Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

22. März 2016

Landwirtschaft: Zum Leben zu wenig

 Von 
Bauern protestierten 2011 mit ihren Schweinen vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Auch heute soll es bundesweit Protestaktionen geben.  Foto: rtr

Deutsche Bauern bangen um ihre Existenz. Die Krise trifft vor allem Milchviehhalter und Schweinezüchter - und die Ursachen lassen sich auf einen Nenner bringen: Die Masse macht’s kaputt.

Drucken per Mail

In Schuby bei Flensburg kommen sie heute vor dem Gasthof Jägerkrug zusammen, um das Thema „Landwirtschaft in der Krise“ zu debattieren. Der Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld lädt auf dem Bahnhofsvorplatz der hessischen Kleinstadt zu einer Informationsveranstaltung unter dem Motto „Wir machen dein Frühstück – aber dein Geld kommt nicht bei uns an“ ein. In Dietmannsried im Oberallgäu ist die Festhalle Ort des Protestes gegen den Verfall der Erzeugerpreise. Mit 100 Kundgebungen wollen die 18 Landesbauernverbände bundesweit Verbraucher dafür sensibilisieren, dass „Schleuderpreise für Lebensmittel eine nachhaltige Landwirtschaft und eine Lebensmittelerzeugung unter hohen Standards mit Rohstoffen „Made in Germany“ mittel- und langfristig gefährden“.

Vielerorts wird man sich für die Aktionen vor Supermärkten postieren. Denn nach Ansicht der Landwirte ist der Lebensmittelhandel zwar nicht direkt für die Krise verantwortlich, wohl aber ihr Nutznießer: Während die Erlöse der Bauern für Milch, Brotgetreide und Schweinefleisch in den vergangenen 15 Monaten um 30 bis 40 Prozent sanken, hätten sich die Verbraucherpreise kaum verändert. Folglich machten die vier marktbeherrschenden Ketten Edeka, Rewe, Lidl und Aldi einen Mordsreibach, während die Bauernschaft finanziell am Abgrund stehe. Das Kalkül der Bauern: Im Bündnis mit den Kunden könnten die Handelsketten veranlasst werden, höhere Erzeugerpreise zu zahlen.

Ob das gelingt, darf bezweifelt werden. Denn der Konkurrenzdruck im Lebensmitteleinzelhandel ist enorm, die Margen sind tatsächlich eher gering, große Discounter geben mit Niedrigangeboten den Takt vor. Ein Liter Frischmilch mit 1,8 Prozent Fettgehalt ist derzeit bereits für 55 Cent zu haben. Bis zu 15 Cent davon bleiben bei den Molkereien hängen, ebenso viel verschlingen Transport und Verpackung. Die Bauern aber erhalten immer weniger von dem, was die Kunden an der Kasse zahlen.

Lange Zeitreihen des bundeseigenen Thünen-Instituts für landwirtschaftliche Forschung verdeutlichen das. So blieb den Landwirten im Wirtschaftsjahr 1970/71 noch ein stattlicher Anteil von gut 46 Prozent des Ladenpreises. Bei Eiern waren es sogar 84 Prozent, bei Kartoffeln 62 Prozent, bei Milch und Milcherzeugnissen 57, bei Fleisch und Wurstwaren 43 und beim Brot immerhin noch 19 Prozent. 40 Jahre später hat sich das Bauernstück am Ladenpreis-Kuchen auf knapp 23 Prozent halbiert. Vom Brotpreis erhalten sie etwa fünf Prozent, bei Kartoffeln sind es 15, bei Milchprodukten rund 40 Prozent.

Die aktuelle Krise, die insbesondere Milchviehhalter, aber auch Schweinezüchter trifft, hat allerdings andere Ursachen. Sie lassen sich auf einen Nenner bringen: Die Masse macht’s kaputt. Während auf dem Schweinefleischmarkt vor allem wegen des Russlandembargos ein Überangebot herrscht, das die Preise verdirbt, ist die Milchkrise zuvörderst hausgemacht. „Die Überproduktion in Europa ist der wesentliche Grund für den Preisverfall“, sagt Johannes Fritz, politischer Referent im Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). 2014 und 2015 legte die Milchproduktion in Europa laut BDM um insgesamt mehr als zehn Millionen Tonnen zu – ein Plus von fast acht Prozent gegenüber 2013. Deutschland als größter Milcherzeuger in Europa steigerte den Milchausstoß allein im Jahr 2014 um 1,1 Millionen Tonnen. Die Zahl der Milchkühe in deutschen Ställen stieg von 4,19 Millionen Ende 2012 auf 4,31 Millionen zwei Jahre später.

Milchpreise im Keller

Auslöser war das Auslaufen der Milchquote im März 2015. Die Quote hatte seit 1984 die Milchproduktion in der EU mehr schlecht als recht reguliert. Als ihr Ende absehbar wurde, propagierten Bundesregierung und Bauernverband den verstärkten Export von Milch und Milchprodukten als Königsweg. Vor allem China biete ungeahnte Absatzmöglichkeiten. Womit man nicht gerechnet hatte: Dass auch Länder wie Neuseeland ihre Milcherzeugung hochfahren würden; und dass die Nachfrage aus Fernost wegen der chinesischen Wachstumsschwäche einen empfindlichen Dämpfer erhalten würde.

Mehr dazu

In Folge des Überangebots rauschten die hiesigen Milchpreise in den Keller. Laut BDM zahlte die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft Anfang dieser Woche den Bauern gerade noch 21 Cent pro Kilo Frischmilch – ein Rekordtief. Kostendeckend wären laut BDM-Referent Fritz knapp 40 Cent. Auf diesem Niveau hatte der Kilopreis Anfang 2013 gelegen. „Für tausende Betriebe steht es jetzt Spitz auf Knopf, es geht um die nackte Existenz“, sagt Fritz. Es bedürfe nach einer ersten Liquiditätshilfe von 500 Millionen Euro, die Brüssel im Herbst bewilligt hatte, einer zweiten Zahlung. Auf Dauer reiche das aber nicht: „Wir brauchen Zahlungen an Bauern, die ihre Milcherzeugung zurückfahren. Wir müssen weg von der Masse und hin zur Klasse, mit hochwertigen Produkten wie Käse.“

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Indien

Klimaschutz zahlt sich aus

Von  |

Wie Kleinbauern mit Zertifikaten Geld verdienen Mehr...

Stuttgart 21

Starrsinn vor Vernunft

Wird immer teurer: das Großprojekt Stuttgart 21.

An ihrem Umgang mit dem Großprojekt Stuttgart 21 zeigt sich die Krise der Deutsche Bahn. Der Vorstand denkt nicht mal über Alternativen nach.  Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen