Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

28. Oktober 2012

IT-Branche: Berlin-Mitte, nicht Silicon Valley

 Von Jonas Rest
Mitte-Hipster als Posterboys der Szene: Amen-Gründer Felix Petersen, Caitlin Winner und Florian Weber, der auch der erste Twitter-Entwickler war. 

Die Start-up-Szene in Berlin wächst wie noch nie. Wie die Hauptstadt zur Hochburg der Internet-Firmen wurde.

Drucken per Mail
Berlin –  

Bislang wurde das Internet in den USA gemacht. Dort haben sich Milliarden-Konzerne wie Facebook, Twitter und Google entwickelt, die bestimmen, wie wir uns im Netz bewegen, wie wir suchen und was wir finden. Das Internet von morgen, glauben die, die daran arbeiten, wird dagegen aus Berlin kommen.

Felix Petersen ist einer von ihnen. Er gilt als Aushängeschild einer neuen Generation der Gründer von Internetfirmen in Berlin, an die auch die Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley glauben. Berlin, sagt Petersen, „ist extrem gut positioniert, vielleicht am besten von allen westlichen Metropolen, um Unternehmen hervorzubringen, die unserer Leben so einschneidend verändern, wie es Google oder Facebook gemacht haben.“

Der 36-jährige Berliner hat vor etwa einem Jahr eine Firma namens Amen gegründet, zusammen mit Caitlin Winner und Florian Weber, dem ersten Twitter-Entwickler. Die von ihnen programmierte App kann man leicht unterschätzen. Denn das Prinzip klingt banal. Nutzer können aus einem Satzteile-Baukasten eine Aussage stricken, etwa: „Berlin is the best city ever.“ Andere Nutzer können zustimmen, dann drücken sie „Amen.“ Oder widersprechen: „Hell no.“

Ein süßes, kleines Spiel, sagt Petersen, um dann hinzuzufügen: „Nur, dass dabei extrem nützliche Daten generiert werden.“ Denn aufgrund der standardisierten Form der Aussagen lassen sich einfach Ranglisten generieren, etwa der hippsten Mitte-Cafés oder der besten Burger-Läden in Kreuzberg. So entsteht ein alternativer Stadtführer und Shopping-Ratgeber, ein soziales Netzwerk von Empfehlungen, das extrem wertvoll sein könnte – wenn genügend Nutzer nicht mehr die Finger davon lassen können.

Geld aus Hollywood

Auch Ashton Kutcher glaubt daran. Der Hollywood-Star lenkte die internationale Aufmerksamkeit auf Berlin, als er zunächst in Amen investierte und dann in Gidsy, ein weiteres Berliner Start-up, das einen Online-Marktplatz für authentische Erfahrungen schaffen will, ein Amazon für Entdecker.

Statt der üblichen Touristen-Touren wird bei Gidsy etwa die Erkundung Berlins durch Pfandflaschen-Sammeln angeboten oder Sneaker-Shoppen in New York. Die Gründer kamen auf die Idee, als sie jemanden suchten, der ihnen zeigt, wie man giftige von essbaren Pilzen unterscheidet – aber niemanden finden konnten.

Inzwischen ziehen Firmen wie Amen und Gidsy eine internationale Entwickler-Elite an, die überall arbeiten könnte, sich aber immer öfter für Berlin-Mitte statt San Francisco entscheidet. Nicht nur weil in San Francisco fast alle Clubs schon um zwei Uhr schließen, sondern vor allem, weil auch sonst in Berlin derzeit alles möglich zu sein scheint.

„Berlin ist die deutsche Hochburg der Internet-Start-ups,“ sagt Sylvius Bardt vom IT-Branchenverband Bitkom. „Das Start-up-Zentrum Europas.“ Sogar eine eigene Branche hat sich in Berlin etabliert, sogenannte Inkubatoren, die sich darauf spezialisiert haben, Internet-Start-ups wie am Fließband zu produzieren – und immer mehr Risikokapitalgeber eröffnen in dieser Stadt ihr Büro. Exakte Zahlen der Web-Firmen gibt es nicht, doch einen Einblick in die Dynamik des Internet-Booms liefert das Statistische Bundesamt. Es zählte allein im letzten Jahr 891 Neugründungen im Bereich der IT-Dienstleitungen. „Das Wachstum der Szene beschleunigte sich 2011 – und hat dieses Jahr das bisher höchste Niveau erreicht“, sagt David Knight vom Branchenportal Silicon Allee. Der Name ist eine Mischung aus Silicon Valley und Schönhauser Allee, wo viele Start-Ups sitzen.

Das Internet ist Berlins große Chance

Ausgerechnet ein Schweizer ist wohl wie kein Zweiter für die neue Gründerwelle verantwortlich. Christoph Maire ist ein Missionar für das Internet made in Berlin und zugleich dessen Pate. Er hat ein informelles Netzwerk von Investoren geschaffen, das den neuen Gründern ihre Anschubfinanzierung verschafft hat. Denen, die wie Amen mit neuen Geschäftsmodellen experimentieren, so wie einst Facebook oder Twitter.

In Maires Büro, von dem aus er über die Dächer Mittes blicken kann, hängt eine Doppelseite aus dem US-Technikmagazin Wired über die heißesten Start-ups Berlins. Maire hat in über die Hälfte der aufgelisteten Unternehmen investiert, eines davon, die E-Book-Firma Txtr, gehört ihm selbst.

Wenn er für Berlin missioniert, spricht Maire leise, aber eindringlich. Mit französischem Akzent sagt er dann: „Keine andere Branche in Berlin hat das Potenzial, wirtschaftlich so bedeutend zu werden, wie die Internetindustrie.“ Der Grund: die Zeit. Eine Zeit, in der alle miteinander vernetzt sind und Einzelne mit der Netz-Technologie gewaltige Veränderungen auslösen können. „Früher wurden die IT-Firmen von IT-Konzernen gekauft. Heute entstehen Internet-Firmen, die komplette Branchen auf den Kopf stellen.“ Der Streamingdienst Spotify etwa krempelte die Musikindustrie um, Amazon den Buchhandel. Nun, sagt Maire, geschehe durch digitale Zimmervermittlungsbörsen das Gleiche mit der Hotelindustrie. Oder im Stadtverkehr. Dort schalten Taxi-Apps die Vermittlungsstellen aus.

Nur Google als Konkurrent

Maire hat schon oft recht behalten. In einer Zeit, als gerade die Dotcom-Blase geplatzt war, baute er unbeirrt in Berlin sein erstes Internet-Unternehmen auf. Gate 5, eine Firma für digitale Kartensoftware, setzte schon lange vor dem iPhone darauf, dass Smartphones einmal zum Alltagsgegenstand werden. Inzwischen ist daraus der Nokia-Standort Berlin mit über 600 Mitarbeitern gewachsen. Nur Google gilt als ernsthafter Konkurrent bei den digitalen Karten, an denen sie dort arbeiten.

Mit den Millionen aus dem Verkauf an Nokia unterstützt Maire andere Gründer. Die ballten sich in Berlin, weil sich die Netz-Technologie genau in dem Moment rasant entwickelte, als sich hier diejenigen sammelten, die ihr Potenzial erkannten. Angezogen von dem Vakuum in Berlin nach der Wende, den Clubs, die in Fabriketagen eröffnet wurden und den billigen Mieten, konzentrierte sich schon Mitte des letzten Jahrzehnts die Agenturenszene in Berlin. Aus ihr kommen viele der neuen Internet-Firmen, auch Amen. Eine Szene von Autodidakten, sagt Amen-Chef Felix Petersen, die zu Internet-Experten wurden, während sie für Konzerne Websites bauten und in Auftragsarbeit digitale Geschäftsmodelle umsetzten, um schließlich ihre eigenen Ideen zu verwirklichen.

Möglich machte dies ein technischer Durchbruch. Wofür früher eine Armee von Programmierern gebraucht wurde, reichen heute wenige Entwickler. Sie können nun Dinge realisieren, die früher hohe Investitionen erforderten. Anstatt für Daimler eine Website zu bauen, sagt Christophe Maire, „können sie heute das Transportwesen neu erfinden.“

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
FR-Schwerpunkt

Was ist gerecht?

Was ist gerecht?

WIRKLICH? Wie ungleich darf eine Gesellschaft sein – und was ist eigentlich Gerechtigkeit? Der große Schwerpunkt der Frankfurter Rundschau.

FR-Online: Ergänzende Informationen und ausgewählte Texte zum Thema im Online-Dossier.

iPad-App: Alle großen Stücke des Schwerpunkts - interaktiv in preisgekrönter Aufbereitung. Informationen und Bestellformular.

Zeitung: Sämtliche Analyen und Interviews im Vorteils-Abonnement - keine Folge verpassen und dabei noch anderen helfen. Das ist gerecht. Bestellformular.

MITMACHEN! Wie würden Sie Deutschland gerechter machen? Gibt es eine Ungerechtigkeit, der die Frankfurter Rundschau unbedingt nachgehen sollte? Reden Sie mit - auf unserer interaktiven Webseite.

Premium-Fotostrecke

Das Frankfurter Bankenviertel - eine Welt für sich. Schlendern Sie mit uns um die Mittagszeit über Opernplatz, Platz der Republik und Taunusanlage.

Zur Premium-Fotostrecke
Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen