre für die Ärzte interessant, weil sie dann auch in einer nahe gelegenen Stadt wohnen könnten und nicht das wirtschaftliche Risiko einer eigenen Praxis in einer strukturschwachen Gegend hätten. Und das wäre für die Versorgung der ländlichen Bevölkerung zweckmäßig.

Interview: Daniel Baumann

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