kalaydo.de Anzeigen

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

05. Dezember 2012

Jugendarbeitslosigkeit: Rettung für Jugend ohne Arbeit

 Von Peter Riesbeck und Stefan Sauer
Zukunft ade: Jungen Arbeitslosen fehlt die Perspektive. Foto: Emilio Morenatti/AP/dapd

Die EU-Kommission sagt der Jugendarbeitslosigkeit den Kampf an. Und erhält dafür viel Zuspruch.

Drucken per Mail
BRÜSSEL/BERLIN –  

Und wer hat’s erfunden? Die Österreicher. „Wir haben mit der Jugendgarantie gute Erfahrungen gemacht“, sagt Hannes Swoboda, der Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europäischen Parlament. Angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa hat EU-Sozialkommissar Laszlo Andor am Mittwoch nämlich ein ehrgeiziges Programm vorgestellt. Jugendgarantie heißt es und sieht vor, dass Jugendliche unter 25, die vier Monate ohne Job sind, ein Angebot für eine Ausbildung oder mindestens einen Praktikumsplatz bekommen. Die EU-Kommission kann dies nicht gesetzlich festschreiben, sie will entsprechende Programme in den Mitgliedstaaten aber fördern.

Dass die Jugendgarantie wirkt, zeigt Swobodas Heimat Österreich. Dort liegt die Jugendarbeitslosigkeit EU-weit auf dem zweitniedrigsten Stand hinter Deutschland. „Wir haben damit vor zwanzig Jahren in Wien angefangen, seit drei Jahren gibt es das landesweit“, erklärt Swoboda. Jugendliche ohne Job erhalten eine übertriebliche Ausbildung, parallel besuchen sie eine Berufsschule. Rund 200 Millionen Euro lässt sich der österreichische Staat das ambitionierte Programm kosten.
Arbeitslosigkeit wäre teurer

"Wir brauchen ein Handwerker-Erasmus"

Zu viel Geld? „Die Arbeitslosigkeit käme den Staat auf lange Sicht noch teurer“, entgegnet Swoboda. Viele Jugendliche bräuchten einfach einen zweiten Anlauf. „Wir holen die Leute mit dem Programm von der Straße. Es ist jetzt wichtig, das Programm europaweit auszudehnen. Für entsprechende Mittel im EU-Sozialfonds werden wir bei den Budgetverhandlungen mit den EU-Staaten kämpfen“, kündigt Swoboda an.

Auch aus der FDP kommt Zustimmung. „Die Jugendgarantie kann eine verlorene Generation retten“, sagt die FDP-Europaabgeordnete Nadja Hirsch. 7,5 Millionen junge Europäer unter 25 sind ohne Job. EU-Kommissar Andor warnt vor „katastrophalen Folgen“, wenn Europa im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit nicht vorankomme.

Hannes Swoboda hat sich am vergangenen Wochenende in Nottingham Programme angesehen, die aus dem EU-Sozialfonds finanziert werden. Europa müsse sich „da einfach beweisen“, sagt er. Deshalb begrüßt er auch Andors zweiten Vorschlag, das duale Ausbildungssystem nach deutschem Vorbild in der EU zu fördern und die Mobilität junger Arbeitnehmer in Europa zu erhöhen. „Wir brauchen ein Handwerker-Erasmus“, fordert der österreichische EU-Parlamentarier. Europa könne sich nicht nur bei der akademischen Jugend mit Austauschprogrammen beweisen.

Wirtschaftspolitisch wertlose Vorschläge

„Das Erasmus-Programm für Studierende hat sich bewährt. Nun sind die Auszubildenden dran. Davon würden alle profitieren, die Jugendlichen und Europa“, sagte der CDU-Europaabgeordnete Andreas Schwab der Berliner Zeitung. Das Fazit seines Parlamentskollegen Hannes Swoboda lautet: „Erasmus hat doch gezeigt. Austauschprogramme fördern die Akzeptanz Europas an der Basis. Und darauf kommt es jetzt an.“

Deutschen Wirtschaftsforschungsinstituten und Arbeitsmarktexperten stehen hingegen die Haare zu Berge. „Eine Arbeits- und Ausbildungsgarantie für Jugendliche ist angesichts der enormen Arbeitslosigkeit Quatsch“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Eine solches Versprechen sei unerfüllbar, weil Ländern wie Griechenland oder Spanien die wirtschaftlichen und infrastrukturellen Möglichkeiten fehlten, sie einzulösen. Es gebe dort weder betriebliche Lehrstellen noch überbetriebliche Ausbildungsplätze. Auf der anderen Seite zeitigten öffentliche Beschäftigungsprogramme erfahrungsgemäß keine nachhaltigen Effekte.

Ähnlich äußerte sich der Arbeitsmarktexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Holger Schäfer. Man könne zwar einzelnen Problemgruppen gezielt Angebote unterbreiten und jungen Leuten ohne abgeschlossene Schul- oder Berufsausbildung Qualifizierungsmaßnahmen anbieten. Eine globale „Jugendgarantie“ in den 27 EU-Staaten sei aber keinesfalls erfüllbar und werde zwangsläufig Enttäuschungen produzieren, sagte Schäfer.

IAB-Arbeitsmarktexperte Hans Dietrich hält die Vorschläge wirtschaftspolitisch für wertlos. Öffentlich geförderte Beschäftigung könne die psychische Belastung arbeitsloser Jugendlicher zeitweise lindern: „Eine langfristige Perspektive bieten sie aber nicht – und sie kosten viel Geld, das die Krisenstaaten nicht haben.“

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Videonachrichten Wirtschaft
Steueroasen
Beliebtes Steuerparadies: Cook Inseln.

Die Enttarnung geheimer Geschäfte in Steueroasen beschäftigt Politik und Wirtschaft. Berichte und Hintergründe finden Sie in der Offshore Leaks-Themensammlung.

FR-Forum Entwicklung
Das "Forum Entwicklung" ist eine Veranstaltungsreihe von FR, Giz und HR-Info.

Die FR diskutiert mit Polarexperte Arved Fuchs, Prof. Claudia Kempfert und Dr. Stephan Paulus.

Mitreden

Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut - und der Staat stützt die Konjunktur. Reden Sie mit.

Smartphone-Markt
Anzeige
Animation

Die weltweite Ausbeutung der Schiefergas-Reserven könnte den Energiemarkt nachhaltig verändern: Animation mit Infos zu Vorkommen weltweit und der umstrittenen Fördermethode "Fracking".

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
FR-Spezial

Wendige Elektroautos statt schwerer Spritfresser, enges Bahnnetz statt weniger schneller Strecken - wie wir mobil bleiben.

FR-Spezial
Die IG Metall will in Kürze entscheiden, ob sie zu Warnstreiks in der Stahlindustrie aufruft.

Kurzarbeit, Jobabbau - wie sozial unsere Marktwirtschaft noch ist. Und: Hartz IV - Nachwirkungen der großen Sozialreform.

Frauen in die Aufsichtsräte

Die EU will, dass 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein sollen. Für Vorstände gilt das nicht. Eine gute Lösung?

22% Ja, finde ich gut. Die Unternehmen ernennen von sich aus keine Frauen.
67% Nein, ich bin dagegen. Die Qualifikation ist wichtiger als das Geschlecht.
11% Ist egal, für die Wirtschaft ist das nicht entscheidend.

Euro-Krise

Das Märchen von den Griechen

Von Stephan Kaufmann | 22 Kommentare
Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen.

Die Geschichte der griechischen Krise wird sehr einseitig beschrieben. Europa ist gut, Athen ist böse. Europa muss sein Sorgenkind erziehen - oder es aus dem Euro werfen. Es geht um „Lügen“, „Sorgen“ und der teuren „Rettung“. Dahinter verbergen sich knallharte Interessen. Mehr...

Anzeige
Faktencheck
Zurück zur Drachme um den Euro zu retten?

Griechenland steht im Ruf, über seine Verhältnisse gelebt zu haben. Mythen über die Ursachen der Krise.

Anzeige
Spezial

Erst kippen die Banken - dann wackelt die Weltwirtschaft. Nun wird die Finanzbranche umgebaut - und der Staat stützt die Konjunktur.

Wirtschaft-Spezial

Die Schuldenkrise hat Europa im Griff: Nachrichten zur Eurokrise, Konjunktur, Eurobonds und Ratingagenturen.


Faktencheck
Steigende Beiträge zur Sozialversicherung - die Zukunft?

Was würde passieren, wenn Deutschland ein Sparpaket bewältigen müsste wie Griechenland? Ein erschreckendes Szenario.

In eigener Sache

Die Zukunft der Frankfurter Rundschau ist gesichert. Die Eigentümer betonen, es gibt keinen Einfluss auf das gewachsene politische Profil. Chefredakteur Festerling blickt nach vorne: "Wir haben einiges vor."