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16. April 2014

Landgrabbing : Jagd nach Land in Sambia

 Von 
Ein Dorf in Sambia.  Foto: Imago

Immer mehr Kleinbauern verlieren ihr Land an Agrokonzerne, die in großem Stil Land kaufen. Einer von ihnen ist Francis Kamanda aus Sambia.

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Mpongwe –  

Träge hebt die kleine Maschine am Ende der staubigen Piste inmitten der Zambeef-Farm ab und gewinnt über den weiten Feldern langsam an Höhe. An Bord hat das Flugzeug eine giftige Fracht. Der sambische Nahrungsmittelriese Zambeef lässt über den Sojaäckern in Mpongwe regelmäßig Pestizide regnen.

Francis Kamanda, ein hochgewachsener, freundlicher Mann Anfang 60, kennt das Motorengeräusch der Zambeef-Maschinen nur zu gut. „Sie bringen schlimme Chemikalien – und wir kriegen davon Husten und Hautkrankheiten“, sagt Kamanda, der mit seiner Großfamilie, zu der sieben Kinder und 16 Enkel gehören, in Mpongwe unmittelbar am Zambeef-Zaun lebt.

Eine gute Nachbarschaft ist es schon lange nicht mehr. Seit 2003 liegen Kamanda und gut 50 weitere Dorfbewohner mit der Farm im Clinch, die sich, damals noch im Besitz des Joint Ventures Mpongwe Development Company, immer weiter ausdehnte und Land einverleibte, auf dem Kamanda und seine Kollegen Kartoffeln, Mais, Mangos und Tomaten anbauten. „Wir konnten gut davon leben, bis sie uns davon gejagt und unsere Hütten angezündet haben.“

Es sind Mega-Projekte wie das von Zambeef im sambischen Kupfergürtel, die nach Beobachtung von Angela Mwape Mulenga nicht nur in Sambia Landkonflikte verursachen und dazu führen, dass Kleinbauern unter Hunger und Mangelernährung leiden. „Land ist die entscheidende Ressource, damit die Menschen ihre Existenz sichern können“, sagt die sambische Soziologin und Entwicklungsökonomin.

Land für 99 Jahre gepachtet

Auch deutsche Investoren haben Sambia und seine fruchtbaren Böden längst entdeckt. Amatheon Agri beispielsweise. Die von Lars Windhorst – einst als Wunderkind der deutschen Wirtschaft gefeiert – gegründete Investmentfirma hat 30 000 Hektar im Bezirk Mumbwa auf 99 Jahre gepachtet und baut dort Soja, Weizen und Gerste an.

Aktuell bereitet offenbar Nordzucker den Einstieg in Sambia vor. Unbestätigten Berichten zufolge will das Braunschweiger Unternehmen 300 Millionen Dollar in die Rohrzuckerproduktion investieren. „Eine definitive Entscheidung sei noch nicht gefallen“, erklärte Nordzucker-Sprecherin Tanja Schneider-Diehl auf Anfrage. Sambia gehöre aber zu den „Fokus-Ländern in Subsahara-Afrika“, die Europas zweitgrößter Zuckerproduzent als „attraktive Wachstumsregion“ mit steigenden verfügbaren Einkommen ausgemacht hat.

Francis Kamanda hat sieben Kinder, 16 Enkel und keine Existenzgrundlage mehr.  Foto: Tobias Schwab

Noch kritischer als solche private Engagements sieht die Menschenrechtsorganisation Fian, dass sich auch die deutsche staatliche Entwicklungshilfe an der Jagd nach Land beteiligt. Laut einer aktuellen Studie, die Fian zum heutigen „Internationalen Tag der Landlosen“ vorgelegt hat, finanziert die deutsche Entwicklungshilfe die zwei größten Agrobusiness-Unternehmen in Sambia, die sich in den vergangenen Jahren riesige Ackerflächen angeeignet haben.

Dazu gehört auch Francis Kamandas Nachbar Zambeef. Die Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG), eine Tochter der staatlichen Förderbank KfW, hat Zambeef seit dem Jahr 2006 langfristige Darlehen in Höhe von 20 Millionen Dollar bereitgestellt, wie DEG-Sprecherin Anja Strautz bestätigt.

Der Aufstieg des sambischen Nahrungsmittelproduzenten ist atemberaubend. Seit seiner Gründung 1994 hat sich Zambeef von einer lokalen Schlachterei zu einem der größten Fleischproduzenten im südlichen Afrika entwickelt. Das an der Londoner Börse notierte Unternehmen soll mittlerweile über mehr als 100 000 Hektar Land verfügen und verfolgt ein „integriertes Geschäftsmodell“ – vom Sojaanbau über Fleischverarbeitung bis bin zum Verkauf hochwertiger Endprodukte über das eigene Einzelhandelsnetz.

„Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit fördert die Konzentration von Land in den Händen weniger Konzerne und verschärft damit die existierende Diskriminierung der Kleinbauern beim Zugang zu produktiven Ressourcen“, sagt Roman Herre, Autor der Fian-Studie. Die DEG hingegen sieht ihr Engagement als Beitrag zur Ernährungssicherung „in einem der ärmsten Länder der Welt“. Die Kredite trügen dazu bei, die Versorgung von Sambia mit Lebensmitteln wie Fleisch, Milch, Eier und Mehl zu verbessern. Die Löhne, die Zambeef den mittlerweile landesweit 5000 Beschäftigten zahle, seien für die Einkommens- und Ernährungssicherung ebenfalls von Bedeutung, betont DEG-Sprecherin Strautz.

Jobs gehen verloren

„Wir brauchen Investitionen in den Agrarsektor und in die Weiterverarbeitung von Grundnahrungsmitteln“, sagt George Nsali, Gouverneur des Distrikts Mpongwe, in dem 90 000 Menschen leben. „Vor allem solche, die Arbeitsplätze schaffen.“ Mit den Riesen-Farmen von Zambeef seien in seinem Distrikt viele Jobs verloren gegangen, sagt Nsali. „Der Anbau von Soja und Mais war früher viel arbeitsintensiver, heute läuft das hochtechnisiert.“ Der Fuhrpark von Zambeef macht Eindruck. Neben dem Flugzeug für das Ausbringen der Pestizide parken auf dem Gelände fast haushohe Erntemaschinen.

Das ist auch auf der ebenfalls im Mpongwe gelegenen Somawhe-Farm nicht anders – eine Plantage der Chobe Agrivision Company, die der Investmentfirma Chayton Africa mit Sitz in Mauritius gehört. Auch in diesem Projekt steckt deutsches Entwicklungsgeld. Im August 2011 investierte der African Agricultural Trade and Investment Fund (AATIF) zehn Millionen Dollar in das Wachstum von Chobe Agrivision. Größter Anteilseigner des AATIF ist mit 45 Millionen Euro das Bundesentwicklungsministerium (BMZ). KfW und Deutsche Bank sind mit jeweils 20 Millionen Euro engagiert.

Der Fonds AATIF solle einen Beitrag zur Armutsminderung leisten, Beschäftigung schaffen und das Einkommen der verarmten Landbevölkerung steigern, teilte das BMZ im vergangenen Jahr auf eine parlamentarische Anfrage der Linken hin mit.

Die Weltbank-Tochter Miga, die Chaytons Investitionen in Afrika versichert hat, stuft die positiven sozialen und ökologischen Wirkungen des Somawhe-Projektes allerdings als begrenzt ein und benennt sogar Gefahren wie eine Bodenverdichtung und Erosion sowie „agrochemische Einlagerungen“. Auch die Job-Prognose der Miga fiel 2012 mit 15 bis 20 direkt Beschäftigten für das operative Geschäft der 12 800-Hektar-Farm bescheiden aus. Argwohn erregt bei Kritikern auch, dass sich Chayton nach Recherchen des Oakland-Instituts von der Regierung garantieren ließ, bis zu 80 Prozent der Ernte ausführen zu dürfen.

„Die Bundesregierung verkauft die politische und finanzielle Förderung von Agrobusiness-Konzernen als Entwicklungszusammenarbeit“, kritisiert Fian-Experte Herre. Mit der deklarierten Armutsbekämpfung habe das nicht mehr zu tun. In Sambia müssten sechs Millionen Menschen hungern, sagt Herre. Ihre Zahl ist nach Angaben der FAO seit dem Jahr 2000 sogar um 1,6 Millionen gestiegen.

Für Francis Kamanda ist es schlicht Landraub, was ihm widerfahren ist. Jahrelang hat er mit anderen Vertriebenen für sein Recht auf Land gekämpft, saß dafür sogar im Gefängnis. Vor dem sambischen High Court war Kamanda zunächst erfolgreich, doch der Supreme Court kassierte das Urteil. „Es ist schwer, den Lebensunterhalt zu bestreiten, wir leiden“, sagt Kamanda.

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