Karl Brenke hat es mit einer kleinen Studie geschafft, die Debatte über den angeblichen Fachkräftemangel mächtig aufzumischen – und voranzubringen. Landauf, landab haben in jüngster Zeit Wirtschaftsvertreter über knappes Personal geklagt. Und nun stellt der Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) nüchtern fest: „Ein Fachkräftemangel sei „kurzfristig noch nicht in Sicht“. Dabei hat auch Brenkes Chef, DIW-Präsident Klaus Zimmermann, immer wieder eindringlich vor einem Mangel gewarnt.
Die Klagen der Wirtschaft seien „maßlos übertrieben“, sagt Gerhard Bosch, Direktor des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Uni Duisburg-Essen. „In der Marktwirtschaft zeigt sich ein Mangel daran, dass die Preise steigen.“ Doch auch qualifizierte Beschäftigte hätten in jüngster Zeit keine deutlichen Lohnerhöhungen bekommen.
Das Gejammere der Firmen ist groß, allerorten scheint die Produktion in Gefahr, weil Fachkräfte fehlen. Doch etwas stimmt nicht an dieser Geschichte. Es ist einerseits unbestreitbar, dass mit dem demografischen Wandel das Arbeitsangebot abnimmt. Das gilt vor allem in Ostdeutschland, wo die Situation durch Abwanderung noch verschärft wird. Andererseits ist auffällig, dass gerade in der Industrie bislang das Beschäftigungsniveau der Vorkrisenzeit nicht erreicht wurde. Da die seinerzeit beschäftigten Arbeitskräfte nicht alle spontan in Rente oder ins Ausland gegangen sein dürften, müssten sie noch auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sein. Warum werden sie nicht eingestellt? Noch befremdlicher ist die Klage ostdeutscher Unternehmer. Obwohl die Industrie dort im Schnitt das Produktivitätsniveau des Westens erreicht hat, werden noch niedrigere Löhne gezahlt. Ein probates Mittel die Abwanderung deutlich zu vermindern, wäre, die Löhne anzugleichen. Warum geschieht dies nicht? Und überhaupt, warum steigt das Lohnniveau für Fachkräfte nicht, wenn sie denn so knapp sind? Und warum verweigern sich Firmen einer Übernahmegarantie für Auszubildende, wenn sie dadurch die angeblich fehlenden Fachkräfte an sich binden könnten? Erst wenn diese Fragen zufriedenstellend beantwortet sind, kann glaubwürdig gejammert werden.
Auf den ersten Blick erscheint der Fachkräftemangel tatsächlich als Fata Morgana. Denn in Deutschland gibt es wesentlich mehr Arbeitslose als offene Stellen. Dazu kommt, dass viele Beschäftigte bei einem attraktiven Angebot sicher gerne ihren Arbeitsplatz wechseln würden. Doch Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen. Gründe sind spezielle Stellenanforderungen, inadäquate Löhne oder auch eine niedrige Mobilitätsbereitschaft. Von daher kann es in bestimmten Berufen oder Regionen tatsächlich zu einem Arbeitskräftemangel kommen. Der demografische Wandel und der Trend zu wissensintensiven Tätigkeiten werden die Probleme noch verstärken. Mangelsituationen sind auf dem Arbeitsmarkt etwas ganz Normales. Sie sind Folge vom Auf und Ab der Konjunktur, aber auch des strukturellen Wandels. Immer gibt es Betriebe, die verschwinden oder entstehen, schrumpfen oder wachsen. Mit der wirtschaftlichen Erholung beobachten wir allerdings wieder eine stärkere Anspannung am Arbeitsmarkt. Der Anteil schwer besetzbarer Stellen nimmt zu, und die Betriebe berichten uns in Erhebungen wieder häufiger, dass ihre Produktion auch durch Arbeitskräftemangel behindert wird.
Der Mangel an Ingenieure ist evident: Im Oktober 2010 waren nach Berechnungen des IW Köln 66 700 offene Stellen für Ingenieure verfügbar, doch nur rund 24 000 Ingenieure galten als arbeitslos. Zu Beginn des letzten Aufschwungs im Herbst 2005 zählten die Arbeitsagenturen rund 56 000 Ingenieure ohne Job. Die besseren Perspektiven führen zu steigenden Löhnen. Seit Ende der 1990er Jahre sind die Lohnvorsprünge von Ingenieuren und Hochqualifizierten gegenüber anderen Gruppen deutlich gestiegen. Der Ingenieurmangel wird spürbar zunehmen. Aktuell scheiden jährlich rund 35 600 Ingenieure aus Altersgründen aus. Ferner besteht ein jährlicher Expansionsbedarf an Ingenieuren etwa in der gleichen Größenordnung. Insgesamt werden pro Jahr also 70 000 Ingenieure gesucht. Die Zahl derjenigen, die ein ingenieurwissenschaftliches Studium absolviert haben, beträgt jährlich nur 47 000. Von diesen stammen rund zehn Prozent aus dem Ausland, wohin sie nach dem Studium häufig wieder zurückkehren. Es fehlen also Nachwuchskräfte, um den Expansionsbedarf der Wirtschaft zu decken. Um die Zahl der offenen Stellen für Ingenieure zu ermitteln, hat das IW Köln 1400 Unternehmen zum Meldeverfahren ihrer offenen Stellen befragt. Die so ermittelten offenen Stellen führen zu validen und robusten Ergebnissen.
Ob wir einem Fachkräftemangel entgegensteuern, ist vor allem eine Frage des Betrachtungszeitraums. Kurzfristig besteht nach dem stärksten Wirtschaftseinbruch seit 80 Jahren kein flächendeckender, berufs- und branchenübergreifender Fachkräftemangel. Darin teile ich die Einschätzung des DIW. Daran ändert auch die anziehende Konjunktur zunächst nichts. Der Arbeitsmarkt ist ein nachlaufender Markt, ein Aufschwung wirkt sich erst mit zeitlicher Verzögerung auf dem Arbeitsmarkt aus. Trotz positiver IHK-Konjunkturumfragen ist die Einstellungseuphorie seitens der Unternehmen – unter anderem aufgrund des auslaufenden Kurzarbeitergeldes – bisher begrenzt. Das ist aber kein Beleg dafür, dass uns kein Fachkräftemangel bevorsteht. Mittel- und langfristig werden Engpässe allein schon durch die altersbedingt in Rente gehenden Erwerbstätigen der Babyboomer-Generation, bei weiter niedrigen Geburtenraten und damit geringerem Fachkräfteangebot, auftreten. So werden nach einer Studie von PwC und WifOR bis 2030 im Gesundheitswesen rund eine Million Fachkräfte fehlen, das sind mehr Personen als derzeit in der Autoindustrie beschäftigt sind. Jetzt müssen Weichen gestellt werden, um negativen Auswirkungen des bevorstehenden Fachkräftemangels in einzelnen Regionen, Berufen und Branchen vorzubeugen.
Das gilt auch für Ingenieure, die angeblich schon seit Jahren knapp sind. Die Einstiegsgehälter sind seit 2002 gerade mal um sechs Prozent gestiegen – nicht pro Jahr, sondern innerhalb von acht Jahren. Das ergibt jedenfalls eine Befragung des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI), an der jährlich rund 10 000 Beschäftigte teilnehmen. Die meisten Ingenieure würden nach Tarif bezahlt, übertarifliche Zuschläge gebe es nur in Einzelfällen. Wenn Firmen über Personalmangel klagten, gehe es darum, dass sie weiterhin Fachkräfte so billig wie bisher haben wollen, analysiert Bosch.
Kein flächendeckender Fachkräftemangel
Die Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) über die Ingenieurslücke sind umstritten. Brenke bemängelt zum Beispiel, dass dort Ingenieure nicht berücksichtigt sind, die nicht offiziell arbeitslos gemeldet sind.
Derzeit gebe es jedenfalls keinen flächendeckenden Fachkräftemangel, betont Denis Ostwald, Geschäftsführer des Wirtschaftsforschungsinstituts Wifor, das zurzeit ein Fachkräftemonitor erstellt. Mittel- und langfristig würden aber Engpässe auftreten, prophezeit Ostwald, den die FR ebenso wie drei weitere Forscher um eine Einschätzung gebeten hat (siehe Statements). Andere Wissenschaftler sehen das ähnlich. Auch das DIW erklärte gestern: „Ein Fachkräftemangel ist heute allenfalls partiell schlüssig nachzuweisen.“ Wegen der demografischen Entwicklung werde die Knappheit aber langfristig zu einem entscheidenden Thema.
Unternehmen und die Politik können viel dafür tun, damit aus dem Thema kein gravierendes Problem wird: Firmen können mehr jungen Menschen eine Lehrstelle bieten – auch wenn sie kein so gutes Zeugnis haben. Bosch verweist drauf, dass 1,2 Millionen junge Menschen derzeit keine Berufsausbildung haben.
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