Der deutsche Arbeitsmarkt dürfte im Oktober erstmals seit langem wieder die Drei-Millionen-Grenze unterschreiten. Darüber sind sich die meisten Experten einig. Das Zusammenwachsen von Ost und West bei den Lebens- und Arbeitsbedingungen indes kommt allenfalls langsam voran. In Äußerungen zum Jubiläum der deutschen Einheit negierte die Linkspartei sogar jede Angleichung.
Wie sieht es bei den aktuellen Zahlen für September aus: Im Westen sank die Arbeitslosigkeit binnen Jahresfrist um neun Prozent auf 2,1 Millionen Erwerbslose, im Osten um elf Prozent auf 928 000. Insgesamt sind damit 3,03 Millionen ohne Job, 174 000 weniger als im August. Das berichtet die Nürnberger Behörde. Am stärksten von allen Bundesländern spürte Thüringen die Besserung. Hier sank die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu 2009 um 19 Prozent.
Auch in Hessen ist die Arbeitslosigkeit gesunken. Insgesamt waren hier 187 559 Frauen und Männer Mitte September ohne Arbeit. Das sind 4,5 Prozent weniger als im August und neun Prozent weniger als im Vorjahr. In Frankfurt zählt man gegenwärtig 26 185 Arbeitslose – 958 weniger als im August und 1233 weniger als 2009.
Bundesweit ist die Kurzarbeit als Krisenpuffer weiter geschrumpft. Sie bewegt sich inzwischen wieder auf normalem Niveau: Insgesamt 288 000 Beschäftigte nehmen diesbezügliche Leistungen in Anspruch. Auf dem Höhepunkt der Krise waren 1,5 Millionen verkürzt im Einsatz.
Als Gradmesser der Konjunktur wird die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl mit angegeben. Hier zählt Nürnberg 33 000 Arbeitslose weniger im Westen und 7000 weniger im Osten. In den 20 Jahren seit der deutschen Einigung hat sich der Arbeitsmarkt im Osten deutlich schlechter entwickelt als im Westen. Zwischen 1992 und 2009 gingen in den neuen Bundesländern 1,5 Millionen oder 27 Prozent aller Vollzeitjobs verloren, in den alten Bundesländern elf Prozent. Dies zeigt eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei. Demnach ist es selbst in guten Jahren kaum gelungen, die dramatischen Stellenverluste in Industrie und öffentlichem Dienst nach dem Fall der Mauer zu kompensieren. Sogar im Aufschwung nach 2005 bis zum Krisenjahr 2009 entstanden kaum Arbeitsplätze, vor allem keine Vollzeit-Jobs. Zwar nahm in dieser Phase die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu. Doch dafür sorgten laut Arbeitsministerium hauptsächlich die gut 230 000 neuen Teilzeitjobs. Entsprechend beruhe der Rückgang der Erwerbslosigkeit in diesen Jahren nicht auf einem Aufschwung am Arbeitsmarkt, sondern erkläre sich durch die hohen Abgänge in die Rente sowie die Abwanderung in den Westen.
Im Osten schützt Bildung nicht vor Arbeitslosigkeit
Zu der ernüchternden Bilanz gehört die Erkenntnis, dass im Osten Bildung nicht vor Arbeitslosigkeit schützt. Vielmehr erleben die Menschen, dass selbst erhebliche persönliche Anstrengungen keine berufliche Perspektive eröffnen. Nach den offiziellen Daten sind in Berlin, Brandenburg oder Sachsen die Langzeitarbeitslosen ungewöhnlich gut qualifiziert. Zwei Drittel von ihnen haben eine Berufsausbildung, vier Prozent sogar einen Fach- oder Hochschulabschluss. Im Westen trifft dies nur auf gut halb so viele zu.
Die Arbeitsmarktexpertin der Linkspartei, Sabine Zimmermann, rief die Bundesregierung auf, diesen „Erdrutsch bei den regulären Jobs“ in den Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit anzusprechen. Arbeitnehmer und Arbeitslose hätten in Ost und West ein gemeinsames Interesse an einem „wirtschaftspolitischen Kurswechsel“, meinte Zimmermann.
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