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Interview mit Winfried Wolf: Autokrise kostet 100.000 Jobs

Der Verkehrsexperte Winfried Wolf sieht für Opel und andere Autobauer kaum Überlebenschancen: Auch wenn die ganze westeuropäische Produktion wegfiele, gäbe es weltweit noch Überkapazitäten.

Winfried Wolf gibt der europäischen Autoindustrie wenig Chancen.
Winfried Wolf gibt der europäischen Autoindustrie wenig Chancen.
Foto: privat

Herr Wolf, soll der Staat als Investor bei Opel einsteigen?

Geht es um die Rettung von Arbeitsplätzen, kann das Sinn machen - wenn man diesen Einstieg mit einer Konversion der Autoproduktion verbindet.

Zur Person

Winfried Wolf, Jahrgang 1949, ist Politologe und Verkehrsexperte. Er ist Chefredakteur der linken "Lunapark21"- Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie" und Autor des Buchs "Verkehr.Umwelt.Klima - die Globalisierung des Tempowahns".

Opel soll dann Elektroautos bauen oder doch gleich besser Straßenbahnen?

Eher Letzteres. Denn auch ein Green-Car-Konzept weist nicht wirklich in die Zukunft. Man denke nur an den Flächen- und Ressourcenverbrauch des Autoverkehrs, auch an die Toten und Verletzten. Das wird sich auch bei einem Solar- oder Wasserstoffauto nicht grundsätzlich ändern. Der nichtmotorisierte Verkehr und Öffentliche Verkehrsmittel haben einfach eine bessere Schadensbilanz, was Umwelt und Gesellschaft angeht. Ich hatte gerade ein Gespräch mit einem Volvo-Betriebsrat in Schweden, dort wird ernsthaft diskutiert, dass man künftig auch Windkraftanlagen und Solarzellen herstellen könnte. Insofern war das Konzept von Solar World, die sich vor einem halben Jahr für den Einstieg bei Opel ins Spiel brachten, vielleicht nicht so verrückt.

Das nur der Staat bei Opel einsteigt, wird ja wohl nicht reichen. Daimler hat gerade mit dem Staatsfonds von Abu Dhabi einen Investor gefunden. Ist bei Opel auch ein rettendes Emirat in Sicht?

In der Autoindustrie kann es für Opel nur mit einem großen Konzern im Rücken weitergehen. Also kann Opel nur im Verbund mit General Motors überleben. Wenn GM pleite geht, wird auch Opel pleite gehen. Da könnte der Einstieg des Staates oder eines Staatsfonds nur eine Verzögerung bringen - vielleicht drei Jahre. In der Autoindustrie wird man bei einer Produktion, die unter 2,5 Millionen Einheiten jährlich liegt, nicht überleben. Opel und Saab haben gemeinsam vielleicht 1,4 Millionen. Das sind ja auch die Gründe, warum Chrysler, Fiat und Mitsubishi keine Perspektive haben.

Und wenn ein anderer Autokonzern Opel übernehmen würde? BMW soll ja mal Interesse gehabt haben.

Dann dürfte es erstens extrem schwierig werden, Opel wirklich als eigene Marke darzustellen - und zweitens würde es nichts daran ändern, dass es in Westeuropa gerade im Bereich von kleinen und unteren Mittelklasse-Autos extreme Überkapazitäten gibt, die in dieser Krise wegrasiert werden. Allein in der BRD dürften Überkapazitäten bei Opel, Ford und VW in einem Maß wegfallen, dass insgesamt mindestens 70.000, eher 100.000 Jobs abgebaut werden.

Es gibt Prognosen, die von einer sich weiter verstärkenden Konzentration im Automobilbereich ausgehen…

Fiat-Boss Sergio Marchionne hat prognostiziert, dass von den jetzt vielleicht noch zwölf, dreizehn internationalen Anbietern sechs übrig bleiben werden. Und wenn es am Ende acht sind - da bleibt für einen neuen, kleinen Anbieter Opel kein Platz. Vielleicht wenn Opel Luxusautos produzieren würde…

Ist die Weiterexistenz von Opel angesichts der weltweiten Überkapazitäten in der Autoindustrie, die rund 30 Millionen Einheiten betragen, überhaupt sinnvoll?

Was heißt sinnvoll? Sinnvoll ist die ganze westeuropäische Autoproduktion nicht, die kann man morgen früh abstellen und dann sind immer noch genug Kapazitäten in der Welt da, um alles abzudecken. Diese Überkapazitäten sind natürlich eine Katastrophe - und die Krise hat erst angefangen. Ich gehe von einer Drei-Jahres-Krise aus, der Absatz weltweit dürfte um 30 Prozent sinken. Es wird also zu einem massiven Abbau von Kapazitäten und damit auch Arbeitsplätzen kommen.

Sie sagen, Opel müsste weg vom Auto. Wie konversionsfähig sind Automobilfabriken denn überhaupt?

Ich gebe mal ein Negativbeispiel: Opel in Rüsselsheim - aber auch Daimler und BMW - hatten überhaupt kein Problem, während der NS-Zeit voll auf Rüstungsproduktion umzustellen. Innerhalb von drei Jahren wurden da ganz andere Produkte hergestellt, Flugzeugmotoren, Panzerbau. Natürlich wäre es auch möglich, im zivilen Bereich auf eine nachhaltige Produktion umzustellen. Konversion ist machbar - erst recht bei den Milliardensummen, die jetzt ins Spiel gebracht werden.

Bei Opel geht es, wenn man die Zulieferer mitrechnet, um bis zu 400.000 Jobs - kann man die alle konvertieren?

Die Zahl 400.000 halte ich für übertrieben. Doch egal: Umweltminister Sigmar Gabriel und andere Umweltpolitiker sagen, dass es im vergangenen Jahrzehnt gelungen sei, eine Million neue Jobs im Umweltbereich zu schaffen. Dabei hat diese Art Wende ja noch gar nicht richtig angefangen. Vor allem sind Jobs im Bereich Umwelt deutlich arbeitsintensiver. Die Autojobs sind im Vergleich dazu extrem kapitalintensiv. Und noch ein Beispiel aus einem anderen Verkehrsbereich: bei Fahrradfertigung und Fahrradgewerbe kommen 63.000 Jobs zusammen - das sind deutlich mehr Jobs als bei Opel oder im gesamten Flugzeugbau in Deutschland.

Es ist bei Opel auch von Mitarbeiterbeteiligung die Rede, um das Unternehmen zu retten. Jetzt in der Krise sollen die Mitarbeiter ins Risiko gehen, sollen absehbare Betriebsschließungen und Entlassungen mit verantworten. Ist das nicht schon fast zynisch?

Ja. Aber wenn man in den alten Bahnen denkt, dann ist diese Selbstausbeutung ja nachvollziehbar. Die Mitarbeiter und auch die Opel-Händler wollen ihr Unternehmen retten, das hat ja was Sympathisches. Doch Lohnverzicht und eine Beteiligung der Händler sind kein zukunftsweisendes Konzept. Das bringt höchstens eine Fristverlängerung.

Interview: Hans-Hermann Kotte

Datum:  30 | 3 | 2009
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