Der Schmu mit der ESL-Milch, die nicht länger frisch, sondern eben nur länger haltbar ist, geht in seine nächste Runde. Verbraucherschützer haben nachgeguckt und entdeckt, dass die Selbstverpflichtung der Molkereien, die Tüten ordentlich mit den unterschiedlichen Herstellungsweisen zu kennzeichnen, sehr locker gesehen wird.
Nur jede dritte Tüte trägt den korrekten Aufdruck. Der Hinweis der Industrie, es handle sich dabei noch um Altverpackungen, die müssten aus ökologischen Gründen aufgebraucht werden, ist zwar nachvollziehbar. Ob er sticht, ist eine ganz andere Frage. Schließlich stammt die Abmachung aus dem Februar, ist also fünf Monate alt. Das rechtfertigt Ausreißer, nicht aber die hohe Zahl der Schummeltüten.
Die Milchindustrie tut sich schwer, einen verbraucherfreundlichen Kurs einzuschlagen. Schon der Satz "länger haltbar" ist nichts anderes als ein fauler Kompromiss. Molkereien und Handel wehrten sich in den Gesprächen mit Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) gegen einen wahrheitsgemäßen Aufdruck, und die stimmte willfährig zu.
ESL-Milch passt ins Bild einer intensiven Phase schleichender Produktveränderung: Immer mehr künstlich veränderte Zutaten und Rohstoffe ersetzen naturbelassene, frische Produkte. Massen-Lebensmittel werden kosteneffizienten Produktions- und Handelsstrukturen angepasst. Herauskommen dann eben, und das zeigt die aktuelle Debatte um Analog-Käse, Mogel-Schinken und Kunst-Fisch, degenerierte Plastik-Happen.
Mit Abstrichen ist das bei der ESL-Milch auch so: Der optimalen Lagerbarkeit untergeordnet wird die Authentizität des Produkts. Dieses H-Milch-ähnliche, altbacken schmeckende Produkt ist nun mal mit frischer Milch nicht vergleichbar.
Dass der Handel mehr und mehr aus Kostengründen auf Frischmilch verzichtet und dem Kunden ESL unterjubelt, kann sich rächen: Es darf herzhaft bezweifelt werden, dass diese Strategie helfen wird, den Absatz zu steigern - worauf Bauern in diesen mauen Milchpreiszeiten so dringend warten. Milch, die nicht richtig schmeckt, läuft nicht. Dann greift der Kunde zu anderen Getränken. Das ist sicher.
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