Der Kita-Streik hat aus Miriam Bunjes selbst eine professionelle Erzieherin gemacht. Mehrmals in den vergangenen zwei Monaten hat die 29-jährige Dortmunderin die Kinder von befreundeten Familien beaufsichtigt. Arbeiten konnte die Selbstständige nicht. "Die Kitas streiken für ein höheres Gehalt, aber ich verdiene weniger", sagt die Mutter von einem vierjährigen und einem ein Jahr alten Kind.
Ihr Mann ist Wissenschaftler und fängt nun häufig erst um 22 Uhr an, Texte von seinen Studierenden zu korrigieren und an seiner Doktorarbeit zu schreiben. "Die Forderungen der Erzieherinnen sind absolut berechtigt", sagt Bunjes. "Aber wir sind auch am Ende unserer Kräfte."
Nach wochenlang geschlossenen Kitas verlieren die Eltern langsam die Geduld. Auch wenn die meisten von ihnen laut Umfragen die Ziele des Streiks teilen, müssen die Eltern seit Monaten ihren Nachwuchs selbst beaufsichtigen. Oft wissen sie erst am Abend vorher, ob sie ihr Kind am nächsten Morgen in der Einrichtung abgeben können.
"Es ist ein absolutes Desaster", sagt Claudia Jansen. Die Politikwissenschaftlerin hat in Köln den Elternstreik ins Leben gerufen. Jeden Tag ziehen ein paar Dutzend Mütter und Väter vor die Kölner DGB-Zentrale, um für ein Ende des Arbeitskampfes zu demonstrieren. Jansens zweijähriger Sohn bleibt nun bei ihr, die Arbeit bleibt liegen. "Viele Eltern arbeiten Samstag und Sonntag abwechselnd oder haben schon jetzt ihren Jahresurlaub verbraucht", klagt Jansen.
Sie appelliert an die Gewerkschaften und die kommunalen Arbeitgeberverbände, den Streik schnell zu beenden. "Die Forderungen der Erzieherinnen sind berechtigt, aber das ewige Geschachere geht zu Lasten unserer Kinder", sagt Jansen. Ihr Sohn verstünde überhaupt nicht, warum er nicht mehr in den Kindergarten gehen dürfe. "Er glaubt, er habe etwas falsch gemacht." Die Gewerkschaft hat nun angekündigt, die Eltern zukünftig möglichst früh über Streiktage zu benachrichtigen.
Wohin mit dem Ersparten?
Völlig unklar bleibt hingegen, wie die einzelnen Städte mit ihren eingesparten Gehältern umgehen. Während der Arbeitsniederlegungen hat Verdi die Löhne fortgezahlt. Die Stadt Köln zum Beispiel spart 330.000 Euro pro Tag und hat angekündigt, diese Summe in Kinder-und Jugendprojekte zu stecken. Viele Eltern fordern aber auch ihre Kita-Beiträge zurück. Bis jetzt haben die Städte noch keine einheitliche Linie beschlossen. Auch das Betreuungsangebot in den Sommerferien ist unsicher.
Erstmals werden die Bunjes' ihren vierjährigen Sohn nun in der bald beginnenden Urlaubszeit in die Ferienkita schicken - falls diese geöffnet hat. "Normalerweise haben wir das vermieden, aber wir müssen dann unsere Arbeit nachholen", so Bunjes. Einen Effekt hat die unfreiwillige Erzieherinnenrolle aber für viele Eltern gehabt: "Ich weiß jetzt erst recht, was Erzieher leisten."
Der Arbeitskampf der Kita-Erzieher hat zumindest einen Gewinner, wenn auch zu erheblichen Kosten: Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erlebt dadurch einen erheblichen Zulauf an neuen Mitgliedern aus diesem pädagogischen Service-Zweig. Ein Sprecher von Verdi will den Zuwachs an Mitgliedern nicht beziffern, spricht aber von "einer zusätzlichen Zahl an Beitritten". Dies sei keine ungewöhnliche Entwicklung bei Arbeitskämpfen. Anfang des Jahres hatte Verdi 2,18 Millionen Mitglieder, etwa 20 000 weniger als vor einem Jahr.
Über die Kosten des Arbeitskampfes für die Kassen der Gewerkschaft schweigt sich Verdi ebenfalls aus. "Wir werden diese Finanzhilfe den Kommunen in der nächsten Tarifrunde in Rechnung stellen, meint ein Verdi-Mann.
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