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US-Kreditwürdigkeit: Kräftiger Schub für die Panik

Was bedeutet die Herabstufung für den Dollar? Wie steht es um die Bonität der USA? Die FR gibt Antworten, was die Rating-Entscheidung bewirkt.

Diese Flagge hat nicht mehr viel Kredit.
Diese Flagge hat nicht mehr viel Kredit.
Foto: dpa

Gruselgeschichten wie die vom bösen Wolf sind nichts für kleine Kinder, die einschlafen wollen. Und auch nichts für Anleger. Die Herabstufung der US-Staatsschuld durch die Ratingagentur Standard&Poor’s (S&P) kann man mit einer Gruselgeschichte vergleichen. Sie hat mit der Wirklichkeit wenig gemein, ist vollkommen deplatziert, wird aber dafür sorgen, dass die Besitzenden schlecht schlafen, ihren Anlageberater anrufen und hektisch versuchen werden, ihr Vermögen vor dem bösen Wolf zu retten. Deshalb bedeutet die Herabstufung zunächst vor allem eines: Die Unsicherheit an den Finanzmärkten wird noch einmal extrem verstärkt. Was das im Einzelnen bedeutet, erklärt der folgende Frage-Antwort-Text.

Welche Anlageformen dürften profitieren, welche leiden?

Grundsätzlich gilt folgendes Muster an den Finanzmärkten: Bei steigender Unsicherheit verlieren risikoreiche Anlageformen an Wert und risikoärmere legen zu.

Welche Papiere gelten als risikoreich, welche als risikoarm?

Als risikoreich gelten Aktien und Rohstoffe. Zu den risikoärmeren Anlageformen zählen Anleihen und Geldmarktfonds sowie Bankguthaben. Bei den Anleihen wird unterschieden in sichere Staatsanleihen von Industrieländern und unsichere Anleihen von Schwellenländern oder Firmen. Bei den Währungen wiederum ist der Dollar in Krisen stets gesucht. Als vermeintlich sichere Häfen haben sich zuletzt auch Gold sowie der Schweizer Franken empfohlen – gerade im Lichte der Staatsschuldenkrise.

Was passiert nun an den Börsen?

Schwer zu sagen. Folgen die Anleger indes dem Muster der vergangenen 50 Jahre, dann gewinnen heute US-Staatsanleihen trotz der Herabstufung, dann legen der Dollar und das Gold zu. Auf der Verliererseite stehen Aktien, Öl und riskantere Anleihen.

Was sollten Anleger am besten tun?

Sie sollten sich eine Auszeit von einer Woche gönnen. Kein Fernsehen, kein Internet, Radio und auch keine Zeitung. Die Unsicherheit ist derart hoch, dass das Risiko eine falsche Entscheidung zu treffen höher sein dürfte, als das Risiko bei Nichtstun.

Ist das nicht ein wenig verkehrte Welt, dass gerade US-Staatsanleihen und der Dollar zu den potenziellen Gewinnern zählen dürften?

Wer die Kapitalmärkte kennt, weiß, dass das meiste Geld im Dollar investiert ist – und dass das größte Finanzvermögen in den USA angesiedelt ist. Steigt nun die Unsicherheit, ziehen Anleger ihr Geld aus dem Ausland ab und bringen es nach Hause. Dadurch steigt der Dollar. Und die US-Staatsanleihen dürften steigen, da die Alternativen fehlen.

Warum fehlen Alternativen zu US-Staatsanleihen?

Das hat drei Gründe: Erstens fehlt es an einem Auffangbecken für die Billionen, die in den USA investiert sind. Zweitens können die USA ihre Schulden jederzeit pünktlich bedienen. Drittens gibt es keine höhere Sicherheit als US-Staatsanleihen.

Warum ist die Flucht aus US-Staatsanleihen so schwierig?

Das erklärt sich anhand der Größenverhältnisse. Zurzeit sind etwa 10000 Milliarden Dollar in US-Staatsanleihen investiert. Zum Vergleich: In Schweizer Franken sind es nur 100 Milliarden Dollar, in deutschen Staatsanleihen etwa 2000 Milliarden Dollar. Die Flucht ist also gar nicht möglich. Der Euro wäre nur dann eine Alternative, wenn es gemeinsame Euro-Anleihen gäbe, wenn es die Vereinten Staaten von Europa gäbe. Dann stünden sich zwei gleichgewichtige Währungs- und Wirtschaftsräume gegenüber.

Warum können die USA jederzeit ihre Schulden bedienen?

Weil ihr Privileg darin besteht, dass sie in der eigenen Währung verschuldet sind. Obwohl die USA auf das Ausland angewiesen sind, weil sie mehr konsumieren als produzieren, also über ihre Verhältnisse leben, bekommen sie Kredit im Dollar. Und da die USA die Dollar selber produzieren, können sie theoretisch jede Schuld begleichen, zur Not mit der Notenpresse. Auch wer weniger drastische Mittel präferiert, wird in den USA fündig. So ist dort die Steuer- und Abgabenquote mit 24 Prozent der Wirtschaftsleistung extrem gering. Sie ist die niedrigste aller Industrieländer, deren Quote im Schnitt bei 35 Prozent liegt. Das heißt: Würden die USA ihre Steuer- und Abgabenquote auf den Durchschnittssatz der in Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verbundenen Industriestaaten bringen, wäre ihr Schuldenproblem gelöst.

Warum gibt es keine höhere Sicherheit als US-Staatsanleihen?

Weil die USA die mit Abstand größte Wirtschaftsmacht sind und konsequenterweise die Weltleitwährung stellen. Um dies besser zu verstehen, muss man ein Gedankenexperiment wagen. Was würde passieren, wenn die USA ihre Schulden nicht zurückzahlen? Richtig, die US-Banken wären sofort pleite, genauso wie die Pensionsfonds. Da die europäischen Banken nicht nur US-Anleihen besitzen, sondern auch mit den US-Banken verwoben sind, wären auch sie am Ende. Damit wären die Spareinlagen hierzulande wertlos, genau wie die Zahlungen aus den Lebensversicherungen. Es sei denn, der deutsche Staat würde einspringen und Garantien geben. Doch wird bei den Größenverhältnissen rasch klar: Deutschland kann die Pleite der Weltmacht USA nicht abfedern. Das kann kein einzelnes Land. Deshalb wären in diesem Fall auch Deutschland oder die Schweiz am Ende. Insofern ist das jetzige Szenario von Standard&Poor’s, das die Bonität der Schweiz und Deutschlands höher bewertet als die der USA, widersinnig. Denn die Schweiz und Deutschland sind dafür viel zu schwach. Das verstehen die gewieften Anleger und werden deshalb auch bis zum Schluss US-Anleihen bevorzugen.

Ist die Herabstufung der USA durch Standard & Poor’s also dummes Zeug?

Genau das ist sie. Sie ist eine politisch motivierte Meinungsäußerung, die nur eines erreichen wird: Die Panik an den Finanzmärkten zu fördern.

Autor:  Robert von Heusinger
Datum:  8 | 8 | 2011
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