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13. Oktober 2010

Karriere: Frauen haben es schwer im Männerbund

 Von Johanna Ritter
Frauen in Führungspositionen findet man in der Wirtschaft immer noch selten.  Foto: ddp

Unternehmerinnen sind in Deutschland weiterhin unterrepräsentiert. Der Mittelstand ist dabei Im Schnitt zwar fortschrittlicher als die großen Konzerne - von Gleichberechtigung kann aber noch keine Rede sein.

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Frankfurt –  

Dass Frauen in den Chefetagen großer Konzerne wenig Karrierechancen haben ist bekannt, doch auch im Mittelstand ist noch viel Luft nach oben.

Im Hof der Frankfurter Armaturenfirma Christian Bollin im Stadtteil Sossenheim hat Dagmar Bollin-Flade als kleines Mädchen im Sandkasten gespielt, als Jugendliche besserte sie im Unternehmen ihr Taschengeld auf, heute ist sie die Chefin. 1985 übernahm Dagmar Bollin-Flade gemeinsam mit ihrem Mann die Geschäftsführung der Familienfirma und trat damit in die Fußstapfen zweier Männer – die des Vaters und die des Großvaters.

Frauen, die die Geschicke von Familienfirmen lenken, scheinen längst Normalität zu sein. Auch in die Führungsetagen der großen deutschen Traditionsunternehmen hat etwa mit Nicola Leibinger-Kammüller bei Trumpf oder Liz Mohn bei Bertelsmann die Weiblichkeit Einzug gehalten. Eine Studie der Unternehmensberatung Intes zeigt: In 16 Prozent von 250 befragten Familienbetrieben führt eine Frau das Geschäft, in neun Prozent ist zumindest ein gemischtes Team an der Spitze.

Damit weisen die Traditionsunternehmen zwar einen besseren Schnitt auf als die Großkonzerne – gerade mal vier Frauen sitzen in den Vorständen von Dax-Unternehmen. Aber auch in Familienbetrieben sind Frauen unterrepräsentiert; schließlich beträgt ihr Anteil an den Beschäftigten etwa 50 Prozent.

Zudem zeigt die Intes-Studie: Je mehr Umsatz ein Unternehmen macht, desto geringer die Chance, dass eine Frau in der Chefetage sitzt. Und dennoch sind fast drei Viertel aller befragten Unternehmen mit dem Frauenanteil in ihrer Führungsriege zufrieden.

Ganz so rosig sieht Bettina Daser, die an der Universität Frankfurt eine Studie zum Thema Nachfolgerinnen geschrieben hat, die Situation nicht. „Töchter kommen meist nur dann zum Zug, wenn es keine Alternative gibt oder wenn die Bindung zum Vater besonders stark ist“, sagt die Expertin. Vordergründig würde zwar über das Prinzip entschieden „wer mehr leistet, bekommt die Nachfolge“, oft spielten aber auch Vorstellungen des Vaters darüber eine Rolle, was für ein Leben seine Kinder führen sollen. „Die Geschlechterfrage kommt durch die Hintertür ins Spiel, und das ist für Töchter besonders kränkend“, sagt Daser. Familienunternehmen seien bis heute ein „Männerbund“.

Auch Ildigo Juhasz hat das erlebt. Mit der Aussicht, eines Tages die Modefirma ihres Vaters gemeinsam mit ihrem Bruder zu übernehmen, arbeitete sie 17 Jahre in dem Unternehmen in Bad-Reichenhall. Sie leitete den Einkauf für die Damen, der Bruder den für die Herren. Doch gleichberechtigt fühlte sich die Tochter nicht. „Ich musste Entscheidungen öfter absprechen als mein Bruder.“ In Konferenzen sei der zuerst zu Wort gekommen; überschritt er sein Einkaufslimit, sei der Ärger kleiner ausgefallen als bei ihr. „Ich habe mich dagegen gewehrt, aber das hat mir nur die Rolle der Rebellin eingebracht.“

Die ständige Konkurrenz zum Bruder ist zermürbend, mit dem Vater auf Augenhöhe zu sprechen scheint nicht möglich. Ildigo Juhasz wünscht sich mehr Verantwortung und steigt schließlich aus. „Ich glaube, mein Vater hat immer eher einen Mann als Nachfolger gesehen“, sagt sie. Dass sie so auf die Nachfolge verzichtetet, bereut sie nicht. Sie hat eine Unternehmensberatung für Familienfirmen gegründet und ist sich sicher, dass die Konflikte sie gut darauf vorbereitet haben.

In Unternehmen, die nicht in Familienhand sind, scheinen es Frauen fast noch schwerer zu haben. In einem internationalen Vergleich unter 36 Ländern fand die Wirtschaftsprüfung Grand Thorton heraus, dass hierzulande 17 Prozent der Führungskräfte in mittelständischen Firmen weiblich sind. Nur in fünf Ländern waren es weniger. Fast 40 Prozent der Mittelständler verzichten ganz auf das Know-how von Frauen in Führungsetagen.

So hält es wohl auch die Mittelstandslobby: Im Vorstand des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft sitzt zwischen sechs Männern nur eine Frau. Die Chefinnen haben noch ihren eigenen Club, den Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU). 1954 in einer Zeit gegründet, in der Frauen vor allem die Rolle als Hausfrau vorbestimmt war, ist er bis heute auf 1600 Mitgliedsunternehmen angewachsen.

„Der VdU ist auch eine Antwort darauf, dass der Mittelstand bis heute patriarchalisch geprägt ist“, sagt Geschäftsführerin Carlotta Köster-Brons. Ein eigenes Unternehmen zu gründen, wagen bis heute weniger Frauen als Männer. 2009 waren 38 Prozent der Gründer weiblich. Doch selbst diese Gruppe wird von einigen Institutionen kaum wahrgenommen: Beratungen und Banken geben etwa Fragebögen heraus, mit denen Interessenten ihre Gründungstauglichkeit testen können. „Nur nicht immer zum Vorteil für Gründerinnen“, fanden Forscher des betriebswirtschaftlichen Instituts Bifego heraus.

Auf die Frage, ob Partner sie bei der Selbstständigkeit unterstützen, gebe es in einigen Tests nur eine positive Antwortmöglichkeit – die lautet: „Ja, meine Frau steht voll hinter mir.“

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