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Interview mit Klaus Töpfer: "Desertec darf kein Alibi sein"

Der frühere UN-Umweltchef Klaus Töpfer im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Chancen und Risiken neuer Energieprojekte.

Klaus Töpfer ist Gründungsdirektor eines Instituts für Nachhaltigkeitsstudien.
Klaus Töpfer ist Gründungsdirektor eines Instituts für Nachhaltigkeitsstudien.
Foto: dpa

Herr Töpfer, unser Strom soll aus der Sahara kommen, unsere Wärme aus neuen Gasleitungen aus Osteuropa. Löst das Europas Energieproblem?

Es ist sicher nicht DIE Lösung, aber beides kann einen wichtigen Teilbeitrag zur Energieversorgung in Mitteleuropa und Deutschland leisten. In unterschiedlichem Maß können beide Projekte auch einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten.

Welche Risiken bergen Vorhaben wie Desertec?

Ich glaube, dass man bei solchen Großprojekten stark auf drei Dringe achten muss: erstens, dass sie nicht in einer Vision stecken bleiben, auf die alle hindenken, die aber zugleich als Ausrede genutzt wird, andere Lösungen nicht weiter zu verfolgen. Das wäre ein Fehler. Desertec darf kein Alibi sein, in Deutschland die Erneuerbaren Energien, die wir haben, nicht konzentriert und intensiv auszubauen - und zwar jetzt und so umfassend wie möglich. Als zweites muss sichergestellt sein, dass Zivilgesellschaft und Wissenschaft eingebunden werden. Solche Großprojekte brauchen Transparenz und Öffentlichkeit sowohl in Europa also auch gerade in den Ländern, wo die Sonne geerntet wird, in Afrika oder den Golfstaaten.

Transparenz macht nicht satt.

Es muss gewährleistet sein, dass diese Länder Vorteile aus den Energie-Investitionen haben. Gerade in Afrika ist Energienot entscheidende Ursache für Armut. Als drittes dürfen nicht neue Abhängigkeiten von Investitionen entstehen, die andere Möglichkeiten behindern. Alle drei Bedingungen sind erfüllbar. Wir könnten zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Lässt sich globaler Energiehunger mit neuen Techniken stillen?

Es ist ein Riesenfehler, dass wir Energie immer nur von der Angebotsseite her sehen. Wir reagieren auf wachsenden Bedarf mit Erneuerbaren Energien, mit dem Abspalten von CO2 aus fossilen Energien, mit Kernenergie. All das überdeckt die eigentliche Notwendigkeit. Wir müssen endlich die Nachfrage debattieren: Wofür brauchen wir Energie? Und wie verschwenden wir sie? Die Antwort birgt phantastische Chancen für eine forschungsintensive Volkswirtschaft wie die deutsche.

Wie sieht die intelligente Energiepolitik der Zukunft aus?

Das Thema Energieeffizienz steht dabei eindeutig oben auf der Tagesordnung. Wir müssen an die "low hanging fruits" ran , an die Früchte, die man ohne großen Aufwand ernten kann. So wie Obstbauern auch zuerst dort ernten,wo fast vom Boden aus großer Ertrag winkt, müssen wir auch vorgehen.Denn der Zeitdruck bei der Bekämpfung des Klimawandels und der globalen Armut ist gewaltig.Bisher dauert es viel zu lange, bis wissenschaftliche Erkenntnisse zu gesellschaftlichem und politischen Handeln führen.

Interview: Vera Gaserow

Datum:  14 | 7 | 2009
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