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07. Januar 2014

Landwirtschaft, Viehzucht & Tierhaltung: Billig-Fleisch für die Welt

 Von 
Tausende Hühner in einem Stall eines Geflügelmastbetriebes.  Foto: dpa

Deutschland exportiert immer mehr Billig-Fleisch, um den Weltmarkt zu bedienen. Dabei geraten die gehaltenen Tiere an „biologische Grenzen“. Doch auch kleine Bauernbetriebe können nicht mehr mithalten. Wie gehen Billigproduktion und Tiergesundheit zusammen?

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Die deutsche Landwirtschaft erobert den Weltmarkt, und zwar mit Fleisch. Doch die Exportfähigkeit von Geflügel, Milch und Schwein wird erkauft mit der Massentierhaltung. Megaställe mit Tausenden von Schweinen und Zehntausenden von Hühnern und Puten, wie sie immer mehr in Deutschland entstehen, haben aber nicht nur Folgen für Tier und Umwelt, sondern auch für die beteiligten Landwirte: „Der Millionenschub zusätzlicher Masthähnchen“ löse einen weiteren Preisverfall aus, sagt die Agrarexpertin des BUND, Reinhild Benning, voraus. Auf Kosten jener meist kleineren Bauern, die dann nicht mehr mithalten können.

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Im neuen Kritischen Agrarbericht 2014, herausgegeben von 25 Umwelt-, Landbau- und Tierschutzorganisationen, der zur Grünen Woche in Berlin kommende Woche vorgestellt wird, bilanziert Benning zusammen mit dem Slow-Food-Experten Manfried Kriener die Dimension: Bei 129 Prozent liegt demnach der Selbstversorgungsgrad bei der deutschen Hähnchenerzeugung, über alle Fleischarten hinweg sind es immer noch 120 Prozent. Deutschland produziert also, und das ist ein seit Jahren ansteigender Trend, weit mehr, als hierzulande verbraucht wird. „Deutschland hat sich“, beobachtet auch Professor Bernhard Hörning von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde, „zum Exportland von Billigfleisch entwickelt.“

Kampf gegen Megaställe

Eine der Kernfragen, die der diesjährige Agrarbericht in seinem Schwerpunkt aufwirft, lautet: Passen Billigproduktion und Tiergesundheit zusammen? Hörning, Experte für ökologische Tierhaltung, zeigt auf, wie sich das Leben der Tiere mit der wachsenden Betriebsgröße ändert: Auf kleinen Höfen mit weniger als 50 Schweinen leben die Tiere in 64 Prozent der Fälle auf Stroh. Bei Höfen, die mehr als 5000 Schweine halten, darf sich gerade noch ein Prozent der Schweine im Stroh suhlen. Ähnlich bei Rindern: Hält der Landwirt zwischen 50 und 100 Kühe, hat noch mehr als die Hälfte der Herden Weidegang. Bei Großbetrieben von mehr als 500 Kühen, wie sie zunehmend auch im Westen der Republik entstehen, sind es gerade noch sieben Prozent – der Rest steht ständig im Stall.

Zwar beobachtet Hörning bei Großbetrieben ein besseres Management als auf kleinen Höfen, doch er sieht auch: Je größer Betrieb, desto schlechter haben die Arbeitskräfte alle Tiere im Blick. Denn nun müssen, als Folge der Rationalisierung, weniger Arbeiter auf mehr Tiere achten. Die „Betreuungsintensität“, sagt der Professor, nehme ab. Die Folge, ob bei Kühen, Schweinen oder Hühnern: Nicht bei allen, „aber bei einer Reihe“ von Höfen zeige sich mit der wachsenden Betriebsgröße „eine schlechtere Gesundheit“ der Tiere. Kürzere Nutzungsdauer, Fruchtbarkeitsstörungen, Anfälligkeiten für Infektionskrankheiten, Antibiotikaeinsatz: Manchmal, weiß Hörning, seien die „biologischen Grenzen der Tiere zu erkennen“.

Gegen solche Tendenzen streitet das Netzwerk „Bauernhöfe gegen Agrarfabriken“. Sein Erfolg beim Kampf gegen neue Megaställe ist unübersehbar: Von Ende 2012 bis Oktober 2013 verhinderten die rund 250 Initiativen 30 Tierfabriken für 1,9 Millionen Masthühner, 335.000 Legehennen, 20.000 Puten, 113.000 Schweine und 2200 Kühe. Hinzukommt ein Großschlachthof für Masthühner, zeigt der Agrarbericht auf.

Wohin mit dem Fleisch?

Seit Herbst haben die Kommunen aber weitere Möglichkeiten, Genehmigungen von Megaställen zu verweigern. Wenigstens dann, wenn ein Investor keine ausreichende Fläche für Futtererzeugung und Entsorgung der Gülle nachweisen kann, fällt sein Bauwerk nicht mehr automatisch unter das Landwirtschaftsprivileg, das dem Bauern weitreichende Rechte zusichert. Der Großstallbau eines Investors, der seine mehr als 1500 Schweine oder 30.000 Hähnchen mit Fremdfutter ver- und seine Gülle über entsprechende Börsen entsorgen will, kann nun von der Kommune unterbunden werden.

Doch wohin mit dem Fleisch, das in Deutschland in diesen Mengen keiner isst? Der Überfluss geht in den Export, und zwar längst nicht mehr allein in die EU-Länder, sondern auch nach Afrika. Was vor wenigen Jahren, so Francisco J. Mari, Agrarhandelsexperte bei Brot für die Welt, noch „unbeabsichtigte Folge der industriellen Geflügelmast und eines angeheizten selektiven Konsum von Hähnchenfilets war“, münde nun in den „gezielten Ausbau der Mastkapazitäten“ für den Export, und zwar auch beim Schwein.

Das Restfleisch fliegt zunehmend auf afrikanische Märkte, was die lokale Produktion zum Erliegen bringt. Einige Länder wehrten sich erfolgreich mit Importlimits, andere scheuen sie wegen der WTO-Bestimmungen. Mari’s Appell: „Jede verhinderte Mastanlage in Deutschland ist auch ein Beitrag gegen die Armut und Hunger schaffende Fleischexporte.“

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