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05. November 2012

Kaffeekette Starbucks: Wie Starbucks sich arm rechnet

Vielen Politikern schmeckt die Steuerpraxis von Starbucks nicht. Foto: dapd

Starbucks-Kaffee ist im Trend in Deutschland, die Filialen sind voll, das Geschäft wächst. Der Konzern betont, er „bewege sich im Rahmen der Gesetze“ und wolle „korrekter Steuerzahler“ sein. Aber die Kaffee-Kette rechnet sich absichtlich arm und spart sich die Steuern lieber.

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London/Berlin –  

Wer am Brandenburger Tor einen „Mocha Frappuccino“ oder eine „Apple Crumble Latte“ genießen will, braucht Geduld. Die Filiale des US-Kaffeerösters Starbucks in Sichtweite des Berliner Wahrzeichens ist eigentlich immer brechend voll. Seit der Eröffnung des ersten Coffee House in Deutschland mit der prominenten Adresse Pariser Platz 4 vor zehn Jahren wurden 150 weitere Verkaufsstellen eröffnet. Das Geschäft von Starbucks in Deutschland brummt - aber wie kommt es, dass die Kette seit 2002 hierzul a nde noch nie Ertragssteuern gezahlt hat? Auch nicht in Frankreich, wo Starbucks seit 2004 mit inzwischen 60 Läden präsent ist. Der Fall wirft ein Schlaglicht darauf, wie sich internationale Konzerne - ganz legal - steuerlich arm rechnen.

Der in Seattle beheimatete Kaffee-Konzern legt Wert auf ein soziales Image. „Starbucks hat eine Vielzahl von Programmen auf die Beine gestellt, die darauf abzielen, den Gemeinschaften, in denen und für die wir arbeiten, etwas zurückzugeben“, heißt es auf der deutschen Website - Steuern gehören offensichtlich nicht dazu. 2011 hat Starbucks in Deutschland einen Umsatz von 117 Millionen Euro ausgewiesen. Dennoch hat die Kette einen Verlust von 5,3 Millionen Euro gemacht - und deshalb auch keine Steuern entrichtet, genauso wie in den vorangegangenen Jahren seit 2002.

Weder in Deutschland noch in Großbritannien, wo die Steuerpraxis von Starbucks sogar das Parlament beschäftigt, wird der Vorwurf erhoben, die zweitgrößte Kaffee- und Restaurantkette der Welt nach McDonalds handele illegal. Dennoch bleibt bei manchen ein bitterer Nachgeschmack zurück. So sagt der Grünen-Europaparlamentarier Sven Giegold, er werde das Thema bei den Steuerbehörden in Bayern ansprechen, wo die deutsche Zentrale sitzt. Die Linke will das Bundesfinanzministerium um Aufklärung bitten. Die Ministerien in Berlin und Paris wollten sich mit Blick auf das Steuergeheimnis zu dem Fall bisher nicht äußern.

Börse erfreut

Wer denkt, Starbucks gehe es finanziell so schlecht, dass es keine Steuern bezahlen könne, irrt. Am Donnerstag veröffentlichte der Konzern Zahlen, nach denen der Gesamtumsatz im vergangenen Quartal um elf Prozent auf 3,36 Milliarden Dollar gestiegen ist, das Nettoergebnis lag bei 359 Millionen Dollar. Die Geschäfte laufen so gut, dass Starbucks seine Gewinnerwartungen nach oben schraubte: Die Aktie sprang um sieben Prozent auf 49,90 Dollar.

Für die Steuerzahler in Deutschland, Frankreich und in Großbritannien bleibt allerdings nichts oder nur wenig übrig. Obwohl es sich um „drei unserer größten und wichtigsten Märkte 2011“ handele, wie Starbucks gegenüber Reuters erklärte. In Großbritannien, wo mit 735 Verkaufsstellen ein „White Chocolate Mocha“ und ein Stück „Fairtrade Chocolate Brownie“ mittlerweile genauso zum alltäglichen Stadtbild zählen wie „Fish&Chips“, muss sich der US-Konzern deshalb heftiger Angriffe erwehren. Seit Reuters berichtet hatte, dass Starbucks dort seit 1998 zwar 3,1 Milliarden Pfund Umsatz gemacht, aber nur 8,6 Millionen Pfund Steuern gezahlt hat, steht der Kaffeeröster im Feuer der Kritik.

Premierminister David Cameron gab unlängst im Unterhaus zu Protokoll: „Ich bin nicht glücklich mit der gegenwärtigen Situation. Ich denke, die (britische Steuerbehörde) HMRC sollte sich das sehr genau ansehen.“ Der Regierungschef forderte: „Wir müssen sicherstellen, dass diese Firmen in unserem Land investieren - aber sie sollten auch angemessen Steuern zahlen.“

„Im Rahmen der Gesetze“

Die Starbucks-Führung wird seitdem nicht müde zu betonen, dass sie nichts Illegales tue. „Wir sind zu 100 Prozent sicher, dass wir uns im Rahmen der Gesetze bewegen“, sagte Konzernchef Howard Schultz dem Sender CNBC. Finanzchef Troy Alstead sagte: „Unser Ziel ist es, überall ein absolut korrekter Steuerzahler zu sein.“ Eine Starbucks-Sprecherin erklärte: „Wir wollen ein guter Steuerzahler sein und unseren gerechten Anteil Steuern zahlen. Aber wie schreiben die Steuergesetze nicht - wir befolgen sie.“

Hier liegt der Kern des Problems. Nach den Recherchen von Reuters nutzt Starbucks lediglich die Möglichkeiten aus, die die EU-Länder selbst geschaffen haben und wegen des Einstimmigkeitsprinzips in Steuerfragen nicht geändert bekommen. So zahlen die Starbucks-Töchter in Deutschland und Frankreich an die Europa-Zentrale in den Niederlanden eine Lizenzgebühr, die sechs Prozent des Umsatzes entspricht, und zusätzliche Gebühren von 25.000 Dollar für jedes neu eröffnete Cafe. Auf diesem Weg fließt viel Geld ins Ausland, während die deutsche Tochter ihren steuerrelevanten Gewinn reduzieren kann. Nach niederländischem Recht können die Lizenzgebühren ohne Besteuerung in Drittländer überwiesen werden, wo sie nicht oder nur gering belastet werden.

Hohe Lizenzgebühren

Im Vergleich mit anderen internationalen Konzernen sind die Lizenzgebühren bei Starbucks relativ hoch. Die Hamburger-Ketten McDonalds und Burger King verlangen von ihren Europa-Töchtern eine Gebühr zwischen vier und fünf Prozent des Umsatzes. Die Supermarktkette Wal-Mart belastet ihre britische Tochter Asda mit 0,6 Prozent für verschiedene Dienste, darunter Lizenzgebühren. Der Hähnchen-Brater Kentucky Fried Chicken erklärte sogar, es erhebe von Tochterfirmen keine Gebühren.

Der Kniff mit den Lizenzgebühren hilft Starbucks, die Steuerbelastung für außerhalb der USA erzielte Gewinne auf 13 Prozent zu drücken. Das ist weniger als bei Nike, Wal-Mart, Gap oder Burger King. Ohne Linzenzgebühren und Zinsen hätten die deutschen und die französischen Starbucks-Töchter in den letzten zwei Jahren einen Gewinn von über zehn Millionen Euro gemacht und Steuern von 3,4 Millionen Euro zahlen müssen, wie sich aus den Bilanzunterlagen herauslesen lässt. Stattdessen wies die niederländische Europa-Zentrale für 2011 einen Gewinn von zwei Millionen Euro aus und zahlte 870.000 Euro an Steuern. Wo der Rest des in Europa erzielten Gewinns geblieben ist und wo er beteuert wurde, wollte die Firma Reuters nicht beantworten.

Stattdessen pflegt Starbucks sein soziales Image und wirbt auf seiner Website mit seinen „innovativen Vorschlägen“: „Wie beispielsweise im Januar 2009, als wir unsere Gäste, die sich zu fünf Stunden gemeinnütziger Arbeit verpflichteten, mit einer Tasse Kaffee begrüßten.“ Erklärtes Ziel ist es, dass Mitarbeiter und Gäste bis 2015 eine Million Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten. Wozu, könnte man fragen, braucht der Staat da noch Steuern, wenn Starbucks und seine Kunden jetzt den Job machen? (rtr)

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