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26. März 2011

Interview mit Zukunftsforscher Radermacher: „AKW-Laufzeiten verlängern“

Franz Josef Radermacher  Foto: ullstein bild - Heerde

Die Bundesregierung hat die AKW-Laufzeitverlängerung ausgesetzt. Dann müsste die alternative Energieversorgung deutlich forciert werden. Zukunftsforscher Franz Josef Radermacher über Atomkraft, Klimawandel und radikale Öko-Innovationen.

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Die Bundesregierung hat die AKW-Laufzeitverlängerung ausgesetzt. Dann müsste die alternative Energieversorgung deutlich forciert werden. Zukunftsforscher Franz Josef Radermacher über Atomkraft, Klimawandel und radikale Öko-Innovationen.

Herr Radermacher, würden Sie gern in der Ethikkommission zur Atomkraft mitmachen, die Kanzlerin Merkel eingesetzt hat?

Ich bin schon in vielen Kommissionen und dränge mich nicht nach weiteren Aufgaben. Wenn ich gefragt worden wäre, hätte ich aber nicht Nein gesagt. Ich glaube, es hilft in solchen Situationen, wenn Menschen in Ruhe über ein Problem nachdenken. Manche fühlen sich ja als Retter der Welt, wenn sie jetzt dafür kämpfen, dass alle Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden. Andere sagen: Wir müssen das Risiko weiter eingehen.

Auf welcher Seite schlagen Sie sich?

Bisher sind die Folgen des Tsunamis und des Erdbebens viel gravierender als die Folgen des Atomunfalls. Mindestens 10000 Menschen sind gestorben, Hunderttausende sind obdachlos und große Teile der Infrastruktur zerstört. Dem steht die Strahlenbelastung gegenüber, die die Lebenserwartung potenziell verkürzt. Das betrifft bisher aber nur eine relativ kleine Anzahl von Menschen. Es gibt noch das Restrisiko eines Super-GAUs. Der ist aber glücklicherweise unwahrscheinlich.

Und was heißt das jetzt? Sind Sie für oder gegen einen raschen Ausstieg?

Ich bin der Meinung, dass wir weltweit nicht sofort aussteigen können und in Deutschland bei der Verlängerung der AKW-Laufzeiten bleiben sollten. Die Konsequenz, die ich aus Japan ziehen würde, ist eine nochmalige rigide Überprüfung der Sicherheit. Wir wissen jetzt, dass die Zuständigen in Japan an vielen Stellen geschludert haben. Die Betreiber haben an Stellen gespart, die in keiner Weise nachvollziehbar sind. Mit diesem neuen Wissen sollten wir jetzt die deutschen Atomkraftwerke noch einmal überprüfen. Ich sehe die Chance, mit überschaubaren Aufwand die Sicherheit weiter zu erhöhen. Einen Grund zum Ausstieg erwarte ich nicht.

Auch dann bleibt ein Restrisiko.

Ja. Das ist der Preis für mehr Wohlstand und Zukunftsperspektiven. Wir können die Kernkraft noch für einen substanziellen Zeitraum kostengünstig nutzen. Der deutsche Staat zieht erhebliche Gelder aus der Laufzeitverlängerung. Und der Staat braucht Geld, um seine Aufgaben zu finanzieren, erneuerbare Energien zu fördern und radikale Innovationen im Energiesektor zu forcieren.

Ein Super-GAU hätte verheerende Folgen, und Atommüll strahlt zehntausende von Jahren. Ist eine Technik mit solchen Risiken überhaupt ethisch vertretbar?

Es stimmt: Die Atomenergie kann gravierende negative Folgen für weitere Generationen haben. Im Nachhinein hätten wir diesen Technikpfad vielleicht ganz vermeiden sollen. Allerdings ist Zerstörung kein Alleinstellungsmerkmal der Kernenergie. Schauen Sie sich die Osterinseln an: Die Menschen hatten dort den gesamten Baumbestand abgeholzt und ihre Lebensgrundlagen zerstört. Die Natur war anschließend nicht mehr in der Lage, sich zu erneuern. Wo früher 25000 Menschen lebten, konnten zum Schluss nur noch 2000 Menschen leben.

Meinen Sie ernsthaft: Wer Wälder abholzt, kann auch Atomkraft-Risiken eingehen?

Ich will damit zweierlei deutlich machen: Es gibt auch andere Formen, wie der Mensch die Erde unbewohnbar machen kann. Und: Eine Atomkatastrophe kann dazu führen, dass auf Teilen der Erde kein Mensch mehr leben kann. Das hat dann brutale Folgen für die Betroffenen, aber nicht für Hunderte von Generationen, weil es an den betreffenden Stellen dann keine Menschen mehr geben wird. Auch diese Konsequenz ist kaum erträglich. Aber in der Klimaproblematik sind wir auf dem besten Weg, ein solches Ergebnis hervorzubringen. Deshalb setze ich mich seit Jahren dafür ein, dass wir mittelfristig raus müssen aus der Kerntechnologie. Und ich kämpfe ebenso entschlossen dafür, dass wir im Klimabereich das Zwei-Grad-Celsius-Ziel einhalten.

Der renommierte Flensburger Professor Olav Hohmeyer sagt: Deutschland kann in fünf Jahren den Ausstieg schaffen, muss dann aber fossile Kraftwerke hochfahren.

Wenn wir stärker auf fossile Energieträger wie Kohle und Gas setzen, verschärfen wir die Ressourcenknappheit. Dadurch steigen die Preise. Das reiche Deutschland kann zur Not teures Öl oder Gas bezahlen. Die Ärmsten rund um den Globus können das nicht, für sie wird Energie unerschwinglich. Und wir verschärfen das Klimaproblem. Das trifft wieder vor allem die Ärmsten, etwa in Bangladesh, sie können sich nicht in Sicherheit bringen.

Zur Person

Franz Josef Radermacher ist Ökonom und Mathematiker. Er tritt für eine ökosoziale Marktwirtschaft ein („ökosozial statt marktradikal“) und für eine gerechte Globalisierung. Er ist Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm.
Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist der Umgang mit Risiken.
Der Zukunftsforscher gehört dem Beirat der Landesregierung in Baden-Württemberg für eine nachhaltige Entwicklung an, der sich schon 2007 aufgeschlossen gegenüber einer Verlängerung der AKW-Laufzeiten gezeigt hat. Er ist Mitglied des Club of Rome, in dem sich Wissenschaftler und Politiker über die Zukunft der Menschheit Gedanken
machen. rt

Wann halten sie weltweit einen Atomkraft-Ausstieg für möglich?

Die Menschen, die jetzt in Nordafrika aufbegehren, wollen mehr Wohlstand. Das gleiche gilt für Chinesen und Inder. Wenn man deren Bedürfnisse befriedigen will, braucht man viel mehr Energie. Deswegen können wir nicht einfach aus der Atomkraft aussteigen. Wir sollen die Meiler mindestens so lange laufen lassen, wie ein hoher Standard gesichert werden kann. Und möglichst keine neuen Reaktoren bauen. In 30 oder 40 Jahren haben wir dann vielleicht den Ausstieg weltweit geschafft. Die Atomkraftgegner reden sich ein, es gäbe schon die nötigen Technologien zum Umsteuern. Das stimmt aber nicht. Biomasse, Windräder und Solarenergie sind ungeeignet, die gesamte Erdbevölkerung auf ein hohes Wohlstandsniveau zu bringen. Deswegen brauchen wir völlig neue Technologien.

Wie sieht Ihre grüne Vision aus?

Wenn wir wollen, dass künftig zehn Milliarden Menschen in Wohlstand leben können, brauchen wir fundamentale Innovationen. Ich nenne drei Beispiele: Die erste Innovation ist Desertec. Wir müssen Solarenergie dort produzieren, wo richtig viel Sonne ist. Mit großen Solar-Kraftwerken in der Sahara können wir Nordafrika, den mittleren Osten, Europa und Russland mit Energie versorgen. Das größte Durchsetzungsproblem sehe ich zurzeit in Europa: Für Desertec brauchen wir mehr Hochspannungsleitungen – und in Europa ist es jetzt schon schwierig, den ohnehin nötigen Netzausbau voranzutreiben. Die Trassen-Gegner sollten sich einmal überlegen, ob sie wirklich den ökologischen Umbau wollen.

Sie sind ein Fan von Großanlagen.

Nein, ich bin in dieser Frage emotionslos. Aus heutiger Sicht glaube ich aber, dass wir Energie in großem Stil produzieren müssen, sonst bleibt erschwingliche Öko-Energie ein Privileg der Reichen. Die zweite Innovation sind Aufwindkraftwerke. Das sind hohe Schornsteine in der Mitte einer Glas- oder Kunststofffläche. Die Sonne erwärmt Luft und Boden unter der Fläche, die warme Luft steigt auf und treibt Turbinen in dem Schornstein an. Ich bin fassungslos, dass wir es 30 Jahre nach der ersten Pilotanlage noch nicht geschafft haben, ein großes Aufwindkraftwerk mit einem Kamin von mindestens 1000 Meter Höhe in die Wüste zu setzen. Wovon ich mir am meisten erwarte, ist aber die Super-Geopower.

Was ist denn Super-Geopower?

Hier geht es darum, die Erdwärme in 15 Kilometern Tiefe zu nutzen. Dort haben wir einen unerschöpflichen Wärmevorrat, die Temperaturen liegen bei 450 Grad. Das ist die Basis für superkritischen Wasserdampf. Mit der Super-Geopower haben wir die Chance, Risiken drastisch zu senken und überall preiswerte und klimafreundliche Energie zu produzieren. Ich persönlich hoffe, dass wir damit auch das Atommüll-Problem lösen können. Wenn wir stabile Bohrlöcher bis in 15 Kilometer Tiefe hinbekommen, können wir den gesamten Atommüll in Richtung Erdkern entsorgen. Er schmilzt sich mit seiner Abwärme weiter in Richtung Erdkern. Und dort findet sich ohnehin Radioaktivität ohne Ende.

Das klingt ziemlich abenteuerlich, selbst ohne Ihre Atommüll-Idee. Im badischen Staufen wurde nicht 15.000 Meter tief gebohrt, sondern 140 Meter, danach tauchten in der ganzen Stadt tiefe Risse auf…

Das hatte nichts mit Super-Geopower zu tun. Bei der Super-Geothermie wissen wir: Wo Erdfaltungen sind und wo Vulkanismus ist, darf man nicht bohren. Und natürlich müsste man immer zunächst Probebohrungen im Oberflächenbereich machen.

Und wenn es trotzdem schief geht?

Dann gibt es ein lokales Problem wie in Staufen, aber keinen Super-GAU. Im Übrigen hätte man in Staufen schon früher wissen können, dass die Gegend für derartige Vorhaben nicht geeignet ist.

Wer soll in solche grünen Großtechnologien investieren?

Es ist die klassische Aufgabe des Finanzsektors, Innovationen der Realökonomie zu finanzieren. Neue Technologien sorgen für zusätzlichen Wohlstand und vergrößern den Kuchen. Die Regulierungsdefizite der Globalisierung haben leider dafür gesorgt, dass man mit reinen Spekulationsgeschäften viel schneller viel mehr Geld verdienen kann als mit Investitionen in die Realwirtschaft. Deswegen haben wir 20 Jahre verschlafen, was radikale Innovationen in neue Energie angeht.

Wie kann die Politik gegensteuern?

Der Staat muss den Finanzsektor rigoros regulieren. Er muss globale Finanzaktivitäten besteuern. Und er muss internationale ökonomische Prozesse vernünftig besteuern, damit Gewinne nicht länger unversteuert in Steuerparadiese umgelenkt werden können. Mit den zusätzlichen Einnahmen kann der Staat sich entschulden, die Forschung fördern, und er kann Firmen Sonderabschreibungen gewähren, die in radikal neue Technologien, insbesondere im Energiesektor, investieren.

Interview: Frank-Thomas Wenzel, Eva Roth

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