Schon seit Jahren wird von einer Atomkraft-Renaissance gesprochen. Kommt sie nun - mit den AKW-Plänen aus Frankreich, England, den USA und Indien?
Es gibt eine Renaissance der Ankündigungen. In den OECD-Industriestaaten sind nur wenige Anlagen im Bau, ansonsten gibt es nur Ankündigungen und Planungen. Außerhalb der OECD, in China, in Indien und Russland existieren einige Neubauvorhaben, meist also in eher autoritären Ländern. Es sind aber auch Kernkraftwerksprojekten wieder abgesagt worden, etwa in Südafrika. Das alles ist noch keine Renaissance.
Felix Matthes ist Mitarbeiter beim Öko-Institut in Berlin. Der Diplom- Ingenieur und Politikwissenschaftler koordiniert dort die Forschung über Energie- und Klimapolitik. Er war regelmäßig zu Forschungsaufenthalten in den USA.
Ist sie auf Dauer ausgeschlossen?
Nicht unbedingt. Aber die Nagelprobe ist, ob Kernkraftwerke in Großbritannien und in den USA ohne direkte oder indirekte Subventionen gebaut werden.
Auch der neue US-Präsident Obama plädiert für neue Atomkraftwerke. Ist er gar nicht so grün, wie er sich gerne gibt?
Seine Formulierungen dazu sind sehr vorsichtig. Gerade in den USA hängt viel davon ab, ob AKW ohne Subventionen wirtschaftlich attraktiv sind und die dortigen Stromkonzerne die nötigen Milliardeninvestitionen auch stemmen können. Das sehe ich nicht.
Klimaschutz und globaler Energiehunger sind die Hauptargumente für einen Atom-Ausbau. Wie viel kann das helfen?
Nur wenig. Eine Kernkraft-Verdreifachung würde weniger als zehn Prozent der bis 2050 notwendigen CO2-Minderungen erbringen. Der Energiehunger besteht vor allem in den Regionen, in denen die Atomkraft anteilig nur eine geringe Rolle spielen wird. Und gerade dort sind die Infrastruktur und vor allem die staatliche Sicherheits-Aufsicht ein großes Problem.
Die Internationale Energie-Agentur hält 1400 neue AKW bis 2050 für nötig. Realistisch?
Nein. Erstens fehlt die industrielle Basis. Um 1400 AKW zu erreichen, müssten jährlich fast 40 Anlagen ans Netz gehen. Der einzige Hersteller von Reaktordruckbehältern in den OECD-Industrieländern, Japanese Steel Works, hat aber nur eine Jahreskapazität von fünf Anlagen. Und so einfach ist die Produktion solch hoch spezialisierter Bauteile nicht kräftig auszuweiten - im Unterschied übrigens zur Windkraft. Zweitens führt eine solches Szenario wegen des dann knapp und teuer werdenden Urans zum Druck, auf hochgefährliches Plutonium überzugehen.
Siemens will mit dem russischen Atomkonzern zusammenarbeiten. Was steckt dahinter?
Grund ist wohl vor allem die Dominanz des bisherigen französischen Partners Areva. Siemens hat wenig Einfluss auf die Geschäftspolitik, soll aber für die Milliardenverluste bei den Neubauprojekten wie in Finnland mit gerade stehen.
Wie wäre die Marktchance eines russisch-deutschen AKW-Typs?
Ich halte es für unwahrscheinlich, dass dabei ein Produkt mit neuer Qualität und für russische Technik neuen Märkten entsteht.
Hierzulande ist AKW-Neubau aktuell kein Thema. Machen nicht aber längere Laufzeiten für vorhandene Meiler Sinn, auch angesichts der Wirtschaftskrise?
Das bringt nur Zusatzprofite für die Betreiber, ein bis zwei Millionen Euro pro Tag. Alle anderen Versprechungen bleiben Augenwischerei. Ich halte es mit dem Imperativ: Setze nur auf die Energiequellen, von denen du wollen kannst, dass sie die gesamte Weltbevölkerung nutzt. Da ist bei Kernkraft die Antwort ein klares Nein.
Interview: Joachim Wille
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