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Klonfleisch: Auf dem Weg in die Artenarmut

Die Europäische Union bereitet den Weg für Klonfleisch. Damit will sie die Vermarktung regulieren. Kommt jetzt bald das geklonte Rind auf den Mittagstisch? Von Stephan Börnecke

Noch dauert es, bis die zweifelhafte Ware Klonfleisch in die Theken kommt.
Noch dauert es, bis die zweifelhafte Ware "Klonfleisch" in die Theken kommt.
Foto: ddp

Blondie ist neun Jahre alt, hat zwei gesunde Kälber geboren und lebt auf dem Gut Mariensee in der Nähe von Hannover. Blondie ist keine gewöhnliche Kuh: Zur Rasse des schwarzbunten Niederungsrindes gehörend ist Blondie das älteste geklonte Rind des staatlichen Instituts für Nutztiergenetik. Blondie steht damit als Prototyp für eine Entwicklung, die vor allem in den USA vorangetrieben wird: Es gilt als sicher, dass die EU-Agrarminister dem Klonfleisch den Weg bereiten werden, und zwar auf Druck der USA. Anders als geplant aber, schalten sie der Entscheidung nun eine parlamentarische Debatte vor.

Die Entwicklung hat selbst den Bauernverband überrascht. Dort wundert sich Sprecher Michael Lohse, dass die EU die Vermarktung eines neuen Produkts vorbereitet, lange bevor hierzulande die aus seiner Sicht unabdingbare ethische Diskussion in der Gesellschaft geführt wurde. "Die ethische Frage muss am Anfang einer solchen Entscheidung stehen", verlangt Lohse, dessen Organisation sich von der Entwicklung überrollt sieht. Mindestens eine Kennzeichnung der auf solche Art entstandenen Produkte wie Fleisch und Milch verlangt Lohse.

Gesetzeslücke Klonfleisch

Rein theoretisch könnten bereits heute Fleisch oder auch Milchprodukte von Nachfahren geklonter Tiere in den Regalen der Supermärkte liegen. Denn ein explizites Verbot gibt es in der Europäischen Union nur für das Fleisch von geklonten Tieren - für deren Nachkommen fehlen bislang Regeln. Die Gesetzeslücke ist deshalb nur ein theoretisches Problem, weil Experten zufolge Produkte von Klonnachfahren viel zu teuer angeboten werden müssten.

Ergo: Es gibt noch keinen Markt, und Verbraucher müssen über kurz oder lang nicht befürchten, ungewollt etwa an Fleisch von Jungen des Klonschafs Dolly zu gelangen. Die EU-Agrarminister haben gestern über die EU-Verordnung für neuartige Lebensmittel entschieden. Darunter fallen etwa Produkte aus Plankton oder Elektrolyt-Getränke. Der Verordnung zufolge sollen alle neuartigen Lebensmittel verboten bleiben, die nicht ausdrücklich erlaubt werden. Das Gesetz sollte ursprünglich auch die Vermarktung von Produkten regeln, die von Klonnachfahren stammen. 24 EU-Mitgliedstaaten bestanden jedoch darauf, dass sämtliche Produkte, die mit geklonten Tieren in Verbindung gebracht werden, gesondert geregelt werden müssten. "Das Klonen von Nutztieren ist ethisch nicht vertretbar", sagte die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn zur FR. "Nur fünf Prozent aller Klonversuche sind erfolgreich.

Die meisten so geborenen Tiere sind krank und erleiden Schmerzen." Höhn spricht von "Tierquälerei" und dem Versuch der Agrarminister, "die Tür für Klonfleisch zu öffnen. Geprüft werden sollen nur Gesundheitsaspekte für den Menschen, der Tierschutz und die Ethik bleiben dabei auf der Strecke." wal/mbe

Immerhin ist der Begriff des Klonens ("identische Kopie eines bereits vorhandenen Lebewesens") in der Bevölkerung bekannt. Jeder achte antworte auf eine Eurobarometer-Studie im vergangenen Herbst, dass er wisse, worum es geht. 58 Prozent der Befragten lehnten das Klonen zur Lebensmittelherstellung allerdings kategorisch ab, 84 Prozent glaubten überdies, dass es keine ausreichenden Erfahrungen über die langfristigen Folgen für Gesundheit und Sicherheit gebe.

In diesem Punkt beruhigen die Experten: Nicht nur die Europäische Lebensmittelbehörde Efsa und die US-Zulassungsbehörde FDA glauben, dass es keine Risiken beim Verzehr von Fleisch und Milch geklonter Tiere gebe. Auch Organisationen wie Foodwatch und Greenpeace haben in diesem Punkt keine Bedenken. Ihnen wie dem Bauernverband geht es um etwas anderes, wenn sie auf Distanz zum Klontier gehen: "Das ist ein weiterer Schritt zu einer artenärmeren, industrialisierten Landwirtschaft", sagt Greenpeace-Agrarexperte Martin Hofstetter. Ähnlich Michael Lohse vom Bauernverband: "Das ist ein klarer Schritt zur Vereinheitlichung", weg von raren Rassen wie Hinterwälder Rind oder Jochberger Hummel, hin zu normierten, fehlerlosen, leistungsstarken Tieren. Lohse warnt zugleich vor einer Konzentration auf wenige Firmen, die mit der Technik umgehen können, womit Landwirte immer stärker in neue Anhängigkeiten geraten würden.Die Gefahr, wie Lohse sie für den Verbraucher sieht: Am Ende würden die Amerikaner mit freilaufenden Rinderherden der Prärie werben und tatsächlich Klonfleisch verkaufen.

Doch wann kommt das Klonfleisch in die Regale auch der deutschen Supermärkte? Noch ist es nicht so weit, zumal einige Hürden einer bedeutenden Verbreitung der Klonprodukte im Wege stehen. Erstens: Klonen ist teuer. Andrea Lucas-Hahn, Klonexpertin am Institut für Nutztiergenetik, schätzt die Kosten auf einen "fünfstelligen" Betrag pro Tier, und aus den USA werden Kosten von fast 10 000 Euro genannt. Das lohnt sich nur in ganz besonderen Fällen. Zweitens: Derzeit gibt es in den USA Schätzungen zufolge weniger als 2000 Klonrinder, deren Nachkommen vermarktbar wären, von einer Schwemme könne deshalb keine Rede sein, heißt es.

Auch die Zahl der Institute, die zum komplizierten Vorgang des Klonens in der Lage sind, ist klein: In Deutschland verstehen es gerade drei Labore, die Zellen zu entnehmen, sie invitro zu befruchten und von einer Leihmutter austragen zu lassen. Aus Kapazitätsgründen musste auch das Institut das Anliegen eines Bauern ablehnen, dessen Tiere wegen TBC-Befalls gekeult wurden. Er wollte das genetische Material seiner besten Tiere auf diese Weise sichern.

Eine Garantie hätte der Landwirt ohnehin kaum bekommen: Denn laut Lucas-Hahn entstehen aus 100 geklonten Embryonen nur etwa 10 bis 15 Kälber, der Natur ein Schnippchen zu schlagen, scheint so einfach nicht. Auch eines der am häufigsten gegen das Klonen benutzte Argument, wonach einige der Tiere unnatürlich groß auf die Welt kommen ( "large offspring syndrom"), ist noch nicht komplett überwunden, bestätigt die Forscherin: Hätten die Tiere die ersten drei Wochen überlebt, würden sie die Größe innerhalb der ersten Monate allerdings kompensieren.

Autor:  STEPHAN BÖRNECKE
Datum:  23 | 6 | 2009
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