Mit der wahrscheinlichen Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke stehen etliche neu geplante Kohlekraftwerke vor einer ungewissen Zukunft. Stadtwerken, die sich an mindestens acht solcher Meiler beteiligen wollen, drohen milliardenschwere Investitionsruinen. Denn wenn die Atomkraft auch mittel- bis langfristig ein Viertel des deutschen Strombedarfs deckt, werden neue Kohlekraftwerke wegen des auch von der neuen Bundesregierung gewünschten Ausbaus der erneuerbaren Energien weitgehend überflüssig. Die bisherige Annahme eines Ersatzes sowohl der AKW als auch alter Kohlekraftwerke ließ dagegen Neuinvestitionen attraktiv erscheinen.
Als erster Energiekonzern hat die dänische Dong reagiert und ihre Pläne für ein Steinkohlekraftwerk in Emden aufgegeben.
27 Kohlekraftwerke mit einer Leistung von 27.500 Megawatt sind laut Greenpeace in Deutschland in der Planung, darunter zwei Braun- und 25 Stein-kohlekraftwerke. Insgesamt würden sie jährlich mehr als 165.000 Tonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre pusten.
Stadtwerke erzeugen bislang zehn Prozent des heimischen Stroms, sie versorgen aber rund 60 Prozent der deutschen Haushalte. Die kommunalen Unternehmen wollen ihren Anteil an der Stromerzeugung bis zum Jahr 2020 verdoppeln. (ori)
Im niedersächsischen Rotenburg an der Wümme gibt es dagegen Streit. Die Stadtwerke wollen sich für sieben Millionen Euro an einem neuen Kohlekraftwerk in Brunsbüttel einkaufen, das die Stadtwerke-Kooperation Südweststrom ab 2010 für 2,5 bis drei Milliarden Euro realisieren will. Dagegen wehrt sich Rotenburgs Grünen-Chef Manfred Radtke - und steht deshalb vor Gericht. Er verletze als Aufsichtsratsmitglied Geschäftsgeheimnisse, meinen die Stadtwerke. "Es gab keine Diskussion, ob eine Kohlekraftwerk für die Kommune sinnvoll wäre, auch keine Wirtschaftlichkeitsberechnung", wehrt sich Radtke, der "statt Kohle lieber die Energiepotentiale vor Ort erschließen" will. 250000 Euro sollen ihm aufgebrummt werden, wenn er seine Kritik weiter öffentlich vertritt.
Einige Kommunen wollen eine eigene Stromerzeugung aufbauen, auch mit Kohlekraftwerken. Die Stadtwerke im hessischen Bad Vilbel prüfen eine solche Beteiligung an einem Meiler in Lubmin an der Grenze zu Polen. "Der Großteil der heimischen Stromerzeugungskapazitäten liegt in den Händen von nur vier großen Stromkonzernen. Eine größere Unabhängigkeit können Stadtwerke nur mit eigenen Kraftwerken erreichen", sagt Geschäftsführer Ralph Franke. Kohle spiele dabei neben erneuerbaren Energien eine entscheidende Rolle. "Wir brauchen einen Energieträger, der immer verfügbar ist, auch wenn der Wind nicht weht", erklärt Franke, der auch bei Windparks auf hoher See einsteigen will. Kohlekraftwerke sollten als eine Art Reserve dienen.
Nach Ansicht der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wären neue Kohlekraftwerke aber nur dann ökonomisch zu betreiben, wenn sie permanent und nicht nur zu bestimmten Zeiten liefen. "Andere Rechnungen sind angesichts der hohen Investitionskosten abenteuerlich", sagt DUH-Sprecher Gerd Rosenkranz. Selbst bei hoher Verfügbarkeit müssten solche Kraftwerke mehrere Jahrzehnte laufen, damit sie sich rentierten.
Das wird wegen der billigen Atomstromkonkurrenz noch unwahrscheinlicher. Mit eigenen Anteilen an Kohlekraftwerken wären die Stadtwerke gezwungen, entweder den teureren Kohlestrom zu verkaufen oder die Meiler unter Verlusten herunterzufahren und günstigeren Atomstrom an der Börse zu kaufen.
"Stadtwerke sollten lieber auf regenerative Energien setzen, um ihre Eigenerzeugung zu stärken", fordert Rosenkranz, der zugleich klarstellt, dass die kommunalen Unternehmen als "neue Akteure im Erzeugungsmarkt" gebraucht werden, um den Wettbewerb zu beleben.
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