Graf Matuschka, die Bankenkrise hat eine Dimension bekommen, die kaum jemand für möglich gehalten hätte. Überall auf der Welt basteln die Regierungen daran, die gigantischen Rettungsprogramme für Banken und Unternehmen noch einmal aufzustocken. Wird das reichen?
Das reicht nur, wenn wir einen neuen New Deal organisieren, der das reale Wachstumspotenzial der Welt ausschöpft. Und den meisten Bankern ist ja bewusst, dass sie ein neues Geschäftsmodell brauchen. Das, was die Kreditwirtschaft in den vergangenen Jahren getrieben hat, war ein Irrweg.
Albrecht Graf Matuschka (62) war als Bankier für M.M. Warburg tätig und studierte Ökonomie in München und Hamburg.
Als Mitbegründer der 1979 gegründeten Matuschka-Gruppe spezialisierte er sich darauf, Unternehmer in Anlagefragen zu beraten.
Sie meinen, deutsche Banken hätten nicht mit amerikanischen Hypothekenpapieren spekulieren sollen?
Natürlich nicht. Aber das ist nur ein Symptom. Das eigentliche Problem liegt viel tiefer. Ich will es mal so ausdrücken: In den hohen Frankfurter Bankentürmen sitzen vielleicht in den ersten ein, zwei Etagen Mitarbeiter, die sich um die Kunden kümmern. Und die ganzen Stockwerke darüber sind mit Bankern besetzt, die sich im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigen. Die Banken haben sich in virtuellen Geschäften verloren, statt ihre eigentlichen Aufgabe zu erfüllen. Wir sehen gerade sehr eindrucksvoll, in welche Probleme man gerät, wenn man das Grundgeschäft aus den Augen verliert.
Was genau meinen Sie mit Grundgeschäft?
Finanzen sind nichts weiter als ein Instrument um reales Wachstum zu begleiten. So wie das Blut im Körper nur dadurch einen Sinn erhält, dass es die Organe am Leben erhält, braucht auch die Liquidität ein Gegenstück in der Realwirtschaft. Zum Grundgeschäft der Banken gehört auch, ihre Kreditkunden wirklich zu kennen. Nehmen wir einen Unternehmer, der seit 25 Jahren Beziehungen zu seiner Hausbank unterhält. Die Bank kennt das Geschäft, seine Familie. Diese Bank kann den Unternehmer begleiten - in guten wie in schlechten Zeiten. Aber was ist dieser Kredit noch wert, wenn er aus den Büchern der Bank in den Topf eines 26-jährigen überbezahlten Portfoliomanagers in Des Moines, Iowa, (Finanzzentrum in den USA, Anm. d. Red.) wandert, der noch 15 000 andere Kredite verwaltet? Nicht viel, würde ich sagen. Denn der Finanzfachmann kann ja überhaupt keine Ahnung vom Grundgeschäft haben.
Die Banken sollen sich also wieder darauf konzentrieren, Spareinlagen umzuwandeln in Kredite an Unternehmen, die sie kennen. Das liefe auf eine ziemliche Schrumpfkur hinaus.
Aber beileibe nicht! Es kommt natürlich darauf an, in welchen Regionen die Banken sich engagieren. Wo spielt sich derzeit das Wachstum denn ab? Doch nicht in den USA, wo die aktuelle Krise losgetreten wurde. Schauen Sie sich doch einmal an, was in Russland passiert, in China oder auch im Nahen Osten. Der rasante Aufstieg dieser Volkswirtschaften erfordert und ermöglicht doch einen enormen Ausbau der Infrastruktur. Und gerade die Banken am Finanzplatz Frankfurt sind doch in der besten geografischen Ausgangslage, um an dieser Entwicklung teilzuhaben.
Im Moment zweifeln Politiker lautstark an, ob die krisengeschüttelten Banken dem deutschen Mittelstand überhaupt genug Kredite zur Verfügung stellen. Wie sollen sie da den infrastrukturellen Aufbau der Schwellenländer finanzieren können?
Ich bitte Sie, das Geld sollen die Banken natürlich nicht selbst aufbringen. Auch das Geld finden Sie heute ja nicht in der westlichen Welt, sondern in den Schwellenländern. Allein die Staatsfonds dieser Länder verwalten ja mehrere Billionen Dollar. Und dazu kommt noch das immense Vermögen der Industriellenfamilien in den aufstrebenden Märkten. Statt an der Wall Street oder an anderen westlichen Börsenplätzen wäre dieses Geld doch viel besser und gewinnbringender in die Infrastruktur der Schwellenländer investiert.
Wenn etwa der chinesische Staatsfonds in die eigene Infrastruktur investiert, warum sollte er dafür die Dienste deutscher Geldinstitute in Anspruch nehmen?
Weil Deutschland nicht nur über das Know-how verfügt, um den Aufbau der Infrastruktur finanziell zu begleiten, sondern auch über eine unglaubliche Vielfalt innovativer Unternehmen, die in der Lage sind, die notwendige Technik zu liefern. Hier eine Mittlerfunktion zwischen den neuen Märkten und den neuen Kapitalgebern einzunehmen, ist eine einzigartige Chance für deutsche Banken. Leider eiferten diese lieber dem zweifelhaften Geschäftsmodell angelsächsischer Banken nach, statt ihre Wettbewerbsvorteile zu nutzen. Nach dem man den Finanzkapitalismus wohl als gescheitert betrachten muss, wäre es Zeit sich auf diese Stärken zu besinnen.
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