Europas Ackerbauern fahren in diesen Wochen eine Getreideernte ein, die auf überdurchschnittlichem Niveau liegt: Mit 301 Millionen Tonnen dreschen die europäischen Landwirte heuer 16 Prozent mehr Getreide als im Jahr zuvor. Schon sinken die Preise, bleiben aber immer noch deutlich über dem Niveau des Jahres 2006. Nach einem sehr schwachen Erntejahr 2007 und nach einer ganzen Reihe von Jahren, in denen weltweit die Lagerbestände an Getreide schrumpften, könnte 2008 erstmals seit langem wieder Weizen in die Reserve wandern.
Die Meldungen der Fachdienste sind eindeutig: Französische Bauern ernten mit 37 Millionen Tonnen in diesem Jahr so viel Weizen wie in Spitzenjahren, deutsche Landwirte liegen mit bis zu 47 Millionen Tonnen Getreide 18 Prozent über dem allerdings geringen Vorjahresniveau. Und auch in Osteuropa sind die Bauern in Jubelstimmung. Im neuen EU-Land Bulgarien ernten die Ackerbauern so viel Weizen wie seit 16 Jahren nicht mehr, Ungarn und Rumänien verdoppeln den Ertrag.
Auch auf russischen Feldern dreschen die Bauern nach Schätzung des US-Landwirtschaftsministeriums gleich 135 Prozent mehr Getreide als in der letzten Ernte. Und in der Ukraine, wo es 2007 eine regelrechte Missernte gab, ermitteln die Händler einen um 38 Prozent höheren Weizenertrag.
Schon debattieren die Fachleute mögliche Folgen für Preis und internationalen Handel: So rechnet Bruno Fehse, Präsident des Bundesverbands der Agrargewerblichen Wirtschaft, bereits mit einem nicht unerheblichen Exportdruck aus Staaten der Schwarzmeerregion, die ihren Rohstoff in die EU und die Mittelmeerländer ausführen wollen. Fehse vermutet, dass verschiedene Länder, darunter der Irak, den "günstigen Einstandspreis zur Aufstockung ihrer Bestände nutzen werden".
Weizenpreis deutlich gefallen
Tatsächlich ist der Weizenpreis deutlich gefallen: An der RMX-Börse in Hannover liegen die Weizen-Futures derzeit bei rund 186 Euro, vor einem Jahr waren es 230 Euro, in der Spitze sogar 270 Euro pro Tonne. Auch bei der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle der Agrarwirtschaft (ZMP) geht Marktbeobachterin Ramona Wieduwilt von einem durchschnittlichen Brotweizenpreis von derzeit 170 Euro aus, das sind 19 Euro weniger als vergangenes Jahr, aber 66 Euro über dem Level von August 2006, als die Preisrallye ins Rollen kam.
Ist damit der Preisboom, wie Bauernpräsident Gerd Sonnleitner für seine Klientel befürchtet, "leider schon wieder vorbei"? Immerhin geht Sonnleitner mit 190 bis 210 Euro für Weizen der Spitzenqualität von einem Niveau aus, von dem die deutschen Ackerbauern vor zwei Jahren noch nicht zu träumen wagten.
Doch wie immer in der Landwirtschaft: Es ist alles eine Frage des Wetters. So sieht das Hamburger Handelshaus Toepfer International weniger die Ausdehnung der Getreideanbaufläche - etwa durch den Wegfall der Zwangsstilllegung von Feldern - als Grund für die Superernte. "Der entscheidende Faktor" sei vielmehr die bessere Witterung gewesen. Da haben diesmal nur wenige EU-Bauern Pech: Lediglich polnische und einige skandinavische Landwirte klagen über Dürreschäden.
Inzwischen klettern die Schätzungen für die Weltweizenernte immer weiter: Die US-Experten gehen jetzt von 664 Millionen Tonnen aus, im Mai hatten sie noch auf 650 Millionen getippt. Den Verbrauch schätzt der Internationale Getreiderat auf 639 Millionentonnen - 29 Millionen Tonnen mehr als in der vorigen Saison.
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