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Keime in Hähnchenfleisch: Aigner will Einsatz von Antibiotika gesetzlich begrenzen

Weil erneut in Hähnchenproben Antibiotika-resistente Keime gefunden wurden, will die Bundeslandwirtschaftsministerin das Arzneimittelgesetz verschärfen. Verbraucherschützer fordern, Lebensmittel müssten unabhängig vom Preis sicher sein. Die Geflügelwirtschaft spricht von Angstmache.

        

Gedrängt: Federvieh auf der Hühnerfarm.
Gedrängt: Federvieh auf der Hühnerfarm.
Foto: REUTERS/Felix Ordonez
Berlin –  

Antibiotika sollen künftig nur noch sehr restriktiv zur Behandlung von Tierkrankheiten eingesetzt werden. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) stellte am Dienstag den Entwurf ein entsprechend verschärftes Arzneimittelgesetz vor. Es ist ein zentraler Bestandteil ihres Maßnahmenpakets gegen Antibiotika-Resistenzen.

Darüber hinaus sollen die Befugnisse der zuständigen Kontroll- und Überwachungsbehörden der Bundesländer deutlich erweitert werden. Neben einer konsequenten Ahndung von Verstößen sei auch eine weitere Verbesserung der Haltungsbedingungen für Nutztiere nötig, um haltungsbedingte Ansteckungsrisiken der Tiere untereinander zu verringern, erklärte Aigner.

Tiermast ohne Antibiotika

Verbraucherschützer fordern Tiermast ohne Antibiotika als Ziel - Billen: Lebensmittel müssen unabhängig vom Preis sicher sein Dortmund, 10. Januar (AFP) - Die Pläne von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) zur Eindämmung des Antibiotika-Einsatzes in der Tierzucht gehen nach Ansicht von Verbraucherschützern nicht weit genug. Gerd Billen, Vorstand vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), forderte in den in Dortmund erscheinenden „Ruhr Nachrichten“ vom Dienstag einen Plan, „mit dem wir innerhalb von zehn Jahren zu einer Tiermast kommen, die völlig frei ist von Antibiotika“.

Zudem sei eine Verordnung erforderlich, auf deren Grundlage Fleisch mit multiresistenten Keimen aus dem Verkehr gezogen werden könne, forderte der vzbv. Lebensmittel müssten unabhängig vom Preis sicher sein, sagte Billen mit Blick auf die Züchter. „Es ist die Aufgabe der Hersteller, sichere Produkte zu liefern. Das machen sie offensichtlich nicht.“

"Das ist Angstmache"

Die Geflügelwirtschaft widerspricht Darstellungen des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) über die Belastung von Hähnchenfleisch in deutschen Supermärkten. Der BUND hatte bei jeder zweiten Stichprobe Antibiotika entdeckt. „Die BUND-Erhebung ist überhaupt nicht hilfreich. Im Gegenteil: Das ist pure Angstmache“, sagte der Geschäftsführer des Zentralverbandes der Deutschen Geflügelwirtschaft, Thomas Janning.

Diese Aussagen führten nicht zu einer Versachlichung der Debatte, sondern zu einer Verunsicherung der Verbraucher, kritisierte Janning in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Er sei sehr enttäuscht, zumal es sich nicht um eine repräsentative Studie handele. Janning betonte aber, er nehme das Thema „außerordentlich ernst“ und wolle es keinesfalls verharmlosen.

Auch der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, Helmut Born, sieht in der BUND-Erhebung „keine wirklich neuen Erkenntnisse“. Born sagte, die Menge an eingesetzten Antibiotika sei sogar rückläufig. Der BUND attackiere völlig undifferenziert die Massentierhaltung, „ohne zu definieren, was er darunter versteht“. Der Gebrauch von Tierarzneimitteln müsse zwar kritisch betrachtet werden. „Allerdings verschweigt der BUND, dass mehr als 99 Prozent der Milch-, Ei- und Fleischprodukte keine schädlichen Antibiotika-Rückstände aufweisen“ sagte Born der Zeitung.

Antibiotika-Einsatz auf Einzelfälle beschränken

Der agrarpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Friedrich Ostendorff, forderte dagegen von Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU), den Einsatz von Antibiotika „endlich auf die Einzelfallbehandlung bei einem erkrankten Tier zu beschränken“. Ostendorff: „Die Praxis sieht derzeit nämlich anders aus: Antibiotika werden von Tierhaltern wie Futtermittel gegeben und nicht wie Arzneimittel. Nur mit einer solchen permanenten Dröhnung kann verhindert werden, dass die Tiere erkranken.“

NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) warf Aigner Versagen im Kampf gegen Medikamenten-Missbrauch in der Tiermast vor. „Bis heute lehnt Frau Aigner etwa einen Nationalen Reduktionsplan und einen Antibiotika-Gipfel ab, obwohl Studienergebnisse die Dringlichkeit darlegen“, sagte er den „Ruhr Nachrichten“ (Dienstagausgabe). „Wenn wir den Antibiotika-Missbrauch ahnden sollen, müssen wir auch die Instrumente dafür haben. Doch die enthält uns die Bundesregierung vor.“ Nordrhein-Westfalen werde als erstes Bundesland eine Datenbank starten, um den Einsatz von Antibiotika in der Geflügelmast zu dokumentieren, kündigte Remmel an.

Reduktionsplan für Antibiotika gefordert

Die von Aigner angekündigten Maßnahmen greifen auch nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden der niedersächsischen Grünen-Fraktion, Christian Meyer, zu kurz. Meyer forderte für landwirtschaftliche Betriebe, die vermehrt Antibiotika einsetzen, einen konkreten Reduktionsplan nach dem Vorbild der Niederlande. Für dessen Einhaltung sollte dann durch Beratungsangebote und gezielte Kontrollen gesorgt werden. „Das Ziel ist die Halbierung des Mitteleinsatzes in fünf Jahren“, sagte er der Zeitung.

Gerd Billen, Vorstand der Verbraucherzentrale Bundesverband, forderte einen Plan, „mit dem wir innerhalb von zehn Jahren zu einer Tiermast kommen, die völlig frei ist von Antibiotika“. Außerdem sei eine Verordnung notwendig, auf deren Grundlage Fleisch mit multiresistenten Keimen aus dem Verkehr gezogen werden könne. Lebensmittel müssten unabhängig vom Preis sicher sein. (dapd/afp)

Datum:  10 | 1 | 2012
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