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31. Juli 2008

Kreditwirtschaft: Graf Krockow packt aus

 Von ROBERT VON HEUSINGER
Banken in Frankfurt - was in den Hochhäusern passiert, ruft Kritiker aus der eigenen Branche auf den Plan.  Foto: Kraus

Der Chef der Privatbank Sal. Oppenheim rechnet mit dem Rendite-Wahn ab: "Man kann nicht mit fremder Leute Geld große Spielkasinos betreiben." Von Robert von Heusinger

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Zur Person

Matthias Graf von Krockow ist Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter von Sal. Oppenheim. Der 59-Jährige repräsentiert die siebte Generation des familiengeführten Instituts. Außerdem ist er Vorstandssprecher der BHF-Bank, die seit 2005 Oppenheim gehört.

Sal. Oppenheim ist bislang glänzend durch die Finanzkrise gekommen. Das abgelaufene Jahr war sogar das beste der 219-jährigen Geschichte des Geldinstituts. Einziger Wermutstropfen ist eine Beteiligung von 4,5 Prozent an der angeschlagenen IKB.

Ein gutes Timing hat Graf Krockow in den vergangenen Jahren bewiesen. Rechtzeitig ist seine Bank aus dem Kredit- und Hypothekengeschäft ausgestiegen. Und auch die BHF-Bank wurde sehr günstig erworben.

In die Kritik geraten ist das Bankhaus, weil es seinen Firmensitz im vergangenen Jahr nach Luxemburg verlegt hat. Krockow rechtfertigt die Entscheidung mit dem Wunsch nach Internationalisierung und dem aus seiner Sicht laschen Umgang der Deutschen mit dem Bankgeheimnis.

Wer hat das gesagt? "Die im Zuge der Globalisierung enorm gestiegenen Renditeansprüche waren ja immer nur mit einer höheren Verschuldung zu erfüllen. Die Gier muss gestoppt werden. Man kann nicht mit fremder Leute Geld große Spielkasinos betreiben. 15 Prozent nachhaltige Eigenkapitalrendite sind mit einem normalen, soliden Geschäft einfach nicht machbar."

Sie tippen auf Joseph Stiglitz, den Globalisierungskritiker und Wirtschaftsnobelpreisträger, auf Michael Sommer vom DGB oder gar Oskar Lafontaine von der Linkspartei? Völlig falsch. Der Mann, der diese wahren Worte sprach, ist zurzeit der erfolgreichste deutsche Bankier: Matthias Graf von Krockow. Seines Zeichens Sprecher der Privatbanken Sal. Oppenheim und BHF Bank. Zusammen bilden die schnieken Institute die größte unabhängige Privatbankengruppe Europas.

Gesagt hat Krockow das Zitat des Jahres in einem Interview mit der Börsen-Zeitung, Deutschlands feinster Finanz-Zeitung. Die Kritik an dem Ziel hoher Eigenkapitalrenditen ist nicht nur eine schallende Ohrfeige für Deutschlands Großbanker Joe Ackermann von der Deutschen Bank und Martin Blessing von der Commerzbank, die noch höhere Ansprüche stellen.

Es ist aber auch nicht einfach eine messerscharfe Analyse des Grundübels der gegenwärtigen Finanzkrise. In Wahrheit legt Krockow mit seinem nonchalanten Zitat den Finger in die Wunde des modernen Kapitalismus.

Jeder angestellte Manager einer börsennotierten Gesellschaft trägt die 15-Prozent-Anforderung wie eine Monstranz vor sich her. Dabei sind die hohen Eigenkapitalanforderungen im Shareholder-value-Kapitalismus das wichtigste Hemmnis für Wachstum und Beschäftigung - zumindest in den westlichen Industrieländern. Ja, sie schränken sogar den Wettbewerb auf den Gütermärkten ein. Aber der Reihe nach:

Was ist die Eigenkapitalrendite?

Ein Unternehmen finanziert sich über Fremdkapital, sprich Schulden, und Eigenkapital, sprich Einlagen der Eigentümer oder eben Aktien. Die Kosten der Schulden sind einfach zu ermitteln: Der Zins, den das Unternehmen zahlen muss. Komplizierter ist dagegen die Frage nach der richtigen Verzinsung des Eigenkapitals.

Ganz trivial: Es muss die Rendite bringen, die sich der Eigentümer wünscht. Sonst gibt er kein Geld. Doch das ist natürlich eine Frage der Alternativen. Klar ist, dass die Eigenkapitalrendite etwas höher sein muss als der Schuldzins.

Denn auch das Risiko des Aktionärs ist bei einer Pleite höher. Er verliert noch vor den Gläubigern sein Geld. Auf der anderen Seite aber bekommt der Gläubiger, wenn es gut geht, immer nur den Zins, der Aktionär ist jedoch am Gewinn beteiligt - unbegrenzt.

Wie berechnet man die Eigenkapitalrendite?

Die Literatur dazu ist simpel. Die Formel lautet: Eigenkapitalrendite = risikoloser Zins + Zitterprämie. Wobei der risikolose Zins der Satz ist, zu dem sich ein Schuldner wie die Bundesrepublik am Kapitalmarkt finanzieren kann. Zur Zeit berappt der Bund für zehn Jahre rund 4,5 Prozent. Die Zitterprämie ist der Mehrertrag, den der Aktienmarkt langfristig bietet.

In der Literatur wird die Prämie auf zwei bis drei Prozentpunkte veranschlagt. Ergibt also eine theoretisch ausreichende Eigenkapitalrendite in Höhe von 7,5 Prozent. Wahrscheinlich werden Sie sich jetzt wundern, dass die Aktienrendite in der langen Frist nur bei sieben bis acht Prozent liegt.

Erzählt Ihnen Ihr Vermögensberater etwas anderes? Fakt ist, wie gerade erst eine frische Studie der Uni Yale nachgewiesen hat: In Westeuropa liegt die reale Aktienrendite seit 1920 im Schnitt bei zwei bis drei Prozent. Entspricht also genau der Zitterprämie.

Was hat die Manager in den 90er Jahren verführt?

Die abnormal hohen Aktienrenditen in den Jahren 1981 bis 2001. Die Bonanza am Aktienmarkt hat allen den Kopf verdreht. Denn auf nur zehn oder 20 Jahre berechnet, warfen Aktien plötzlich locker 15 Prozent ab. Also wurden die Anforderungen wider die volkswirtschaftliche Logik immer weiter nach oben geschraubt. Dabei waren die Gründe für die Gewinnexplosion jeweils einmalige.

Erst war es die weltweite Bekämpfung der Inflation. Plötzlich sanken die Zinskosten rasant, weil überall auf der Welt die Inflationsraten zurückgingen, die durch die Ölkrise deutlich im zweistelligen Bereich lagen. Niedrigere Fremdkapitalkosten bedeuteten nichts anderes als höhere Gewinne.

Danach sanken die Rohstoffkosten. Dann die Arbeitskosten, angefacht durch Arbeitsmarktreformen und Globalisierung. Am Ende des Booms wurde die Verschuldung in den Unternehmen massiv erhöht und das Eigenkapital verringert, was wiederum für hohe Renditen sorgte - und die Illusion am Leben erhielt.

Warum ist die Illusion volkswirtschaftlich gefährlich?

Weil auch Investitionsrechnung ganz einfach ist. Nicht nur Banken, auch die Unternehmen investieren nur, wenn die erwartete Rendite aus der Investition höher ist, als die Finanzierungskosten. Und wenn die Manager weiter an 15 Prozent plus für das Eigenkapital festhalten, werden ganz viele Fabriken erst gar nicht gebaut, ganz viele Menschen erst gar nicht eingestellt.

Und das, obwohl die Investitionen Werte schaffen würden, rechneten die Finanzchefs mit realistischen Renditen von acht Prozent. Dieselbe Logik ist es auch, die Wettbewerb verhindert. Wenn alle Firmen gierig sind, bringt es nichts in Märkte einzudringen, in denen sich gerade drei globale Firmen den Markt teilen und 15 Prozent erwirtschaften. So führt die falsche Rendite-Anforderung dazu, dass die Preise zu hoch sind.

Was muss passieren?

Es wird noch etwas dauern, bis diese simplen Gedankengänge von Managern nachvollzogen werden, deren Boni an das Erreichen von 15-Prozent-plus-Renditen gekoppelt sind. Aber die schlechte Aktienmarktperformance wird es richten. Schon heute liegt die Aktienrendite auf zehn Jahre gerechnet unter einem Prozent nominal!

Solange müssen die Wettbewerbshüter strenger werden, die Kapitalmärkte besser reguliert werden. Und wir dürfen solange alle Manager "gierig" schimpfen, die weiter an den 15 Prozent hängen. Das funktioniert nicht nachhaltig. Unser Kronzeuge ist Graf Krockow.

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