Seit Wochen streiten Bürger, Juristen und Politiker darüber, ob Beschäftigte entlassen werden dürfen, weil sie einen Pfandbond eingelöst oder ein paar Maultaschen mitgenommen haben. Dass die Debatte gerade jetzt so heftig und ausgiebig geführt wird, ist kein Zufall. Viele Menschen haben das Gefühl, dass es ungerecht zugeht in diesem Lande. Politiker haben das gemerkt. Es könne nicht angehen, dass Beschäftigte auf Verdacht wegen Centbeträgen ihren Job verlieren, während Manager, die Milliarden verbaselt haben, mit Millionenabfindungen verabschiedet werden, schimpft etwa der Vize der Links-Partei, Klaus Ernst. Deswegen gehörten Bagatell-Kündigungen abgeschafft. Doch ist das wirklich die Lösung?
Zunächst einmal hat das Ungerechtigkeits-Gefühl vieler Menschen einen handfesten Grund: Die Einkommensschere ist in Deutschland in den vergangenen Jahren so kräftig wie in kaum einem anderen Industrieland auseinandergegangen. Die einen haben kaum eine Chance, aus dem Niedriglohnsektor rauszukommen, obwohl sie leistungsbereit und -fähig sind. Andere verdienen satt trotz zweifelhafter Leistung. Gegen diese Lohnkluft hilft kein Schrauben an irgendwelchen Kündigungsvorschriften. Dieser Missstand ist mit einem Maßnahmenbündel zu bekämpfen, zu dem Mindestlöhne und höhere Steuern für Spitzenverdiener gehören.
Es ist auch verständlich, wenn Bürger sauer sind, weil die mächtigen Manager sich alles Mögliche erlauben können, während kleine Angestellte wegen eines Mini-Diebstahls gefeuert werden. Aber welche Lehre ziehen wir daraus? Die Konsequenz kann doch nicht sein, dass wir jetzt für alle kleine Diebe werden dürfen. Die Schlussfolgerung muss vielmehr lauten: Wenn Manager für Fehler nicht ausreichend belangt werden können, dann müssen wir dagegen etwas tun. Im Übrigen weisen Juristen zu Recht darauf hin, dass es schwierig bis unmöglich ist, eine vernünftige Grenze für Bagatelldiebstähle zu ziehen. Die Gerichte müssen sich jeden Einzelfall genau anschauen.
Für eine faire Arbeitswelt aber müssen alle zusammen sorgen: Bürger, Gewerkschafter, Unternehmer und Politiker. Seite 18
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