Rio de Janeiro. Es ist nicht so lange her, da strotzte Brasilien vor Stolz und Selbstvertrauen. Die Exportgeschäfte liefen wie geschmiert, plötzlich wurden riesige Tiefsee-Ölvorräte bekannt, die Rating-Agenturen verliehen dem Land das Adelsprädikat des Investment Grade. Dann kam die Krise, die Welt versank in Stagnation und Depression - bloß die Brasilianer sind schon wieder frohgemut.
"Ist es nicht richtig schick, dass jetzt wir dem Weltwährungsfonds Geld leihen?", fragte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nach dem G20-Gipfel in London heiter. Selbst in der Krise zeigt sich noch, wie sehr sich Brasilien der Ersten Welt angenähert hat: Erstmals kann Brasilien ganz wie die Industrienationen auf die Krise reagieren - mit einem Programm zur Stimulierung der Wirtschaft.
Die Zuversicht der größten Ökonomie Lateinamerikas wird von den Nachbarn geteilt. Die Region "ist deutlich weniger betroffen als die USA, Europa und die asiatischen Ökonomien", sagt Lord Peter Levene, einer der Vorsitzenden des Weltwirtschaftsforums Lateinamerika, zu dem mehr als 500 Politiker und Wirtschaftsführer aus 37 Ländern in Rio de Janeiro zusammentreffen. Die Region werde dies Jahr mehr als ein Prozent wachsen - nicht viel, aber eben deutlich mehr als die krisengeschüttelten Ecken der Welt.
Die Gründe: Die meisten Ländern haben die öffentlichen Finanzen und die Inflation in den Griff gekriegt, sie haben hohe Handelsüberschüsse und Devisenreserven erwirtschaftet, ihre Bankensysteme sind kaum mit toxischen Anlagen belastet, so dass die Liquidität höher ist als in den kontaminierten Finanzregionen. Deshalb sollten lateinamerikanische Firmen "die Krise als einzigartige Chance ansehen, um eine Schlüsselstellung auf dem globalen Markt zu erobern", schließt der Chef des brasilianischen Baumultis Odebrecht, Marcelo Bahia, aus dieser Lage.
Einen "günstigen und glücklichen Moment" nennt auch Alessandro Teixeira, der Präsident der brasilianischen Export-Agentur Apex die Krise, vor allem für die Multilatinas, die jungen transnationalen Konzerne Lateinamerikas. Zwischen 2000 und 2006 habe Lateinamerika seinen Anteil an den weltweiten ausländischen Direktinvestitionen verdoppeln können, während der Anteil Europas und der der USA gefallen sei.
Aber ist das nicht alles ein bisschen viel Optimismus? Schließlich sind 40 Prozent der Exporte Lateinamerikas agrarische und mineralische Rohstoffe, und deren Preise sind um ein Drittel gefallen. "Wir sagen ja nicht, dass hier alles phantastisch ist", begegnet der Mexikaner Emilio Lozoya, der Lateinamerika-Chef des Weltwirtschaftsforums, Vorbehalten, "aber wir haben das Potenzial, auf die Krise besser zu reagieren als andere".
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