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22. Oktober 2011

Land Grabbing: Moderner Kolonialismus

 Von Kordula Doerfler
Bauer in Kenia: Allein in Afrika wechselten in den vergangenen Jahren rund 60 Millionen Hektar Land den Besitzer.  Foto: REUTERS

Ausländische Regierungen oder Investoren kaufen in anderen Ländern immer mehr Bodenflächen und verdrängen damit vor allem Menschen, die ohnehin schon hungern. Nun soll das Land Grabbing eingedämmt werden. Doch das ist ein mühsames Unterfangen.

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Rom –  

Es geht um riesige Flächen und sehr viel Geld. Mehr als 227 Millionen Hektar Land sind nach Schätzungen der Hilfsorganisation Oxfam im letzten Jahrzehnt in Entwicklungs- und Schwellenländern an ausländische Investoren verkauft worden – das entspricht der Größe Westeuropas. Der Trend hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise derart verstärkt, dass Experten von einem regelrechten Wettlauf um Land sprechen. Anfangs waren es vor allem China und die Arabischen Emirate, die Flächen in großem Stil aufgekauft oder gepachtet haben. Neuerdings aber interessieren sich nicht nur Staaten, sondern auch Investmentfonds und Industriekonzerne für die krisenbeständige Ressource.

Die Folgen des sogenannten Land Grabbing sind gravierend, denn es gedeiht gerade dort, wo Menschen ohnehin schon hungern. Oft wird die einheimische Bevölkerung vertrieben, nicht selten mit Gewalt und ohne jegliche Entschädigung. Die Investoren stellen weitreichende Forderungen, verlangen Straßen und andere Infrastruktur von den Regierungen, die diese der Bevölkerung seit Jahrzehnten vorenthalten haben. Und häufig entstehen kaum neue Arbeitsplätze oder die Investoren bringen sogar ihr eigenes Personal mit – und nutzen die Flächen dann nicht für den Anbau von Nahrungsmitteln, sondern für Blumenzucht oder die Produktion von Biotreibstoffen. „Es wird viel versprochen, aber nur wenig gehalten“, kritisiert die Agrarexpertin Marita Wiggerthale von der Hilfsorganisation Oxfam.

In den betroffenen Ländern ist von einer neuen Form des Kolonialismus die Rede. Auch der scheidende Chef der Uno-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) in Rom, Jacques Diouf, hält die Landnahme schlicht für „Neokolonialismus“. Die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, solche Geschäfte zu regeln, allerdings kommen nur langsam voran. Dem Welternährungsausschuss der Uno (CFS), der in dieser Woche in Rom getagt hat, gelang es nicht, die „Freiwilligen Leitlinien für den verantwortlichen Umgang mit Land“ zu verabschieden.

Die besten Deals sichern

So soll es künftig keine Zwangsvertreibungen mehr geben, und auch die Gewohnheitsrechte der Bevölkerung bei Landfragen sollen anerkannt werden. Betroffene aus afrikanischen Ländern werten das als großen Fortschritt. Nach wie vor hungern in Afrika prozentual die meisten Menschen auf der Welt, und die Besitzrechte für Kleinbauern sind nur selten geregelt. Die oft fruchtbaren Ackerflächen aber locken Investoren umso mehr, als es auch an demokratischen Kontrollmechanismen fehlt. So mussten beispielsweise in Uganda 22000

Menschen einer Holz-Plantage weichen, die ein britischer Konzern mit der Regierung ausgehandelt hatte, ohne dass die Betroffenen auch nur gefragt wurden.
Umstritten ist, welche Art von Kapitalinvestitionen künftig zulässig sind. Doch sind sowohl Nichtregierungsorganisationen (NGO) als auch Vertreter der Uno zuversichtlich, dass die Richtlinien spätestens Anfang nächsten Jahres vorliegen. „75 Prozent sind bereits abschließend verhandelt, und wir sind auf gutem Weg“, sagt Olivier de Schutter, der UN-Beauftragte für das Recht auf Nahrung.

Allein dass die internationale Gemeinschaft über das heikle Thema verhandele, übe Druck auf Investoren aus – allerdings auch im negativen Sinne. „Viele versuchen, sich noch schnell die besten Deals zu sichern.“ Diese Gefahr sieht auch die deutsche Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner. „Die lokale Bevölkerung darf nicht der Verlierer sein“, sagte sie in Rom.

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