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13. Januar 2012

Kommentar: Mikrokredite - verteufelt sie nicht

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Vor allem Frauen nehmen Mikrokredite in Anspruch, es geht um meist um drei-bis vierstellige Summen.  Foto: dpa

Mikrokredite wurden durch Muhammad Yunus als Weg aus der Armut gefeiert, dann als neoliberal gebrandmarkt und verdammt. Jetzt ist es Zeit, das Thema ohne ideologische Brille zu betrachten.

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Anfangs waren sie alle euphorisch, die Weltverbesserer, die Banker, die indischen Bauern.

Mikrokredite könnten die Armut eindämmen, jubelten die Weltverbesserer und die indischen Bauern, und den Bankern dämmerte, dass sie mit dem Geld der anderen eine Menge Geld mitverdienen könnten. Mitten in der Jubelstimmung bekam im Jahr 2006 der Mann den Friedensnobelpreis, der die Idee populär gemacht hatte: Muhammad Yunus, Wirtschaftswissenschaftler und einst Geschäftsführer der Grameen Bank.

Inzwischen ist Yunus als Leiter der Bank verdrängt, und mit ihm der Enthusiasmus. Mikrokredite verstärken die Armut nur, warnen Autoren wie Gerhard Klas jetzt, Autor von Die Mikrofinanz-Industrie: Die große Illusion. Sein etwas klassenkämpferisches Fazit: "Eine Befreiung aus der Armut wird es aber nur dann geben, wenn die Armen selbst die handelnden Subjekte sind und den Profiteuren die Verfügungsgewalt über ihr Leben entreißen."

Verbessern Mikrokredite die Leben von Menschen?

Mit den Krediten ist es wie mit den Elektroautos; erst wurden die Fahrzeuge vom Mainstream gelobt, dann kritisiert, weil deren Batterien angeblich zu groß und zu teuer sind. Doch vergessen wir nicht: Inzwischen gehen die ersten Modelle trotz aller Unkenrufe in Serie.

Drei Gründe sprechen dafür, dass Mikrokredite eine Zukunft haben.

1.In der Entwicklungspolitik gibt es oft keine sinnvolle Alternative.

Die Entwicklungshilfe hat zwei Möglichkeiten: Sie kann Geld verleihen, oder sie verschenkt das Geld.

Wenn sie das Geld verschenkt, an Staaten oder an Einzelne, dann schafft das eine paternalistische Beziehung: Hier die Spender, dort die Hilfeempfänger.

„Wir Afrikaner sind keine Kinder“, sagt aber die Ökonomin Dambisa Moyo. Die Oxford-Absolventin vertritt die These, dass Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten Afrika auch wirtschaftlich eher geschadet hat. Sie empfiehlt deshalb die Seite kiva.org, über die jeder Kleinunternehmer mit einem Darlehen unterstützen kann.

Konventionelle Entwicklungshilfe versandet

Einiges spricht dafür, dass Moyo recht hat: Mehr als zwei Billionen Dollar Hilfe sind laut „Faz“ in den letzten 50 Jahren von den reichen in die armen Ländern geflossen, trotzdem verhungern täglich Tausende.

Theoretisch wäre es für die Wirtschaft von Entwicklungsländern am besten, Hilfen in Straßen, Flughäfen und in andere Großprojekte zu investieren. Praktisch versanden solche Hilfen oft, denn aller Erfahrung nach sind Funktionsträger in armen Staaten besonders korrupt. Das gilt auch anders herum: Hilfen, die nicht an Bedingungen geknüpft sind, fördern von Afghanistan bis Zentralafrika die Korruption.

Es macht deshalb Sinn, bei den Einzelnen anzusetzen, bei dem Bauern in Indien, der Bäckerin in Peru oder dem Handyvermieter in Kenia. ´

Diesen Menschen könnte die Weltbank das Geld auch schenken, aber würde ihnen damit die Würde genauso rauben, und sie würde ihnen das trügerische Gefühl vermitteln, dass Geld vom Himmel fällt.

2. Kredit ist nicht gleich Kredit

Muhammad Yunus hatte eine Vision. Jetzt wird er ins Abseits gedrängt.
Muhammad Yunus hatte eine Vision. Jetzt wird er ins Abseits gedrängt.
 Foto: dpa

Als Lösung bleiben mittelfristig nur Mikrokredite, realisiert auch die Weltbank, weshalb sie Mikrokrediten ein Budget von gut 200 Millionen Dollar eingeräumt hat.

Die Grameen Bank

Mit acht Millionen Schuldnerinnen ist die von Muhammad Yunus gegründete Grameen Bank die größte Mikrofinanzorganisation. Im Frühjahr 2011 wurde Yunus „aus Altersgründen“ als Geschäftsführer der Grameen Bank entlassen. Kritiker vermuten einen Machtkampf zwischen ihm und der Ministerpräsidentin von Bangladesch, Sheik Hasina Wajed.

Weltweit sind rund 60 Milliarden Dollar Mikrokredite in Umlauf. Die größten Investoren der Mikrofinanz sind USA und EU.
In Deutschland ist die GLS Bank der größte Kreditgeber.

Wenn, wie jüngst berichtet, Schuldner in Indien sich kollektiv umbringen, weil die Kreditgeber wie Drückerkolonnen agieren, dann läuft etwas Grundlegendes falsch; es hängt vermutlich auch mit dem Erfolg der Branche zusammen, gerade in Indien.

Etwa 60 Milliarden Mikrokredite sind inzwischen weltweit im Umlauf, schreibt der Kritiker Klas, und für den Großteil sind nicht gemeinnützige Organisationen verantwortlich, sondern Banken.

Sogar Hedgefonds mischen inzwischen auf dem Markt mit.

Die Weltbank nennt weitere Probleme: So sei die Zinsrate in einigen Ländern extrem hoch, außerdem geben viele Menschen das Geld aus, um sich etwa kurzfristig mehr Essen zu kaufen.

Probleme sind lösbar

Solche Probleme sind lösbar: Dass Schuldner laufende Kosten mit den Krediten decken, lässt sich damit verhindern, dass der Bestimmungszweck des Kredits vertraglich klar an einen Zweck gebunden wird – das kann zum Beispiel der Ausbau eines Geschäfts sein, oder eine neue Besen-Kollektion. Auf diese Weise würde auch der Druck sinken, weil die Chancen steigen, dass die Unternehmer das Geld zurückzahlen.

Schließlich die hohen Zinsen. Ob es sich lohnt, müssen Kreditgeber und -nehmer im Einzelfall entscheiden, analog zu dem Fall, dass sich in Deutschland etwa jemand für ein Haus Geld leiht.

Auch hier würde keiner pauschal einen Kredit verdammen, aber vielleicht im Einzelfall sagen: In dem Fall lohnt es sich nicht wirklich, so hohe Zinsen zu zahlen, es wäre billiger, weiter eine Wohnung zu mieten.
Sicher sind die Zinsen für Mikrokredite deutlich höher als bei regulären Krediten, im Schnitt liegen sie bei 38 Prozent. Das scheint wie Wucher, lässt sich aber daraus erklären, dass der Verwaltungsaufwand in dem Fall viel höher ist.

3.Kein Allheilmittel, aber manchmal eine gute Arznei

Wie bei den Elektroautos muss jetzt eine Phase einsetzen, in der Mikrokredite ohne ideologische Brille betrachtet werden.
Dafür muss man auch mit „Folklore“ aufräumen, wie der Frankfurter Finanzprofessor Reinhard H. Schmidt das nennt. „Mit Mikrokrediten [werden] gar nicht die Ärmsten der Armen erreicht, sondern eher die untere Mittelschicht“, sagte der Professor der Wirtschaftszeitung „Brand Eins“.

„Es ist nicht der Angestellte in der Bäckerei, der sich mit einem Kredit selbstständig macht, vielmehr kann die Bäckersfrau nun mit einem Kleinkredit ihr Geschäft ausweiten."

Vielleicht muss die Bäckerin erst lernen, mit dieser neuen Freiheit umzugehen. Es ist trotzdem gut, dass sie die Freiheit hat.

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