Antananarivo. Felder, immer wieder Felder. Knietief stehen Bauern rund um Madagaskars Kapitale Antananarivo im Wasser und machen sich in sengender Sonne über ihren Reispflanzen krumm. Das Hochland ist die Reiskammer des Inselstaates vor der Ostküste Afrikas. Mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von Reis von 120 Kilogramm ist Madagaskar weltweit spitze.
Reiskammer - das klingt nach üppigen Erträgen, nach überladenen Ochsenkarren, auf denen Bauern ihre Ernte einfahren. Doch das satte Grün der weiten Felder täuscht. Auf dem aktuellen Welthungerindex belegt Madagaskar einen der hinteren Plätze. Von November bis zur nächsten Ernte im April gibt es für viele Menschen nur eine Mahlzeit am Tag, sagt eine Agrarexpertin, die mit Bauern in der Umwelterziehung arbeitet.
Raus aus der Lebensmittelfalle
Ein explosives Bevölkerungswachstum, Bodenerosion, ertragsarme Anbaumethoden und Zyklone führen dazu, dass der ehemalige Reisexporteur Madagaskar jährlich bis zu 300 000 Tonnen aus Asien einführen muss. Doch die Regierung hat ehrgeizige Pläne. Mit einer "grünen Revolution" will die Tropeninsel Hunger und Elend bekämpfen. Der "Madagaskar Action Plan" gibt als Ziel bis 2012 eine Verdoppelung der Reisproduktion vor.
Präsident Marc Ravalomanana hat erkannt, dass sein Land wie viele afrikanische Staaten in einer Nahrungsmittelfalle sitzt. "Wir sind auf den Weltmarkt angewiesen, um unsere Leute zu ernähren", sagt Ravalomanana. Wenn dann die Preise für Reis global in die Höhe schnellen, "zwingt das noch mehr Menschen in unserem Land in absolute Armut."
Um das zu ändern, setzt Ravalomanana, der sich zahlreiche ausländische Berater in den Palast geholt hat und das Wirtschaftssystem seit 2001 nach Weltbank-Rezepten liberalisiert, ausgerechnet auf ein Konzept made in Madagaskar - und nicht auf die Rezepte von Agrokonzernen.
Mit SRI - System of Rice Intensification - will Ravalomanana die Produktion der Farmer steigern. Eine Methode, die der Jesuit Henri de Laulanie bereits in den frühen 1980er Jahren auf Madagaskar in Feldversuchen entwickelte. "Weniger ist mehr", beobachtete der Priester und riet den Bauern, nur ein Zehntel der üblichen Menge Reis in Anzuchtbeeten auszusäen. Schon nach acht bis zwölf Tagen sollten die Farmer Schösslinge auf das Feld aussetzen - nicht in ganzen Büscheln, sondern einzeln. Statt die Reisfelder zu fluten, müsse der Boden nur feucht gehalten und mit organischem Dünger versorgt werden. Unkraut sollten die Farmer mit Hand oder Hacke jäten, was die Belüftung des Bodens fördere und Wachstum der Pflanzen anrege.
Mit SRI, so die Erfahrungen von Pater Laulanie, lässt sich der Ertrag pro Hektar um 50 bis 100 Prozent steigern - ohne Hybridsaatgut, ohne chemische Unkrautvernichter und Kunstdünger.
Da wundert es nicht, dass die alternative Anbaumethode bei Agrokonzernen und ihren Lobbyisten gar nicht gut wegkommt. "Weil das Dogma, dass mehr Input auch mehr Output bringt, auf den Kopf gestellt wird", sagt Georg Deichert, Landwirtschaftsexperte der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). "Da wird mit Milliarden-Budgets daran geforscht, die Reis-Produktion zu steigern, und dann gibt es da eine Methode, die fast nichts kostet."
Wenn Kritiker den Erfolg von SRI immer noch leugnen und von "unbestätigten Feldbeobachtungen" sprechen, kann Deichert, der die Methode im Auftrag der GTZ fünf Jahre lang in Kambodscha propagiert hat, nur den Kopf schütteln. "Die Erfolge sind belegt", sagt er. In der kambodschanischen Provinz Takeo etwa habe die GTZ, unterstützt von einer lokalen Nichtregierungs-Organisation, mit zunächst 50 Bauern begonnen, SRI zu praktizieren. "Nach vier Jahren haben wir mehr als 40 000 Farmer überzeugen können, auf die Methode umzusteigen", erzählt Deichert.
Auch in anderen asiatischen Ländern wird SRI seit Jahren erfolgreich propagiert - im Erfinderland Madagaskar hatte es die Jesuiten-Methode bisher aber schwer. "Da gab es einfach keine basisnahe Vermittlung", sagt Dorothee Zimmermann, Agraringenieurin des katholischen Hilfswerks Misereor. "Man kann Kleinbauern, die um ihre Existenz kämpfen und das Risiko scheuen, nicht einfach etwas aufpfropfen." Weil sich ein partizipativer Ansatz mit den Partnern in Madagaskar nicht verwirklichen ließ, sei Misereor 2003 aus einem SRI-Projekt ausgestiegen.
Rein in die Basisarbeit
Dass es nur mit ausdauernder Graswurzel-Arbeit funktionieren kann, hat Madagaskars Regierung jetzt offenbar erkannt. Vor der UN-Vollversammlung erklärte Präsident Ravalomanana Ende September, SRI sei ein "wichtiger Teil von Madagaskars grüner Revolution". Die Methode schone die natürlichen Ressourcen und "respektiert die Menschen".
Für ihre basisnahe SRI-Kampagne hat sich die Regierung die us-amerikanische NGO "Better U" ins Boot geholt, die eng mit Professor Norman Uphoff kooperiert. Uphoff ist ein führender SRI-Experten und der Ex-Direktor des internationalen Instituts für Nahrung, Landwirtschaft und Entwicklung der Cornell-Universität. Mit Lehrfilmen, Testfeldern und vor allem einem langen Atem will "Better U" Dorfgemeinschaften von SRI überzeugen. In allen Regionen des Landes soll SRI mit Hilfe lokaler NGOs implementiert werden, sagt Better-U-Aktivistin und Regierungsberaterin Winifred Fitzgerald.
Präsident Ravalomananas Blick geht dabei weit über die Insel hinaus. Für April hat er seine Kollegen zu einem afrikanischen SRI-Gipfel eingeladen, um die Methode auch für Farmer auf dem Festland zu propagieren. "Das ist unsere Antwort auf die Herausforderung der Nahrungsmittelsicherheit", sagt Ravalomanana. "Denn die Kleinbauern sind der Schlüssel zur Entwicklung Afrikas."
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