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11. Juni 2012

Kinderarbeit in Indien: "Große Nachfrage nach Kinderarbeit"

Staub im Gesicht: Diese Kinder arbeiten täglich mehrere Stunden im Steinbruch. Für die Schule bleibt keine Zeit.  Foto: Schwab

Venkat Reddy, der Geschäftsführer der indischen Kinderrechtsorganisation M.V Foundation, über das Vorgehen seiner Stiftung gegen Kinderarbeit und die Erwartungen an europäische Konsumenten.

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Herr Reddy, wie viele Kinderarbeiter gibt es in Indien?

Das hängt von der Definition ab. Die indische Regierung sieht nur „gefährliche Kinderarbeit“, etwa in Steinbrüchen. Was gefährlich ist, definiert die Regierung, die Kinder werden nicht gefragt. Arbeit in der Landwirtschaft etwa fällt nicht unter die Definition. Die offiziellen Schätzungen gehen von zehn bis 15 Millionen Kinderarbeitern in Indien aus.

Wie definieren Sie Kinderarbeit?

Für unsere MV Foundation ist ein Kind, das  - aus welchen Gründen auch immer - nicht zur Schule geht, ein Kinderarbeiter. Und das sind in Indien mindestens 50 Millionen Mädchen und Jungen.

Warum sind selbst die offiziellen Zahlen noch so gewaltig?

Weil die Umsetzung des Gesetzes gegen Kinderarbeit nicht gelingt. Das Arbeitsministerium ist als Behörde zu schwach, um das Problem zu lösen. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere sind Tradition und Armut, die als Argumente  immer wieder angeführt werden, um Kinderarbeit zu rechtfertigen.

Aber sind nicht viele Familien auf die Mitarbeit der Kinder angewiesen?

Unsere Studien zeigen, dass es eine große Nachfrage nach Kinderarbeit gibt. Mädchen und Jungen arbeiten zum Beispiel 28 Tage im Monat, die Mutter 20, der Vater aber nur elf Tage. Das heißt: Die am besten Bezahlten arbeiten am wenigsten, die am schlechtesten Entlohnten schuften am meisten. Die Märkte sind ganz scharf auf diese billigen Kinderarbeiter.

Welche Auswirkung hat es, wenn die MV-Foundation die Mädchen und Jungen in die Brückenschulen bringt und dem Markt damit Kinderarbeiter entzieht?

Wenn ein paar Kinder mehr in die Schule gehen, gar keine. Wenn alle in die Schule gehen, ist ein Mangel an Arbeitskräften die Folge und eine steigende Nachfrage nach Arbeit, für die Erwachsenen-Löhne bezahlt werden. Um es ganz klar zu sagen: Armut ist nicht die Ursache von Kinderarbeit, es ist umgekehrt: Kinderarbeit verursacht Armut.

Wie geht Ihre Stiftung vor?

Unser Ziel ist es, kinderarbeitsfreie Zonen zu schaffen. In diesen Prozess beziehen wir möglichst viele Menschen in den Dorfgemeinschaften ein -  Eltern, lokale Arbeitgeber, die Dorfverwaltung, freiwillige junge Helfer, die im Unterschied zu ihren Eltern eine Schule besucht haben. Das ist eine große Herausforderung. Denn es gilt, die soziale Norm zu ändern, dass Kinderarbeit überhaupt nicht verwerflich ist.

Erreichen Sie damit alle Kinder eines Dorfes?

Wir beziehen alle ein. Wir stellen zunächst fest, wie viele Kinder in einem Dorf leben, schauen dann bei jedem Kind, ob es zur Schule geht oder arbeitet. Unser Slogan lautet nicht „Bringt die Kinder in die Schule“, sondern  „Stoppt die Ausbeutung der Kinder“. Es ist entscheidend, den Bewusstseinswandel hinzukriegen, dass Eltern statt des kurzfristigen Nutzens der Kinderarbeit den langfristigen einer schulischen Ausbildung sehen.

Wie agieren Sie den Arbeitgebern gegenüber?

Wir stellen Ihnen eine einfache Frage: Wenn Du Deine eigenen Kinder zur Schule schickst, warum lässt Du dann andere Kinder auf Deinen Feldern arbeiten? Ist das ethisch zu verantworten?

Die MV Foundation ist seit 20 Jahren aktiv. Was hat sich im öffentlichen Bewusstsein seither verändert?

Es hat sich schon viel bewegt. Auch bei Mittelklasse-Familien, die sich noch vor zehn Jahren Kinder vom Land als Haushaltshilfen geholt haben. Früher war das ein Statussymbol, das ist es jetzt nicht mehr. Aber es bleibt noch viel zu tun.

Was erwarten Sie von den europäischen Konsumenten?

Sie können sich einmischen, die richtigen Fragen stellen und auf ihre Regierungen Druck ausüben, im Dialog mit der indischen Regierung über Kinderarbeit zu sprechen. Sie sollten von ihren Regierungen fordern, dass sie Bildungsprogramme in Indien unterstützen und auch Rechenschaft über die Wirkung der eingesetzten Gelder verlangen.

Und beim Einkauf?

Es hilft, sich beim Einkauf an bestimmten Labels wie „Good weave“ zu orientieren. Das ist ein starkes Signal an die Produzenten, dass die Verbraucher die Einhaltung von sozialen und ökologischen Standards in der gesamten Lieferkette erwarten.

Was halten Sie vom Ansatz der Stiftung „Fair childhood“, das Thema in die Schulen zu tragen?

Es gefällt mir, Schüler und Lehrer damit zu konfrontieren. Es ist gut, dass es nicht nur um Charity geht, sondern auch darum, sich mit dem Problem auseinander zusetzen. Kinderarbeit ist eine globale Herausforderung. Und sie trifft auch die Lehrer: Jedes Kind, das der Schule fernbleibt, bedeutet im Grund eine Verletzung des Rechts von Pädagogen zu lehren.   

Das Interview führte Tobias Schwab

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