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30. Oktober 2012

Landwirtschaft und Naturschutz: Der Erde geht der Boden aus

 Von Steven Geyer
Das Klima ändert sich, weil der Mensch mit Naturressourcen umgeht, als wären sie unendlich. Auf dem Bild ist ausgedörrter Ackerboden in den USA, Virginia, zu sehen.  Foto: dpa

Zubetoniert, vergiftet, ausgelaugt: Der Mensch behandelt die Erde wie Dreck und ruiniert eine seiner wichtigsten Ressourcen. Das Schlimmste: Der Mensch ignoriert das Problem weitgehen. Auch Deutschland ist kein Vorbild.

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Fünfhundert Jahre. So lange dauert es, bis sich eine fruchtbare Humusschicht von nur zweieinhalb Zentimetern auf einem Boden bildet, der landwirtschaftlich genutzt wird. Man kann also sagen: Boden, der durch falschen Ackerbau ausgelaugt oder durch Umweltgifte verloren geht, bleibt für viele Generationen verloren. Man würde also meinen, eine Weltbevölkerung, die rapide wächst und fruchtbare Äcker für bald neun Milliarden Einwohner ebenso dringend braucht wie ausreichend Wasser und intakte Wälder, würde die Böden pfleglich behandeln. Zumal nur ein Zehntel der Erdoberfläche bewirtschaftbar ist – von dem wiederum nur ein Fünftel gute Erträge bringt. Doch das Gegenteil ist der Fall: Wir behandeln den Boden wie Dreck.

Ernten schrumpfen

Am Ende: Wie in  Äthiopien sind die Böden in vielen Regionen für den Ackerbau nicht mehr nutzbar.
Am Ende: Wie in Äthiopien sind die Böden in vielen Regionen für den Ackerbau nicht mehr nutzbar.
 Foto: AFP

Die Angriffe aufs fruchtbare Land sind vielfältig: Übernutzung der Felder und Weiden in Entwicklungsländern, immer größere Staudämme in Schwellenländern, umweltfeindliche Flurbereinigung in Industriestaaten. Wegen sinkender Bodenqualität schrumpfen die Ernten in Afrika schon jetzt um jährlich ein knappes Zehntel, hat das UN-Umweltprogramm ermittelt. Eine andere Studie zeigt: Hält der Zuwachs der Stadtbevölkerung an wie heute und dehnen sich urbane Flächen entsprechend aus, werden bis 2030 zusätzliche 1,2 Millionen Quadratkilometer versiegelt – die Fläche Südafrikas. Seit dem Jahr 2000 hätte sich die Fläche der Städte verdreifacht.

Internationale Konferenz

In Berlin soll eine internationale Konferenz erstmals das Problem der Boden-Zerstörung angehen. Die „Global Soil Week“ findet vom 18. bis zum 22. November statt. Geladen sind rund 500 Experten und Betroffene.

Als Partner entsenden die EU, die UN-Ernährungsorganisation und das UN-Umweltprogramm, Entwicklungsministerium sowie Umweltbundesamt ihre Fachleute. Hinzu kommen Wissenschaftler, Umwelt- und Agrarverbände.

All das hat fatalen Folgen für Klima und Welternährung – doch das öffentliche Problembewusstsein strebt gegen null. Die Böden seien „das vergessene Medium der Umweltpolitik“, monieren Experten. Das will Klaus Töpfer nun ändern. Der CDU-Politiker, Ex-Chef des UN-Umweltprogramms und erster deutscher Umweltminister, ist so etwas wie das überparteiliche Umweltgewissen Deutschlands. Er hat in der Energie-Ethikkommission für den endgültigen Atomausstieg plädiert und ist in zahlreichen Klimaschutzprojekten aktiv, etwa als Exekutivdirektor des Nachhaltigkeitsinstituts IASS in Potsdam.

Er sei erstaunt, sagt Töpfer, dass die Bedrohung wissenschaftlich bestens dokumentiert sei – aber die Öffentlichkeit der Tatsache kaum bewusst, dass unsere Böden so endlich sind wie andere Naturschätze. „Peak Oil“ ist der Punkt, an dem die maximale Erdöl-Förderrate erreicht ist.

Boden ist Basis für Nahrung

Aber wann erreichen wir „Peak Soil“ – den Punkt, ab dem uns die Böden ausgehen? Mit der ersten internationalen Boden-Konferenz im November in Berlin will er gegensteuern. „Der Verlust der Böden hängt mit den anderen aufziehenden Umweltkrisen eng zusammen“, warnt Töpfer. Naheliegend ist der Zusammenhang zum Hunger: Die Böden bilden die Basis für mehr als 90 Prozent aller produzierten Nahrung. Bei wachsender Weltbevölkerung fällt die Ackerfläche pro Kopf seit Jahren: Zurzeit stehen jedem Menschen noch 0,22 Hektar zur Verfügung, 1960 waren es doppelt so viel. Andere Auswirkungen des Bodenraubs seien weniger bekannt. „So speichern Böden weltweit 4000 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, das Zehnfache der Wälder“, erklärt IASS-Bodenexperte Jes Weigelt. „Bei falscher Bewirtschaftung wird Kohlenstoff freigesetzt – das würde den Klimawandel dramatische verschärfen.“

Bodennutzung
Bodennutzung

Dabei agiert Deutschland keineswegs vorbildlich: Durch Straßenbau, Versiegelung oder kurzfristig agierende Landwirtschaft schädigt der Deutsche 77 Hektar Land am Tag. Hinzu kommt laut Umweltministerium Bodenverlust durch Ausspülung der Agrarfläche und die Kontaminierung des Grundwassers durch schadstoffbelastete Flächen.

Auf EU-Ebene sperrt sich die Bundesregierung gegen schärfere Bodenschutzrichtlinien – die Agrarlobby fürchtet Überregulierung. Und weltweit trägt der deutsche Konsument zum Raubbau bei: Eine Studie von Friends of the Earth zeigt, dass die Produkte, die Deutschland importiert, 80 Millionen Hektar ausländischer Böden pro Jahr verbrauchen. „So kann es nicht weitergehen“, sagt Töpfer. Lösungen seien möglich – von Vegetationsgürteln um Städte bis zu nachhaltiger Landwirtschaft. „Wir müssen sie nur endlich angehen.“

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