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01. Februar 2012

Jobabbau bei Nokia Siemens Networks: NSN-Mitarbeiter starr vor Schock und Kälte

Protest in München gegen den Stellenabbau bei NSN.  Foto: REUTERS

Mit Transparenten und Trillerpfeifen trotzen die Beschäftigten des Netzwerkbauers Nokia Siemens Networks der Kälte um gegen den Jobkahlschlag des Unternehmens zu protestieren. Neue Jobs zu finden wäre schwer.

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München –  

Eiskalt pfeift der Winterwind um die Zentrale von Nokia Siemens Networks in München. Minus sieben Grad zeigt das Thermometer. Mindestens genauso frostig ist die Stimmung der rund 2000 Mitarbeiter, die hier am Mittwochvormittag gegen den Jobkahlschlag bei dem krisengeschüttelten Netzwerkbauer NSN protestieren. Mit Transparenten und Trillerpfeifen trotzen sie der Kälte - und dem Management, das am Vortag verkündet hat, in Deutschland fast jede dritte von insgesamt 9100 Stellen zu streichen und den Standort München, immerhin der größte in ganz Deutschland, ganz zu schließen.

Nach jahrelangen Verlusten, in denen sich NSN für die Mutterkonzerne Siemens und Nokia zum Milliardengrab entwickelte, will sich der Telekommunikationsausrüster endlich gesund stoßen. Im Herbst wurde deshalb der Abbau von 17.000 Arbeitsplätzen weltweit verkündet. Die 2900 Stellen, die in Deutschland wegfallen sollen, sind Teil davon. Hierzulande will sich NSN künftig auf fünf Niederlassungen konzentrieren: Berlin, Bonn, Bruchsal, Düsseldorf und Ulm. Alle anderen Standorte müssen zusperren, so auch die bisherige Zentrale in München.

Viele Betroffene seien noch immer schockiert, sagte Michael Leppek, der Beauftragte der IG Metall für NSN. In der Betriebsversammlung am Mittwochmorgen habe die Konzernspitze den Mitarbeitern nichts Neues sagen können. Eine Perspektive sei nicht erkennbar. Deshalb demonstrierten die Beschäftigten - direkt vor dem Gebäude, wo das NSN-Management seine Büros hat. „Sie sind sauer, sie sind wütend“, sagte der Gewerkschaftsfunktionär. „Sie haben jahrzehntelang gut gearbeitet für Siemens, jahrelang für Nokia-Siemens.“ In der Betriebsversammlung hätten viele erklärt: „Wir wollen kämpfen für den Arbeitsplatz. Wir wollen in München bleiben.“

NSN-Mitarbeiter Thomas Schimpfer bezweifelt, dass es einfach wird, einen neuen Job zu finden, „auch nicht in München“. In der Landeshauptstadt ist die Zahl der Arbeitslosen noch niedriger als im restlichen Bayern, zahlreiche große und kleine Firmen haben hier ihren Sitz. Auch Schimpfers Kollege Michael Korte macht sich Sorgen, wo er eine neue Stelle auftreiben soll. „Ich bin knapp vor der 50er-Grenze.“ Die Nachricht von der Schließung des Standort Münchens habe ihn schockiert. „Es ist natürlich für mich ein harter Schlag. Ich habe fünf Kinder zwischen fünf und 15 Jahren. Ich bin zwanzig Jahre bei Siemens.“

Zerrieben zwischen Schweden und Chinesen

Der Niedergang der 2007 aus den Netzwerkbereichen von Siemens und Nokia zusammengetragenen NSN ist lang. Seit der Gründung erwirtschaftete das Joint Venture nur Verluste, zwei Sparrunden verpufften, ohne dass die Trendwende kam. Auch der Vorstoß auf den US-Markt mit dem Kauf der Motorola-Netztechnik bracht keine Besserung. Nokia und Siemens pumpten Millionen über Millionen in NSN, Verkaufsgespräche platzten, die Zukunft ist ungewiss.

Protest bei NSN in München.
Protest bei NSN in München.
 Foto: dpa

Im Markt für Handy- und Datennetztechnik ist es bereits seit zehn Jahren ungemütlich. Die Betreiber sparen, der Kampf um den Preis der Mobilfunkminute wird unerbittlich geführt. Das traf auch die Ausrüster. Marktführer Ericsson profitiert von seiner Größe und der langen Tradition. Die chinesischen Anbieter Huawei und ZTE locken Kunden mit Billigpreisen. Dazwischen werden die fusionierten Konkurrenten NSN und Alcatel-Lucent zerrieben. Die kanadische Nortel musste schon dran glauben.

Das Schicksal von Nortel und dem zerschellten Handybauer BenQ Mobile, der ein Jahr nach dem Verkauf von Siemens nach Taiwan pleiteging, haben die NSN-Mitarbeiter in der Münchner Kälte noch gut in Erinnerung. Anders als bei den einstigen Siemens-Kollegen der Telefonanlagenfirma SEN, die nach einer Sanierung vom US-Finanzinvestor Gores weitergeführt wurde, ist das Schicksal von NSN ungewiss. Gespräche mit Finanzinvestoren sind gescheitert.

Siemens und Nokia haben sich lediglich bis 2013 vertraglich gebunden. Was danach kommt, weiß niemand. Dass NSN je eine florierende Firma wird, daran glaubt Siemens-Finanzchef Joe Kaeser kaum mehr. „Dieser Markt lässt wenig Spielraum für große Blüten“, sagte er und setzt auf den neuen Verwaltungsratschef Jesper Ovesen, der sich der Sanierung voll und ganz widmen soll. „Ein armer Mann“ sei der Däne angesichts der Aufgabe, sagte Kaeser. Siemens bietet den Betroffenen bevorzugten Zugriff auf offene Stellen im Kernkonzern an. Allerdings beschäftigt der Konzern in München nur noch 8000 Mitarbeiter, vor allem in der Zentralverwaltung.

Abseits davon, vor der NSN-Zentrale in München Giesing lassen die protestierenden Mitarbeiter schnell den Mut sinken. Für eine Stunde war die Demonstration angesetzt, nach 45 Minuten löst sie sich auf. Die Beschäftigten gehen zurück an ihre Arbeitsplätze. Eiseskälte - überall. (rtr)

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