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03. September 2015

Landwirtschaft: Hohe Nitrat-Belastung im Trinkwasser

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Die Bauern müssten von der Bundesregierung in die Pflicht genommen werden, ihre Düngepraxis zu ändern, fordert der Grünen-Abgeordnete Peter Meiwald.  Foto: Imago

Bauern düngen in Deutschland immer noch deutlich zu viel. Die Folge: Der überschüssige Stickstoff, der nicht vom Boden aufgenommen werden kann, wandert ins Grundwasser. Rund ein Viertel aller deutscher Trinkwasser-Reservoirs ist zu stark mit Nitrat belastet.

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Deutschlands Bauern düngen zu viel. Der überschüssige Stickstoff aus dem Kunstdünger und der Gülle, der vom Boden und den Pflanzen nicht aufgenommen werden kann, wandert ins Grundwasser sowie in Bäche, Flüsse und ins Meer. Die Folge: Rund ein Viertel aller Trinkwasser-Reservoirs ist weiterhin zu stark mit der gesundheitsschädlichen Stickstoffverbindung Nitrat belastet. Zudem ist die Zahl der Fließgewässer, in denen der Nitratwert zu hoch ist, in den vergangenen Jahren sogar angestiegen, wie die Bundesregierung jetzt in einer Antwort auf eine Grünen-Anfrage mitteilte.

Nitrat kann schwere gesundheitliche Probleme auslösen. Bei Säuglingen kann es den Sauerstoff-Transport im Blut behindern, und im menschlichen Magen bilden sich daraus unter Umständen Nitrosamine, die im Verdacht stehen, Krebs auszulösen. Trinkwasser darf laut der Verordnung zum Schutz des Grundwassers maximal 50 Milligramm Nitrat pro Liter enthalten, damit es bedenkenlos getrunken werden kann.

Die Nitrat-Problematik ist seit Jahrzehnten bekannt und im Fokus der Umweltpolitik. Tatsächlich sank die Belastung durch den Schadstoff in den 1990er und 2000er Jahren im Grundwasser und in Fließgewässern deutlich. Dazu trugen einerseits verbesserte Kläranlagen bei, die Stickstoff aus dem Abwasser herausholen. Andererseits ergriffen die Wasserversorger Maßnahmen, um ihre Brunnen zu schützen. In besonders betroffenen Gebieten wie der Region Oldenburg in Niedersachsen, wo die größten Tiermast-Betriebe der Republik stehen, kauften die Wasserversorger Felder auf, um ihre Anlagen so vor den Güllefluten zu schützen.

Laut Bundesumweltministerium sind jedoch immer noch „bundesweit 306 von 1203 Grundwasserkörpern aufgrund der hohen Nitratbelastung in einem schlechten Zustand“, wie es in der Antwort an die Grünen heißt. Das ist immerhin jeder vierte. Inzwischen steigen die Nitratwerte im oberflächennahen Grundwasser in manchen Regionen sogar wieder an. Ein Problem sind neben der Gülle, die auf den Feldern entsorgt wird, auch die ebenfalls stickstoffreichen „Gärreste“, die bei Biogas-Anlagen anfallen und meist ebenfalls auf den Äckern landen.

In der Antwort an die Grünen räumt die Bundesregierung ein, dass nur zehn Prozent der natürlichen Fluss- und Bachabschnitte in einem „guten“ oder „sehr guten“ ökologischen Zustand sind. Die Ursache dafür, dass 90 Prozent diese Einstufung nicht erreichen, seien neben der Verbauung und Begradigung der Fließgewässer „die zu hohen, meist aus der Landwirtschaft stammenden Nährstoffbelastungen“ – vor allem Stickstoff und Phosphat. Letzterer stammt vor allem aus Kunstdünger und Klärschlamm, der auf Feldern ausgebracht wird.

Nach Statistiken der Bundesländer, die in der Antwort zitiert werden, wird in der überwiegenden Zahl der überwachten Bäche und Flüsse der 50-Milligramm-Wert für Nitrat nicht überschritten. Allerdings verschlechtert sich die Situation. Grenzwert-Überschreitungen waren 2010 in 82 Fällen festgestellt worden, bis 2015 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt – auf 190. Betroffen sind Fließgewässer in sieben Bundesländern – Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Auch in den deutschen Küstengewässern verschlechtert sich die Lage wieder. Die Nitrat-Konzentrationen seien dort bis Mitte der 2000er Jahre gesunken. Inzwischen sei „jedoch an vielen küstennahen Stationen der Nordsee wieder eine Zunahme zu verzeichnen“.

Der grüne Bundestagsabgeordnete Peter Meiwald kommentierte: „Dass nur zehn Prozent der fließenden Gewässer in Deutschland richtig sauber sind, ist eine Klatsche für die Umweltpolitik der Bundesregierung – und das in einem Jahr, in dem die europäische Wasserrahmenrichtlinie umgesetzt sein sollte.“ Diese fordert, dass für Oberflächengewässer, Grundwasser und Schutzgebiete bis 2015 mindestens ein guter ökologischer Zustand erreicht sein soll. Meiwald kritisiert, dass die Bundesregierung davor zurückscheue, die Bauern in die Pflicht zunehmen. Sie wisse, dass die Landwirtschaft maßgeblich für die Nitrat-Verschmutzung verantwortlich sei. Trotzdem versuche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) mit allen Mitteln die längst überfällige Novelle der Düngeverordnung und damit deutlich verringerten Stickstoffeinsatz zu blockieren. „Offensichtlich sind die Interessen der Agrarindustrie dem Minister wichtiger als der Verbraucher- und Naturschutz.“ Nur auf die Freiwilligkeit der Verursacher zu setzen, reiche nicht aus. Entschlossenes politisches Handeln sei gefragt.

Da die Bundesrepublik ihr Nitrat-Problem offenbar nicht in den Griff bekommt, hat die EU bereits 2014 ein Verfahren eröffnet. Um die deswegen nötige Neufassung der Düngemittelverordnung tobt seit über einem Jahr ein heftiger Lobbystreit. Der Deutsche Bauernverband mauerte. Er befand postwendend, die bisherigen Düngevorschriften hätten „sich bewährt“, Änderungen seien nicht notwendig. Die Branche der Wasserwerker hingegen hält die Pläne der Regierung für zu schwach. „Wir brauchen eine Novelle der Düngeverordnung, die ihren Namen tatsächlich verdient“, forderte der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Wo der Nitrat-Grenzwert überschritten werde, müsse sofort ein „Düngestopp“ folgen und dann ein Nitrat-Aktionsprogramm vor Ort aufgelegt werden, um die Belastung zu senken. „Überdüngung ist kein Kavaliersdelikt“, meint der Verband.

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