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23. Januar 2013

Kältemittel für Klimaanlagen: Im Test durchgefallen

 Von Frank-Thomas Wenzel
Kühlmittel ausgetauscht: die neue A-Klasse.  Foto: dpa/Uli Deck

Umweltfreundlich, aber entflammbar: Die Autobauer haben Probleme mit einem Kühlmittel. Ein Experiment zeigt, dass es bei einem Unfall zu schweren Verätzungen der Insassen kommen kann.

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Die drastischen Bilder kursieren noch Internet. Sie zeigen einen verätzten Schweinskopf. Das Ergebnis eines Experiments der Uni München, das einen Unfall simulieren soll. Mit einem Auto, das das neue Kältemittel R1234yf in der Klimaanlage nutzt. Ein flammendes Inferno und schwerste Verätzungen der Insassen könnten schlimmstenfalls die Folgen sein. Die Autobauer sind ratlos, nach Lösungen für das Problem mit dem „Killer-Kältemittel“ wird hektisch gesucht. Die Behörden drücken derweil beide Augen zu.

2007 war die Welt noch in Ordnung. Damals beschlossen die deutschen Autobauer, künftig Kohlendioxid als klimaschonendes Kältemittel zu nutzen – als Reaktion auf verschärfte EU-Vorgaben. CO2 ist zwar auch ein Treibhausgas, aber das seit vielen Jahren gängige Kühlmittel Tetrafluorethan (Handelsname R134a) ist mehr als tausendmal schädlicher für das Klima. Doch 2008 präsentieren die US-Konzerne Dupont und Honeywell ein neues Produkt: Tetrafluorpropen (R1234yf). Es taugt als Ersatz für R134a und liegt in puncto Klimabelastung erheblich günstiger als die altbewährte Substanz – eine billige Alternative für die Autobranche. Denn die CO2 -Klimaanlagen mussten damals noch entwickelt werden. Zudem ist die Fertigung teurer als die konventioneller Aggregate.

Schock für die Branche

Doch Umweltschützer wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und auch die Bundesanstalt für Materialprüfung und -forschung warnten schon 2008 vor dem neuen Kältemittel: Bei einem Crash könne es sich entzünden, bei der Verbrennung entstehe Fluorwasserstoff. Das Gas ist hochgradig giftig und wirkt in Verbindung mit Wasser extrem ätzend. R1234yf wird dennoch genehmigt. In Labortests hat sich der Stoff als kaum entflammbar erwiesen. Die Autobauer schwenken um, und sprechen sich für Tetrafluorpropen als neuem Kältemittel aus. Es sollte sukzessive bei allen Neuwagen in den nächsten Jahren eingesetzt werden. Doch die Diskussion um die chemische Substanz nimmt kein Ende. Daimler machte voriges Jahr einen „Real-Life-Test“, der einem Crash mit berstender Kühlmittelleitung sehr nah kam. Zur großen Überraschung der Ingenieure fing das Auto Feuer. Ein Schock für die gesamte Branche.

Ursache noch unklar

Welche Prozesse genau zu dem Feuer führten, sei noch immer nicht klar, so ein Sprecher. Fest stehe nur, dass die Thermodynamik im Motorraum bei warmem Motor eine Rolle spiele. Daimler jedenfalls stoppte daraufhin den Einsatz von R1234yf. Betroffen sind der neue SL, sowie die A- und die B-Klasse. Jetzt wird wieder das alte Tetrafluorethan in die Klimaanlagen gefüllt. „Wir wissen, dass das nicht mit den Vorschriften konform ist, aber solch ein Verstoß war nicht unsere Zielsetzung“, so der Daimler-Sprecher. Und was sagen die Behörden? Ein Sprecher des Kraftfahrtbundesamtes weist darauf hin, dass als Ultima Ratio Daimler die Typgenehmigung für die drei Modelle entzogen werden könnte. Zugleich weist er auf „Ermessensspielräume“ hin. Die Behörde will Daimler offenbar einige Wochen Zeit geben, um das Problem zu lösen. Der Autobauer selbst hat bei der EU um eine Duldung der nicht-legalen Praxis für sechs Monate gebeten.

Schnelle Lösung gefragt

Für Patrick Huth von der DUH ist die Lage nicht haltbar. Er fordert Sanktionen für Autobauer, die gegen die Vorschriften verstoßen, sprich gegen Daimler. Eine Strafzahlung von 665 Euro für jedes Auto, das rechtswidrig mit dem Kältemittel R134a ausgeliefert wird, hält er für angemessen – die Summe entspricht den derzeit gültigen Strafregeln der EU. Solche Zahlungen hätten den Effekt, dass die Autobranche gezwungen werde, eine schnelle Lösung zu finden.

Autofahrer, die sich einen neuen Wagen zulegen, müssen kaum befürchten, dass sie mit R1234yf durch die Gegend fahren. Lediglich asiatische Hersteller setzten das Kühlmittel bei einigen wenigen Modellen ein. Die deutschen Autobauer verzichten derzeit auf die umstrittene chemische Substanz. Das geht auch bei neuen Modellen mit einfachen Tricks: Die EU-Vorschriften besagen, dass nur Autos, die nach dem 1. Januar 2011 als neue Typen von den Behörden genehmigt wurden, seit 1. Januar 2013 bei der Auslieferung mit klimaschonenden Kältemitteln ausgestattet sein müssen. Viele Autobauer haben aber ihre neuen Typen schon vor dem 1. 1. 2011 genehmigen lassen, dürfen also das alte R134a ganz legal verwenden.

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