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Konjunktur: Was wirklich zählt

Bildung und offene Grenzen können Wachstum treiben. Ein Gastbeitrag von Stefan Bergheim.

Stefan Bergheim arbeitet als Makro-Ökonom für Deutsche Bank Research.
Stefan Bergheim arbeitet als Makro-Ökonom für Deutsche Bank Research.
Foto: privat

Fällt die Ausfuhr in Deutschland 2008 als Wachstumsmotor weg? Kommt auch in den USA der Wachstumstreiber Konsum unter die Räder? Und endet die Wachstumsgeschichte Spaniens, da der Immobiliensektor dort in die Rezession rutscht? All diese Fragen haben eins gemeinsam: Sie vermischen Konjunktur und Wachstum, wodurch sie die Debatte über die eigentlich relevanten Themen erschweren. Hier geht es nicht um Wortklauberei, sondern darum, die passenden Politikmaßnahmen zu identifizieren.

Was im Moment einbricht, ist die Konjunktur, also die zyklische Entwicklung der Volkswirtschaften. Hier spielen Rohstoffpreise, Wechselkurse und Zinsen die entscheidende Rolle. Diese beeinflussen Ausfuhr, Konsum und Investitionen. Der momentane Abschwung findet in fast allen Ländern rund um den Globus statt, ob mit vorangegangenen Immobilienboom, ob mit Leistungsbilanzdefizit oder mit Überschuss, ob mit Haushaltsdefizit oder ohne. Konsum, Investitionen und Nettoausfuhr machen die Nachfrageseite des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus und können nicht schneller steigen als das BIP selbst.

Der Abschwung ist jedoch in den verschiedenen Ländern unterschiedlich stark. Sein Ausmaß kann über das Niveau der Wachstumsrate des BIP gemessen werden oder deren Veränderung im Vergleich zu den Boomjahren. Wie auch immer, für beide Einschätzungen braucht man eine Idee davon, wie hoch die Trendrate des Wachstums in den verschiedenen Ländern ist.

Nur so lässt sich abschätzen, ob eine Volkswirtschaft "über ihre Verhältnisse" gewachsen ist und wie groß die Korrektur somit ausfallen muss. Damit sind wir bei den relevanten Themen für die lange Frist jenseits von Rohstoffschock, Euroaufwertung und Finanzmarktkrise. Ein Land wie Spanien mag in der Lage sein, langfristig um drei Prozent pro Jahr zu wachsen, ein anderes wie Deutschland nur um eineinhalb. Wie kommen diese Unterschiede zustande und was kann man tun, um den langfristigen Wachstumstrend zu verbessern?

Da ist zunächst der Arbeitseinsatz. Wenn die Bevölkerung eines Landes wächst und diese Menschen zudem mehr arbeiten, dann ist leicht ein kräftiger Anstieg des BIP möglich. Der Kontrast zwischen der abnehmenden Bevölkerung in Deutschland und der Zunahme um rund 1,5 Prozent pro Jahr in Spanien könnte kaum größer sein. Die Frage für die Zukunft ist, ob dies so bleibt, oder ob sich an der Zuwanderungspolitik der beiden Länder etwas ändert.

Der zweite wichtige Wachstumstreiber ist die Ausbildung der Menschen eines Landes. Wenn das Bildungsniveau steigt, dann kann mit dem gleichen Arbeitseinsatz mehr hergestellt werden. Auch hier ist der Kontrast zwischen dem stagnierenden Bildungsniveau in Deutschland und der rapiden Verbesserung in Spanien, wo heute knapp 40 Prozent eines Jahrgangs ein Hochschulstudium abschließen im Vergleich zu 20 Prozent in Deutschland. Kurzfristig wird sich daran kaum etwas ändern, da Bildungsinvestitionen einen sehr langen Vorlauf haben.

Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Möglichkeiten, langfristig mit dem gleichen Arbeitseinsatz mehr zu produzieren - also eine höhere Produktivität zu erreichen. Dazu gehören vor allem Forschung und Entwicklung sowie die Offenheit gegenüber dem Ausland, um neue Ideen und Methoden anzuwenden.

Ob der Sachkapitalstock als eigener Wachstumstreiber gelten kann, ist umstritten. Langfristig wächst der Kapitalstock in allen Ländern (außer Japan) ebenso schnell wie das BIP. Investitionsprogramme verpuffen, wenn die wirklichen Wachstumstreiber nicht mitziehen. Was kann die Politik tun? Konjunkturprogramme wie die US-Steuerschecks mögen kurzfristig - eben konjunkturell - helfen, ändern aber nichts an langfristigen Trends. Stattdessen sollte man über Wachstumsprogramme nachdenken, die auf Zuwanderung von qualifizierten Menschen, Bildungsinvestitionen und stärkere internationale Vernetzung setzen.

Autor:  STEFAN BERGHEIM
Datum:  14 | 8 | 2008
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