Angesichts der Schuldenkrise wird die Sorge größer, dass die reichlich in Staatsanleihen der Schuldenländer investierten europäischen Banken erneut in finanzielle Nöte kommen könnten. Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), hatte am Wochenende auf der Notenbankkonferenz im US-amerikanischen Jackson Hole gefordert, die europäischen Banken zwangsweise zu rekapitalisieren um einer möglichen Liquiditätskrise vorzubeugen.
Prominente Gegenrede gab es noch vor Ort: Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, nannte die Idee einer Liquiditätskrise in Europa „komplett falsch“. Die Zentralbank stelle bei ihren Refinanzierungsgeschäften mit den Banken nach wie vor unbegrenzt monetäre Liquidität zur Verfügung.
Eine ausreichende Kapitaldecke dient den Banken als Puffer für Verluste und trägt zur Stabilität des Bankensystems bei, indem sie die Zahlungsfähigkeit gegenüber Kunden und Gläubigern sichert.
Der Baseler Ausschuss für Banken-aufsicht hat nach der Bankenkrise beschlossen, dass die Institute künftig Eigenkapital in Höhe von acht Prozent der Risikopositionen vorweisen müssen.
Auf Krisenmodus geschaltet
Gestern schloss sich dem die Europäische Kommission mit dem Hinweis auf die Ergebnisse des Bankenstresstests an. Auch von der Bundesregierung gab es eine Absage an Lagarde. „Wir sehen das Anliegen, haben aber schon Maßnahmen ergriffen“, sagte eine Sprecherin von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Dabei verwies sie auf die neuen Eigenkapitalrichtlinien für Banken, Basel III genannt. Falls in der Zukunft doch die Notwendigkeit entstehen würde, Banken zu stärken, stünde der verstärkte Euro-Rettungsschirm EFSF zur Verfügung. Und in der Branche selbst weist man ein mögliches Kapitalproblem weit von sich. So kritisierte der Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken Lagardes Forderung als „nicht sachgerecht und wenig geeignet, mehr Vertrauen in das internationale Finanzsystem zu erzeugen“.
Ist das Ansinnen Lagardes also kompletter Unsinn? Richtig ist sicher, dass die Banken heute über eine deutlich höhere Kapitalausstattung verfügen als noch vor Lehman-Zeiten. Experten halten sie aber immer noch für zu niedrig. „Europas Banken sind zu schwach“, lautet das Urteil von Asoka Wöhrmann, Chefstratege von DWS Investments, Deutschlands größtem Fondsanbieter. Sie seien so schlecht kapitalisiert, dass sie nicht einmal den Zahlungsausfall eines Landes wie Griechenland, das gerade einmal zwei Prozent des europäischen Bruttosozialproduktes ausmache, aushalten würden. Und Dorothea Schäfer, Finanzmarktexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung stellt fest: „Die Banken sind prinzipiell mit zu wenig Eigenkaptal unterwegs, insbesondere die Großbanken.“
Tatsächlich gibt es akute Anzeichen dafür, dass sie Recht behalten könnten. So sind die Geldhäuser in den vergangenen Wochen wieder in den Krisenmodus übergegangen und haben aus Misstrauen gegenüber der Konkurrenz ihre Liquidität gehortet. Statt sich gegenseitig Geld zu leihen, parkten die Banken es lieber bei der Europäischen Zentralbank. Mehr als 100 Milliarden Euro hatten die Institute in der vergangenen Woche dort gebunkert – genauso viel wie wenige Wochen nach der Lehman-Pleite. Gleichzeitig stiegen die Kreditausfallversicherungen (CDS) für Bankanleihen, also die quasi branchen-interne Einschätzung der Kreditwürdigkeit der Banken, auf Rekordhöhe.
Grund dafür ist die Unsicherheit, wie hoch die Abschreibungen ausfallen werden, die die Banken auf Anleihen von Griechenland und eventuell anderer Euro-Länder vornehmen müssen. Die bange Frage, die sich Banken und Anleger stellen, lautet: Verfügen die Institute über genügend Eigenkaptal, um die Wertverluste auffangen zu können? Die Folge der Verunsicherung ist an den Aktienmärkten zu besichtigen: Die Papiere von Finanzinstituten mussten mit herben Verlusten kämpfen – eine Situation, die es nicht leichter macht, frisches Kapital zu aquirieren.
Vor diesem Hintergrund ist die Forderung Christine Lagardes so abwegig nicht. Der Verweis auf Basel III, einem Regelwerk, das erst 2019 vollständig umgesetzt sein wird, hilft in der aktuellen Situation jedenfalls nicht weiter.
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