Abo | ePaper | App | Newsletter | Facebook | Anzeigen | Trauer

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

26. Januar 2013

Interview mit früherem Mitterrand-Berater: Wider das deutsche Billiglohnmodell

 Von Stefan Brändle
Rabattschlachten sind auch in Frankreich üblich. Billiglöhne will Jacques Attali aber nicht. Foto: AFP

Jacques Attali, Ex-Berater von François Mitterrand, glaubt an große Zukunftschancen für Frankreich und Europa - trotz aktueller Krise. Deutschland sieht er als kranken Mann. Im Interview spricht er über deutsche Schwächen, Reichtum und Billiglöhne.

Drucken per Mail

Jacques Attali, Ex-Berater von François Mitterrand, glaubt an große Zukunftschancen für Frankreich und Europa - trotz aktueller Krise. Deutschland sieht er als kranken Mann. Im Interview spricht er über deutsche Schwächen, Reichtum und Billiglöhne.

Frankreich hat in den vergangenen zehn Jahren fast eine Million industrieller Arbeitsplätze und viel an seiner einstigen Wettbewerbsfähigkeit verloren. Jacques Attali, Ex-Berater des ehemaligen französichen Präsidenten François Mitterrand, räumt seinem Land dennoch große Zukunftschancen ein. Das französische Wirtschaftssystem sei dem deutschen überlegen, es fördere Reichtum und bekämpfe Armut zugleich, den Deutschen gingen dagegen die Jungen aus. Nicht Frankreich sei der kranke Mann Europas, sondern Deutschland.

Deutschland und neuerdings auch England, Spanien und Italien haben gewichtige Reformen angepackt – nur Frankreich zögert als letzte der großen EU-Nationen. Warum?

Frankreich ist ein reiches Land. Es hat zwar hohe Steuern und Abgaben, doch diese decken alle Bereiche ab, während man in anderen Ländern noch die Kosten der privaten Vorsorge oder Versicherung dazurechnen müsste. Damit wahrt Frankreich insgesamt – und obwohl es mehr Arme als bisher gibt – eine sehr hohe Lebensqualität. Das erklärt paradoxerweise die französische Vorsicht gegenüber Reformen.

Was müsste Frankreich besser machen?

Ich habe 2008 in einem detaillierten Regierungsbericht 300 konkrete Änderungsvorschläge mit liberaler und sozialer Stoßrichtung unterbreitet. Für die Umsetzung dieser Staats-, Universitäts- und Wirtschaftsreformen fehlt aber der politische Mut. Das heißt aber nicht, dass Frankreich am Abgrund steht. Schauen Sie nur die Zinsen an – für zehnjährige Anlagen zahlt Frankreich so wenig wie noch nie, viel weniger als Italien oder Spanien. Das ist ein klarer Vertrauensbeweis der Märkte. In Europa kommt heute die falsche Idee auf, Frankreich sei der kranke Mann Europas. Wenn, dann gilt das für Deutschland.

Ach so? Deutschland gilt doch derzeit für viele Franzosen als Vorbild.

Konjunkturell vielleicht. Langfristig steht Deutschland aber vor einem schwerwiegenden Problem – seiner katastrophalen Bevölkerungsstruktur. Die Deutschen machen keine Kinder mehr. In dreißig Jahren wird Frankreich Deutschland überholt haben, was die Zahl der Einwohner betrifft (derzeit gibt es 82 Millionen Deutsche, 66 Millionen Franzosen, die Red.). Eines Tages wird Deutschland nicht mehr genug junge Menschen haben, um sein Rentensystem zu finanzieren. Und ich wünsche mir nicht, dass die Franzosen dann für die Renten der Deutschen aufkommen müssen.

Zur Person
Jacques Attali berät, schreibt und dirigiert.

Der Berater: Jacques Attali, 69, ist einer der prominentesten Denker Frankreichs. Der Berater des sozialistischen Ex- Präsidenten François Mitterrand (Amtszeit 1981 bis 1995) und erster Chef der Osteuropabank arbeitet heute als Wirtschaftsprofessor und Chef einer Beratungsfirma für technologische Innovationen. Außerdem leitet Attali PlaNet Finance, eine Nicht-Gewinn-Organisation zur Armutsbekämpfung mit 2 500 Angestellten, die in Entwicklungsländern Mikrokredite verleiht.

Der Autor und Dirigent: Der agile Vertreter des „esprit français“ empfängt seine Besucher am noblen Konferenztisch eines seiner Pariser Büros. Während er Interviewfragen beantwortet, behält er ein Auge auf seinen Laptop und auf sein Smartphone, in das er sporadisch Anweisungen spricht. In seiner Freizeit verfasst Attali, der verheiratet ist und zwei Kinder hat, Romane und Theaterstücke. In letzter Zeit trat er als Dirigent des Universitätsorchesters von Grenoble in Erscheinung.

Derzeit hat Berlin die Staatsfinanzen inklusive des Rentensystems allerdings noch besser unter Kontrolle als Paris.

Die Staatsausgaben sind überall in Europa zu hoch. Aber ich bin dagegen, die Ausgaben für die Familienpolitik zu senken. Das sollten auch die Deutschen nicht tun, aus langfristigen Überlegungen.

Heute liegen die Löhne in Frankreich höher als in Deutschland. Vor zehn Jahren war es noch umgekehrt. Frankreich hat in dieser Zeit fast eine Million industrieller Arbeitsplätze verloren. Liegt das Kernproblem Ihres Landes nicht eher dort?

Die Regierung in Paris packt das Problem der Wettbewerbsfähigkeit nun an. Sich macht sich auch vorsichtig an eine Arbeitsmarktreform. Damit verglichen, ist die deutsche Konkurrenzfähigkeit sicher beeindruckend. Aber sie beruht auch auf zwei künstlichen Faktoren – der Mehrwertsteuerpolitik und der Nähe Deutschlands zu Osteuropa, das heißt zu den Billiglohnarbeitern aus Polen.

Ist der freie Personenverkehr in der EU ein Problem?

Ich würde sagen eine Gefahr. Ich bin gegen die Bolkestein-Direktive, die es einem polnischen Arbeiter ermöglicht, mit einem polnischen Vertrag in Deutschland oder Frankreich zu arbeiten. Das zerstört sämtliche Sozialregeln.

Was lässt sich dagegen tun?

Wenn ein Arbeiter aus der EU nach Frankreich kommt, muss er der französischen Gesetzgebung unterliegen. Dasselbe in Deutschland. Es ist nicht normal, dass ein Grieche nach Frankreich oder Deutschland arbeiten geht, seine Sozialleistungen aber nach dem Ansatz in Athen berechnet werden. Wie in Steuerfragen muss auch im Arbeitsrecht das Wohnsitzprinzip gelten.

Frankreich hat aber ein anderes Problem: Renault verlagert inzwischen seine Fabriken heute lieber nach Spanien, wo die Arbeitskräfte um 30 Prozent billiger sind.

Es stimmt, die französische Handelsbilanz verliert nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber Spanien an Boden. Ein Grund liegt darin, dass diese Länder Wettbewerbsreformen vorgenommen haben, die in Frankreich ausgeblieben sind – diesbezüglich herrscht auch in Paris Einigkeit. Nur deshalb sollte Frankreich aber nicht das deutsche oder spanische Billiglohnmodell übernehmen. Besser ist der österreichische Ansatz mit einem flexiblen Arbeitsmarkt und zugleich einer umfassenden sozialen Abdeckung für Arbeitslose. Man soll leichter entlassen können, dafür die Arbeitslosen besser schützen.

Vertreibt Frankreich nicht viele kreativen Investoren und Unternehmen, indem es, wie unter François Hollande geschehen, Millioneneinkommen mit bis zu 75 Prozent besteuern will?

Diese Steuer, vom Verfassungsgericht zurückgewiesen, wird nun revidiert. In Frankreich besteht weiterhin ein Konsens, dass alle nach ihren Fähigkeiten einen Beitrag zum Wiederaufschwung des Landes leisten sollen – auch Gutverdiener.

Wie beurteilen Sie Hollandes erstes Halbjahr im Élysée aus wirtschaftspolitischer Sicht?

Er hat die Weichen richtig gestellt. Auf europäischer Ebene hat er es geschafft, die Tendenz zur Wachstumspolitik umzukehren, nachdem die Regierungen in Berlin und London zuerst voll auf die Politik der Austerität gesetzt hatten. Zugleich hält Hollande in Frankreich eisern an der Einhaltung des Haushaltsbudgets fest. Er unternimmt Schulreformen, er versucht die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Das alles sind gute Ansätze.

Setzt Hollande letztlich mehr in Bewegung als sein hyperaktiver Vorgänger Sarkozy?

Durchaus. Ich bedaure, dass Nicolas Sarkozy nicht mehr Reformen angepackt hatte. Die französische Rechte ist sehr konservativ, oft blockiert und unfähig, Dinge zu bewegen. Jetzt ist die Linke an der Macht. Ich bleibe optimistisch für Frankreich, zum einen, weil Europa trotz allem Form annimmt, zum anderen, weil Frankreich bevölkerungsmäßig stark wächst und seine Exportkraft wieder finden wird. Französische Firmen sind schon heute führend in so unterschiedlichen Bereichen wie der Wasserversorgung, Energie, Versicherung, ferner bei den Luxusprodukten, dem Tourismus, dem Transport, und sogar ebenfalls in gewissen Software-Bereichen.

Ihr Einsatz gehört heute nicht mehr Frankreich, sondern dem Kampf gegen die Armut. Warum?

Ich bin zuerst gegen den Hunger in der Welt angetreten. 1988 erkannte ich in Bangladesch die Chancen des Mikrokredits; zu diesem Zweck gründete ich PlaNet Finance. Die Organisation bekämpft die extremste Armut auf der Erde und ist äußerst wirkungsvoll, da sie den Bauern zu Kleinkrediten verhilft. Das funktioniert außerhalb der staatlichen Instanzen und erhält überall Unterstützung. In der Schweiz sind viele Stiftungen, Banken und Mäzene beteiligt.

Ist die Armut in der Welt der größte Schwachpunkt des liberalen Systems?

Na ja, das sozialistische System hat die Armut auch nicht aus der Welt geschafft. Ich sehe vom Ansatz her eher einen krassen Unterschied zwischen dem Norden, wo Reichsein als das Krebsübel schlechthin gilt, und der großen Mehrheit im Süden, die das Armsein für den Skandal hält. Ich glaube nun mal, dass man den Leuten das Recht geben sollte, sich zu bereichern – nicht zuletzt, um die Armut besser bekämpfen zu können. Wir brauchen Reiche, aber auch einen effizienten Wohlfahrtsstaat.

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke
Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen

Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke
FR-Spezial
Die IG Metall will in Kürze entscheiden, ob sie zu Warnstreiks in der Stahlindustrie aufruft.

Kurzarbeit, Jobabbau - wie sozial unsere Marktwirtschaft noch ist. Und: Hartz IV - Nachwirkungen der großen Sozialreform.