Einer Schuld war er sich bis zuletzt nicht bewusst. Nun muss mit Matthias Mitscherlich ein weiterer deutscher Konzernchef wegen eines Bestechungsskandals gehen. Mit sofortiger Wirkung räumt der 61-jährige Vorstandsvorsitzende des Essener Anlagenbauers Ferrostaal seinen Chefsessel. Das ist das Ergebnis einer mehrstündigen Aufsichtsratssitzung. Ein Nachfolger soll "zeitnah" bestimmt werden, heißt es.
Zugleich zog das Aufsichtsgremium weitere Konsequenzen aus der Affäre. Der von Siemens abgeworbene Andreas Pohlmann wird für das neu geschaffene Amt eines Anti-Korruptionsvorstands verpflichtet. Zugleich wird die ebenfalls schon beim Siemens-Bestechungsskandal aktive US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton mit internen Untersuchungen bei der bis 2009 noch zum MAN-Konzern zählenden Firma Ferrostaal beauftragt. Das soll die im Ferrostaal-Fall ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft vom ernsthaften Aufklärungswillen der Essener überzeugen. Damit erklärt ein Insider das massive Durchgreifen des Aufsichtsrats, dem nun der Sohn des berühmten Psychologenpaars Margarete und Alexander Mitscherlich zum Opfer gefallen ist.
Er war spätestens unhaltbar geworden, seit ihn die Staatsanwaltschaft beschuldigt, von der Korruption im eigenen Haus zumindest gewusst zu haben, heißt es im Umfeld des Aufsichtsrats. Die Staatsanwaltschaft selbst nennt bis heute keine Namen von Beschuldigten. Durchgesickert ist aber, dass sie gegen mehrere amtierende und frühere Ferrostaal-Manager sowie dritte Personen ermittelt, insgesamt weit mehr als ein Dutzend, wissen mit den Vorfällen vertraute Personen. Auch Klaus Lesker hat als Ferrostaal-Vorstand in der Affäre bereits seinen Hut nehmen müssen. Es geht angeblich um fragwürdige Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe, die auf vier Kontinenten den Besitzer gewechselt haben.
Zweimal hat die Staatsanwaltschaft die Essener seit Mitte 2009 bei Razzien gefilzt, umfangreiches Material beschlagnahmt und Verdächtige oder Zeugen verhört. Das Unternehmen hat stets beteuert, mit den Ermittlern zu kooperieren und interne Untersuchungen angestellt, deren Ergebnisse dann der Staatsanwaltschaft zur Verfügung gestellt wurden. Sonderlich überzeugt hat das die Justiz allerdings nicht aus. Denn im März klopften sie erneut in Essen an. Seitdem eskaliert die Affäre.
Druck macht vor allem Ferrostaal-Aufsichtsratschef Georg Thoma, der den Staatsfonds Ipic aus Abu Dhabi als Mehrheitseigner vertritt. Zum einen belastet die Affäre das operative Geschäft. Zum anderen weigert sich Ipic, wegen des Skandals und seinen Folgekosten MAN die restlichen 30 Prozent an Ferrostaal abzukaufen. Eine entsprechende Option hat MAN im Januar gezogen. Für eine außergerichtliche Einigung muss die Korruptionsaffäre geregelt werden.
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