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24. September 2011

Interview mit US-Ökonom Rifkin: „Europa ist der Platz, wo das Neue entsteht“

Der Popstar unter den US-Ökonomen, Jeremy Rifkin.  Foto: dapd

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin über die Zukunft der Weltwirtschaft nach Öl und Atom, den Weg aus der Schuldenkrise und, was Angela Merkel dazu noch fehlt.

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Der US-Ökonom Jeremy Rifkin über die Zukunft der Weltwirtschaft nach Öl und Atom, den Weg aus der Schuldenkrise und, was Angela Merkel dazu noch fehlt.

Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten Ökonomen der Welt – und einer der streitbarsten. Während er in Europa Staatschefs wie Angela Merkel und die EU-Kommission berät, lehnen die Neoliberalen in den USA seine Thesen strikt ab. Kein Wunder: Sein neues Buch prophezeit dem Kapitalismus eine grüne, basisdemokratische Zukunft. Aber dagegen werden die alten Kräfte kämpfen, warnt er im Interview.

Mr. Rifkin, wenn Sie eine Zeitmaschine hätten: Würden Sie lieber in die Vergangenheit reisen oder in die Zukunft?

Wie jeder würde ich die Zukunft wählen. Um zu sehen, wie sich die Menschheit entwickelt.

Ob die Energieversorgung aus Sonne, Wind und Wasser wirklich so gut läuft, wie Sie es in Ihrem neuen Buch prophezeien?

Das auch, aber ich meine auch unsere Zivilisation und unser Bewusstsein. Die menschliche Evolution läuft ja noch. Zuerst kannten wir nur die Intimität, wie alle Säuger. Aber der Mensch will sich auch größeren Einheiten verbunden fühlen – und hat seine Empathie auf Familie, Religionen, Nationen ausgeweitet. In der Zukunft werden wir uns sogar der Biosphäre verbunden fühlen, ein Gefühl haben für die Auswirkungen unseres Lebensstils.

Sie könnten auch ins Jahr 1900 reisen und bewirken, dass schon die zweite industrielle Revolution nicht auf Öl basiert, sondern auf Öko-Quellen. Die Grundlagen kannte man damals bereits.

Es wäre trotzdem unmöglich. Große Umbrüche passierten nur, wenn sich Energie-, Kommunikations- und Herrschaftssystem zugleich änderten. Die Bewässerungswirtschaften fingen die Sonnen-Energie durch Getreideanbau ein. Dafür mussten sie den Ackerbau zentralisieren und für den Bau ihrer Kanal- und Straßensysteme brauchten sie die Schrift und die Priester als Gelehrte. Die erste industrielle Revolution brauchte Kohle und Buchdruck; die zweite Öl, Automatisierung, Massendruckwaren zur Alphabetisierung. Die Macht über Energie und Politik war also zentralisiert.

Zur Person

Jeremy Rifkin, 66, schrieb als Ökonom und Soziologe mehrere Weltbestseller, u.a. 1995 „Das Ende der Arbeit“ und 2010 „Die empathische Zivilisation“. Rifkin ist Berater etlicher Wirtschaftschefs, Regierungen und Spitzenpolitiker.

Rifkin stammt aus Denver und lehrt derzeit als Wirtschaftsprofessor in Pennsylvania. Er ist Gründer und Vorsitzender der Stiftung Economic Trends in Washington, in der Vordenker und Wirtschaftsbosse über Umwelt, Wirtschaft und Klimawandel beraten.

Sein neues Buch, „Die dritte industrielle Revolution“, ist jetzt im Campus Verlag Frankfurt/Main erschienen.

Also ist erst die heutige Demokratie bereit für ein dezentrales Netz mit Ökostrom-Versorgung?

Ja. Und der Wirtschaft bleibt nichts anderes. Das Öl geht ihr aus. Schon heute treibt seine Knappheit den Ölpreis und somit alle anderen Preise hoch. Wir haben zwei große Krisen. Die erste ist der Klimawandel, der ganze Landstriche unbewohnbar macht. Die zweite begann im Juli 2008, als der Ölpreis 147 Dollar pro Barrel erreichte. Die Preise explodierten, die Wirtschaft stand still. Der Finanzcrash 60 Tage später war nur das Nachbeben. Leider verstehen das die wenigsten Politiker.

Wie kommen wir aus unserer Schuldenkrise heraus?

Nur durch Geldausgeben – wie die USA gegen die Große Depression. Europa als Ganzes und seine Mitgliedsstaaten müssen mit Investitionen die dritte industrielle Revolution anschieben. Die Grundlagen müssen aber zugleich geschaffen werden, nicht in vielen Teilprojekten – die verpuffen nur.

Was sind die Grundlagen?

Der Umbau fußt auf fünf Säulen: Der Umstieg auf erneuerbare Energie – da zeigt Deutschland den Weg. Zweitens: alle Gebäude zu Mikrokraftwerken umrüsten, die vor Ort Ökostrom erzeugen. Drittens, das ist das Schwerste, müssen Wasserstoff- und andere Energiespeicher her. In allen Gebäuden und an den Knoten der neuen Energie-Infrastruktur. Diese ist die vierte Säule: Internettechnologie macht das Stromnetz auf jedem Kontinent zu einem Austausch-Netz für Energie. Und fünftens muss unser Verkehr auf Steckdosen- und Brennstoffzellenfahrzeuge umgestellt werden.

Dagegen ist die Finanzkrise ja Kleinkram. Und schon damit sind die Politiker überfordert.

Ja, es ist sehr komplex. Aber wir haben mit dem Umbau in San Antonio in Texas begonnen, und auch in der italienischen Hauptstadt Rom. Die Pläne sind auf 25 Jahre angelegt. Das verlangt extrem langen Atem. Nicht gerade eine Tugend der Politiker. Aber die Frage ist doch: Wo werden wir in 20 Jahren stehen? Es gibt keinen Weg für ein Wachstum, das auf der Infrastruktur des 20. Jahrhunderts basiert. Es gibt einfach keinen Plan B.

Sie kennen Deutschland gut. Was muss jetzt hier passieren?

Deutschland hat die Rolle des Flaggschiffs für Europa, Deutschland ist der Motor der dritten industriellen Revolution.

Frau Merkel macht alles richtig?

Deutschland hat einen klaren Vorsprung. Was der Kanzlerin fehlt, ist eine Story. Wenn wir in Amerika wären, wären die Leute völlig euphorisch. Warum kann hier niemand die Geschichte von der dritten industriellen Revolution erzählen? Sie haben hier alle Komponenten. Daimler setzt auf die Brennstoffzelle als Antrieb für Autos. Bosch engagiert sich stark in der Informationstechnik, die nötig ist für erneuerbare Energien. Sie haben Siemens, die ihr Geschäft mit intelligenten Stromnetzen ausbauen wollen. Aber niemand hier weiß davon.

Immerhin gibt es den Konsens, aus der Atomkraft auszusteigen.

Das stimmt, es gibt eine gute negative Geschichte.

Wie sieht eine positive Story aus?

Geben Sie den Menschen eine Vision. Deutschland ist der Motor für eine nachhaltige Ökonomie ohne fossile Brennstoffe. Das hat man in zehn Sekunden erklärt.

Heißt das auch, dass Deutschland Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Staaten hat?

Deutschland hat ohnehin den Vorteil, ein föderal organisiertes Land zu sein. Das passt perfekt zur distributiven Struktur der dritten industriellen Revolution.

Die USA haben mit den Bundesstaaten eine ähnliche Struktur.

Ja, die Staaten haben eine gewisse Autonomie. Aber es gibt zugleich eine sehr starke Lobby der Energieunternehmen, die eine zentralisierte Energieversorgung aufrecht erhalten wollen. Damit bleiben die USA im 20. Jahrhundert stecken.

In Deutschland gibt es auch mächtige, zentralistische Energieunternehmen wie Eon.

Neelie Kroes hat aber als EU-Kommissarin die Entflechtung der Energiekonzerne angestoßen. Das hatte ich auch vorgeschlagen. Und: Die erneuerbaren Energien werden billiger und billiger. Die Nutzung des Windes und der Sonnenenergie ist gratis. Das bringt viele neue Geschäftsmodelle. Energie wird demokratisiert.

Können Eon und Co. dann überhaupt noch Geld verdienen?

Die Energieunternehmen müssen sich IBM zum Vorbild nehmen. IBM ist aus dem PC-Geschäft ausgestiegen, weil man mit dem Verkaufen von Rechnern kaum noch Geld verdienen konnte. IBM konzentriert sich seither auf IT-Dienstleistungen. Versorger müssen sich auf Energiedienstleistungen konzentrieren. Den Energiefluss steuern.

Sie sind weltweit als Gastredner und Berater gefragt. Ist es einfacher mit Managern und Politikern aus Europa oder mit Führungskräften aus den USA darüber zu diskutieren?

Unter Managern gibt es keine Unterschiede. Unter Politikern ist es einfacher in Europa als in den USA. In Europa ist die Kollegialität größer, die Politiker wissen besser Bescheid, die Aufmerksamkeit beim Thema Klimawandel ist größer. Europa ist der Platz in der Welt, wo das Neue entsteht.

Das Gespräch führten Steven Geyer und Frank-Thomas Wenzel.

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