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21. September 2012

Interview mit Heinrich Alt: „Die meisten Menschen wollen arbeiten“

Heinrich Alt.  Foto: dpa

Heinrich Alt, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, spricht im Interview über Vollbeschäftigung und die Kompetenzen von Migranten.

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In vielen Regionen der Republik herrscht mittlerweile wieder Vollbeschäftigung. In den ostdeutschen Ländern sind gemessen an der Gesamtbevölkerung genauso viele Menschen erwerbstätig wie im Westen, die Jobchancen Älterer sind gut wie lange nicht, und auch Migranten profitieren von der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften. Einer so entspannten Lage stand der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA), Heinrich Alt, bisher noch nicht gegenüber. Ein Grund, die Hände in den Schoß zu legen, ist dies freilich nicht. Alt hält an dem ehrgeizigen Ziel fest, auch Dauerarbeitslose auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzubringen. Wenn es nicht anders geht, auch mittels langfristig gezahlter, staatlicher Zuschläge. Solche Anstrengungen seien ein Gebot der Humanität.

Herr Alt, Helmut Schmidt hat vor 40 Jahren gesagt, ihm seien fünf Prozent Inflation lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit. Damals waren weniger als eine Million Menschen in Deutschland ohne Job. Heute sind es mehr als 2,5 Millionen, und es heißt, wir hätten Vollbeschäftigung. Was ist geschehen?

Der Arbeitsmarkt ist heute viel stärker in Bewegung als damals. Wir registrieren jeden Arbeitstag 20.000 Menschen, die ihren Arbeitsplatz verlieren, und ebenso viele, die neu eingestellt werden. Wir haben andere Beschäftigungsformen, Freelancer, befristete Arbeitsverhältnisse oder Leiharbeit zum Beispiel, die neue berufliche Patchwork-Karrieren hervorbringen. Bei alledem ist die Zahl der Menschen, die erwerbstätig sind, sehr stark gewachsen. Die Erwerbsquote ist von 67 Prozent im Jahr 1972 auf 77 Prozent in 2011 gestiegen.

Das erklärt aber nicht, warum wir heute die Arbeitslosen in Millionen zählen, während es damals wenige Hunderttausend waren.

Helmut Schmidt hat sich damals auf die alte Bundesrepublik bezogen. Dort gibt es auch heute viele Regionen mit zwei, drei Prozent Arbeitslosigkeit, vor allem im Süden. Das kommt der Vollbeschäftigung schon sehr nahe. In den ostdeutschen Ländern sieht es historisch bedingt schlechter aus. Die Arbeitslosenquote liegt in den neuen Ländern im Schnitt bei über zehn Prozent, doppelt so hoch wie im Westen. Es gibt vor allem in den ländlichen Räumen Arbeitsplatzdefizite. Die industriellen Kerne und deren Umfeld funktionieren inzwischen gut. Aber in der Niederlausitz, der Uckermark oder im Südwesten Sachsen-Anhalts ist es nicht gelungen, im marktwirtschaftlichen Rahmen ausreichend Arbeitsplätze anzusiedeln. Die regionale Spreizung der Arbeitslosigkeit hat stark zugenommen.

Kann der Osten denn überhaupt noch aufschließen?

In vieler Hinsicht hat er das längst. Gemessen an der Gesamtbevölkerung sind in den ostdeutschen Ländern genauso viele Menschen erwerbstätig wie im Westen. Der Erwerbswunsch, insbesondere von Frauen, ist jedoch erheblich höher als im Westen, so dass trotz der gleichen Beschäftigungsquote mehr Menschen arbeitslos gemeldet sind.

Das heißt: Wenn 1970 in der alten Bundesrepublik genauso viele Frauen gearbeitet hätten wie heute in Sachsen-Anhalt, wäre die Arbeitslosenquote damals höher gelegen?

Sehr viel höher. Da hätte man die fünf Prozent, vor denen Helmut Schmidt warnte, weit übertroffen.

Bleibt die Frage, warum wir heute einen offenbar kaum abbaubaren Kern von ein bis zwei Millionen Arbeitslosen haben.

So viele sind es nicht. Knapp eine Million Menschen haben seit mehr als zwölf Monaten keine Arbeit. Sie sind oft ohne Schulabschluss und Berufsausbildung, sie sind über 50 Jahre oder alleinerziehend. Zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen weisen mindestens eines dieser Merkmale auf. Das gilt erst recht für jene 400.000 Arbeitslose, die in ihrem Leben noch nie eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ausgeübt haben.

Und die in der freien Wirtschaft faktisch ohne Chance sind.

In Holland, Großbritannien oder skandinavischen Ländern werden diese Menschen als arbeitsunfähig in der Renten- oder Krankenversicherung „versteckt“. Bei uns gilt als arbeitsfähig, wer wenigstens drei Stunden am Tag arbeiten kann. Das ist eine sehr ehrgeizige sozialpolitische, aber vor allem humane Maßgabe.

Man könnte auch sagen: Ein unrealistisches Kriterium, weil viele dieser Arbeitslosen nicht vermittelbar sind und eigentlich in die Sozialhilfe gehören.

Das finde ich nicht. Wir wollen diesen Menschen signalisieren: Wir haben dich nicht aufgegeben, du kannst es schaffen, mit unserer Hilfe und eigener Anstrengung. Ich glaube, nur die allerwenigsten fühlen sich in der viel beschworenen Hängematte wohl. Es ist doch eine Frage der Selbstachtung, nicht von staatlichen Transfers abhängig zu sein. Wir stehen vor der Herausforderung, diese Menschen mit ihren zugegeben häufig dauerhaft eingeschränkten Einsatzmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt einzugliedern.

In einen dritten oder vierten vermutlich, finanziert aus Steuermitteln.

Das begeistert weder die Betroffenen noch mich. All die vielen Programme, von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bis zum Ein-Euro-Job, haben dauerhaft nicht die gewünschte Wirkung gezeigt. Wir müssen darauf hinarbeiten, dass auch Menschen mit größeren Vermittlungshemmnissen eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt erhalten. Denkbar wäre zum Beispiel, wie es bei Schwerbehinderten heute schon möglich ist, ihnen notfalls dauerhaft Zuschüsse zu gewähren, um ihre objektiv eingeschränkte Produktivität auszugleichen. Eingliederungszuschüsse sind in der Regel sehr erfolgreich, 70 Prozent der geförderten Beschäftigten werden anschließend fest übernommen.

Menschen mit Migrationshintergrund sind ebenfalls stark von Arbeitslosigkeit betroffen.

Das trifft leider zu. Sie sind doppelt so häufig arbeitslos wie der Rest der Bevölkerung. Es gibt oft Probleme mit der Sprache, der Anteil der Schulabbrecher ist relativ hoch, überdurchschnittlich viele Migranten bleiben ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Bietet die BA da besondere Hilfen an?

Spezielle Programme für Migranten haben wir nicht. Schließlich geht es immer um den Einzelfall: Ist ein Deutschkurs nötig? Fehlt der Führerschein? Mangelt es an Kinderbetreuung? Das sind Fragen, die sich nicht nur an Migranten richten, sondern auch an Deutsche. Wir betrachten das Einzelschicksal, nicht die Gruppenzugehörigkeit.

Klingt toll. Sehen die Unternehmen, die die Leute einstellen sollen, das denn auch so?

Mein Eindruck ist, dass allein das Merkmal Migrant inzwischen keine Einstellungshürde mehr ist. Entscheidend sind Bildungsabschlüsse, Sprachkompetenz, fachliche Qualifikation. In vielen Fällen kann ein Migrationshintergrund sogar von Vorteil sein.

Wie das?

Ein Handwerksbetrieb kann davon profitieren, wenn einer aus der Belegschaft türkisch spricht. Der weiß, dass man sich höflichkeitshalber die Schuhe an der Wohnungstür eines muslimischen Haushalts auszieht. Der weiß, dass gerade Ramadan ist und man nicht einfach seine Frühstücksbrote auspacken sollte. Solches Wissen benötigen wir auch in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Schulen, Kitas und Behörden. Interkulturelle Kompetenz ist ein Wettbewerbsvorteil, kein Manko. Wir führen Bewerbungstrainings durch, in denen Arbeitsuchende lernen, das Besondere ihrer Qualifikationen – und dazu zählen interkulturelle Fähigkeiten – herauszustellen. Das funktioniert gut.

Wie hoch ist denn der Migrantenanteil bei Ihnen in der BA?

Wir führen keine Statistik über den Migrationshintergrund unserer Mitarbeiter, aber in manchen Agenturbezirken, etwa in Berlin, liegt der Migrantenanteil unter unseren Auszubildenden über 50 Prozent.

Was kann die BA künftig besser machen?

Wir müssen erkennen, dass unsere Investitionen nicht immer den gewünschten Erfolg haben. Zum Beispiel haben sich die Erwartungen, dass eine erhebliche Zahl der Ein-Euro-Jobber nach einer Zeit fest in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung übernommen wird, nicht erfüllt. Das gilt ebenso für einen Teil unserer Weiterbildungsmaßnahmen. Weniger als 40 Prozent erhalten im Anschluss eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Das ist nicht zufriedenstellend.

Was können Sie ändern?

Wir setzen Schwerpunkte in der Ausbildung: Durch den Rechtsanspruch auf Krippen- und Kitaplätze steigt der Bedarf an Erzieherinnen und Erziehern, wegen der demografischen Entwicklung haben wir dauerhaft einen hohen Bedarf an Pflegerinnen und Pflegern. In beiden Bereichen bilden wird aus. Außerdem setzen wir alles daran, jedem jungen Menschen, der in diesem Jahr eine Lehrstelle sucht, tatsächlich auch einen Ausbildungsplatz, oder, wo die Voraussetzungen fehlen, wenigstens eine berufsvorbereitende Maßnahme anzubieten. Die Jungen haben es, auch weil ihre Zahl abnimmt und der Fachkräftebedarf hoch ist, heute auch leichter als vor zehn Jahren, eine Stelle zu finden.

Von den Älteren kann man das nicht behaupten. Nicht einmal zehn Prozent der 64-Jährigen stehen in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis.

Das stimmt. Aber vor zehn Jahren waren es nicht einmal drei Prozent. Es ist ganz unverkennbar, dass sich die Einstellung der Unternehmen zu älteren Belegschaftsmitgliedern ganz grundlegend wandelt. Es gibt beispielhafte Betriebe wie das BMW-Werk in Dingolfing, die mit einem hohen Anteil älterer Arbeitnehmer in altersgemischten Teams eine weit überdurchschnittliche Produktivität vorweisen. Da wird deutlich, dass die oft beschworenen „Chancen einer alternden Gesellschaft“ nicht nur leere Worte sind. Ich zitiere gern die Arbeitsministerin an dieser Stelle: Die Jungen kennen den Weg, aber die Alten kennen die Abkürzung.

Und Herr Alt glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen.

Es entspricht meiner Erfahrung, dass die allermeisten Menschen gern arbeiten wollen, dass sie dazu gehören möchten. Und dass sie ein Hilfsangebot, wenn es nicht hochnäsig oder besserwisserisch daher kommt, gern annehmen. Daran glaube ich.

Das Gespräch führte Stefan Sauer

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