Zwei „Ryndstykker“ verlangt Steffen beim Bäcker in Kopenhagen, das Mädchen hinter dem Tresen reicht ihm die Brötchen für fünf Kronen. Steffen schiebt die Chipkarte in den Leser, tippt seine Geheimzahl ein und lässt die umgerechnet knapp 70 Cent von seinem Konto abbuchen.
Die Verkäuferin verzieht keine Miene. Sie ist es gewohnt, dass die Kunden selbst Kleinstbeträge bargeldlos bezahlen. Steffen hat nie Cash in der Tasche, und das ist typisch für junge Skandinavier. Ob Drinks in der Bar, S-Bahn-Tickets oder der Flug nach Australien – alles wird mit Karten, Handys oder Internet-Banking abgewickelt, selbst Kredite verschaffen sich die konsumfreudigen Wikingernachfahren oft (zu horrenden Zinsen) via SMS.
Der Trend zur bargeldlosen Gesellschaft ist im Norden weiter fortgeschritten als im übrigen Europa. Die Einführung des Euro bereitete den Finnen wenig Kopfzerbrechen. Ob von ihrer Kreditkarte 15 Finnmark oder drei Euro abgebucht wurden, machte nicht viel Unterschied. Während des Bankenkrachs in Island machten sich Reisende unnötig Sorgen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollten: Mit der Visakarte konnte man überall einkaufen, speisen und wohnen, ohne eine einzige Krone in die Hand zu nehmen. Touristen auf Nordland-Rundfahrt, die sich vorsorglich mit den verschiedenen Banknoten eingedeckt haben, merken rasch, dass sie sich das hätten sparen können. Mit ihrer Karte kommen sie genauso weit.
In Schweden verbietet seit 1. August ein Gesetz den Unternehmen, das Bezahlen mit Kreditkarten durch Gebühren extra zu belasten. Gleichzeitig läuft eine Kampagne für bargeldloses Zahlen. Dabei geht es um Bequemlichkeit – und Sicherheit. Ist weniger Bares im Umlauf, kann weniger gestohlen werden, lautet das Argument, und lichtscheue Händel lassen sich mit nachprüfbaren Banktransaktionen weniger leicht abwickeln.
Bargeld ist Schwarzgeld
„Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“, sagt Stockholms Polizeichefin Carin Götblad, die darauf bestand, selbst ihren Christbaum mit Karte zu bezahlen. Sie regt an, 500- und 1000-Kronen-Scheine (umgerechnet rund 50 und 100 Euro) abzuschaffen. Sie würden doch nur für Schwarzarbeit und Hehler-Deals verwendet. „Zwei von drei Bargeldkronen sind doch schwarz“, sagt auch Gewerkschafterin Maria Löök.
Nach einer Serie von Überfällen auf Fahrer strich Stockholms Verkehrszentrale den Ticketverkauf im Bus. Jetzt muss man sich am Automaten bedienen oder per Handy zahlen. Nach Raubzügen gegen Banken und Geldtransporter wurde der Umsatz an Barem begrenzt. Es gibt selbst bargeldlose Bankfilialen, der Geldverkehr läuft ja doch über das Web.
„25 Prozent der Bankangestellten waren Opfer von Überfällen“, sagt Arbeitsschutzamt-Chef Mikael Sjöberg. „Es ist nicht akzeptabel, dass Menschen Angst haben müssen, wenn sie zur Arbeit gehen.“ Sein Amt untersucht die am meisten gefährdeten Läden, Kioske und Tankstellen. 3000 von ihnen droht ein Bargeldbann. Der Verband der Kleinunternehmer wehrt sich, ältere Menschen klagen, dass sie sich mit der modernen Technik nicht zurechtfinden.
Nur eine Frage der Gewöhnung, meinen die Experten. Gerade für Ältere sei der bargeldlose Verkehr ein Vorteil, denn sie seien Diebstählen besonders ausgesetzt und hätten oft Schwierigkeiten, die richtigen Münzen zu finden.
Proteste von Datenschützern sind spärlich, obwohl das bargeldfreie System jede Geldtransaktion kontrollierbar macht und das Konsumverhalten offenlegt. Doch in Skandinavien hat man sich daran gewöhnt, dass der Staat jedem aufs Konto guckt. Schließlich werden Bankguthaben und Zinsen automatisch der Steuerbehörde gemeldet, und das schwedische Öffentlichkeitsprinzip gibt jedem Neugierigen das Recht auf Einblick in die Steuererklärung des Nachbarn.
„Wer Bares besitzt, hat etwas zu verbergen“, lautet der Slogan der Lobbyisten für ein Dasein ohne Klimpern in der Tasche. Für Steffen ist das längst Normalität. Und wenn er doch mal Bargeld braucht? Auch das geht beim Bäcker. „Gibst du mir 100 Kronen drauf?“, fragt er das Mädchen an der Kasse, und sie verbucht für die zwei Brötchen 105 Kronen und reicht ihm den Hunderter in bar.
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