Eine neue Gier frisst sich durch den afrikanischen Kontinent. Ausländische Investoren verleiben sich dort fruchtbare Böden ein - um den Hunger in ihren Heimatländern zu stillen. Die Käufer - Konzerne, Fonds, Banken und Regierungen - scheinen unersättlich.
Experten schätzen, dass in Afrika seit 2006 rund 20 Millionen Hektar an ausländische Käufer gingen. Kritiker wie Jacques Diouf, Chef der UN-Welternährungsorganisation FAO, sprechen von "Neo-Kolonialismus" und "Land Grabbing" (Landraub).
Das globale Geschäft mit Land boomt. Allein in Tansania übersteigen laut der Menschenrechtsorganisation Fian die Anfragen von Investoren die verfügbare Ackerfläche um das Doppelte. Die NGO Grain hat weltweit 180 solcher Deals - teilweise noch im Verhandlungsstadium - erfasst. Laut Weltbank ist die Zahl der Anfragen und Verträge im vergangenen Jahr in Folge der Ernährungskrise sprunghaft gestiegen.
Akteure sind Fonds, Banken, international agierende Konzerne und die Regierungen reicher Staaten. Sie kaufen oder pachten die besten Böden in meist armen und totalitär geführten Ländern, um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Privatwirtschaftliche Investoren rechnen angesichts wachsender Weltbevölkerung und steigender Nachfrage nach Nahrungsmitteln mit hohen Renditen.
Die Verträge für den Landkauf sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Gegenleistung für Ackerflächen sind oft einzig und allein knappe Versprechen, Infrastruktur und Jobs zu schaffen. Oft ackern dann aber auch ausländische Kräfte. Klare Investitionsvorgaben und Umweltauflagen fehlen meist. Kritiker sehen vor allem auch die Landrechte der einheimischen Bevölkerung verletzt. Kleinbauern und Dorfgemeinschaften, so Misereor, verlieren ihre Existenzgrundlage und sind zur Migration in die Elendsviertel der urbanen Zentren gezwungen.
Als Alternative zum Landverkauf empfehlen Experten wie Olivier de Schutter, UN-Sonderbeauftragter für das Recht auf Nahrung, die Vertragslandwirtschaft. Investoren liefern dabei Technik und Kapital, die heimischen Bauern bleiben Eigentümer oder Pächter des Landes und geben Mais, Weizen oder Reis zum Festpreis ab.
Die Deals werden meist streng geheim gehalten, die Beteiligten zu Stillschweigen ausdrücklich verpflichtet. Der Frankfurter Rundschau liegt jetzt ein Vertrag aus Madagaskar vor, der die Kritiker bestätigt. Investor ist in diesem Fall das indische Unternehmen Varun Agriculture Sarl, Tochterfirma von Varun International in Bombay.
Der am 26. Januar dieses Jahres mit 13 Landlords geschlossene "Farming Contract" sichert Varun rund 231.000 Hektar in der madagassischen Provinz Mahjanga für den Anbau von Grundnahrungsmitteln zu. Mit ausdrücklicher Exportklausel.
Danach darf Varun 100 Prozent der angebauten Hülsenfrüchte ausführen. Für Mais gilt laut Vertrag eine Quote von 50 Prozent, bei Weizen 30 Prozent - es sei denn, es ergeben sich "andere Umstände" oder "bessere Verkaufsoptionen", heißt es wachsweich im Export-Kapitel. Varun könnte also auch durchaus mehr Ernteanteil von der Insel schaffen.
Was die Region im Norden Madagaskars von dem Deal hat? Varun sagte vage zu, "gute Technologie und Erfahrung" bereitzustellen und einheimische Kräfte "je nach ihren Fähigkeiten" bei der Einstellung zu bevorzugen. Auch für die "soziale und kulturelle Infrastruktur, die für das Projekt nötig ist", will das Unternehmen sorgen.
Laufzeit des Vertrages: 50 Jahre, mit einseitigem Kündigungsrecht für Varun und der Option, den Kontrakt in beiderseitigem Einvernehmen auf 99 Jahre zu verlängern.
Eine neue madagassische Landgesetzgebung aus dem Jahr 2007 macht solche Pachtverträge mit ausländischen Unternehmen möglich. Die Europäische Union und die USA hätten diese Liberalisierung über ihre Mitsprache bei der Weltbank gefördert, kritisiert Ulrike Bickel, Referentin der katholischen Entwicklungshilfeorganisation Miseror. "Kontinuierlich wurde Druck auf die madagassische Regierung ausgeübt, ihre Gesetzgebung zu modernisieren und an die Anforderungen von Investoren anzupassen."
Dicker Daewoo-Deal
Der Varun-Vertrag ist ein vergleichsweise bescheidenes Projekt - gemessen am Daewoo-Deal, über den der madagassische Präsident Marc Ravalomanana im Februar stürzte. 1,3 Millionen Hektar - etwa die Hälfte der fruchtbaren Inselfläche - wollte sich der südkoreanische Mischkonzern sichern.
Um Futtermais für Südkoreas Schweine und Palmöl für die Biodieselproduktion anzubauen. Dabei ist das bitterarme Madagaskar selbst auf teure Importe von Grundnahrungsmitteln angewiesen und rangiert im Welthungerindex auf einem der hinteren Plätze.
Die neue Regierung unter Andry Rajoelina macht Daewoo gegenüber zunächst einen Rückzieher. Doch vom Tisch ist das Geschäft nicht. Daewoo, so heißt es, habe das Tochterunternehmen Madagascar Tsaku gegründet, um Land im großen Stil aufzukaufen.
Während Fonds und Firmen in fruchtbare Flächen in der Ferne investieren, um die heimische Versorgung mit Nahrungsmitteln und Agrotreibstoffen zu sichern, haben viele der Acker-Staaten ein Hungerproblem. So können 43 der 53 afrikanischen Länder die eigene Bevölkerung nicht ernähren und müssen Lebensmittel importieren.
"Bei hohen Weltmarktpreisen wie im vergangenen Jahr eine katastrophale Abhängigkeit, die zu mehr Hunger führt", sagt Roman Herre von der Menschenrechtsorganisationen Fian. "Diese Abhängigkeit wird durch den Ausverkauf des Landes weiter verschärft."
Krassestes Beispiel ist der Sudan. Das Land war 2008 der größte Empfänger von Hilfen des Welternährungsprogramms. Gleichzeitig sicherten sich Südkorea im Sudan 690000 Hektar, die Arabischen Emirate und Ägypten jeweils annähernd 400000 Hektar, um zu ackern und die Ernte in die Heimat zu verschiffen.
Opfer des neuen "Agro-Imperialismus" sind Entwicklungsorganisationen zufolge vor allem Kleinbauern. "Die werden dann oft auf schlechte Böden abgedrängt, in einigen Fällen sogar gewaltsam vertrieben", sagt Fian-Experte Roman Herre. "Ihr Recht, sich selbst zu ernähren, wird so massiv verletzt."
Von der Bundesregierung erwartet sich Fian in Sachen Land Grabbing mehr Engagement. Mit dem Hinweis, gute Regierungsführung in den armen Ländern löse die Probleme, sei es nicht getan. Deutschland müsse die Landpolitik der eigenen Entwicklungshilfe künftig strikt an den Menschenrechten ausrichten - und sich dafür einsetzen, dass Investoren bei einem Verstoß auch im Heimatland belangt werden können.
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