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12. November 2014

Lebensmittel: Eier aus Käfighaltung sind überall

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Für Eier, die in Gebäck, Nudeln oder Mayonnaise enthalten sind sowie für Eipulver gibt es bisher keine Kennzeichnungspflicht.  Foto: rtr

In Deutschland sind Eier aus Käfighaltung verpönt. Sie tauchen aber überall auf: in Backmischungen, Nudeln und Mayonnaise. Der Widerstand der Lobby gegen eine Kennzeichnungspflicht ist erheblich.

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Der Advent steht vor der Tür und somit die Hauptsaison für Plätzchen, Stollen, Kuchen und Kekse. In keiner anderen Jahreszeit werden süße Backwaren in solcher Menge verspeist wie in den Wochen vor Weihnachten. Entsprechend steigt die Nachfrage nach Eiern. Die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz berichtete Anfang der Woche von bereits deutlich anziehenden Preisen für die Hühnerprodukte. Dass dabei die industrielle Weihnachtsbäckerei massenhaft Eier aus Käfighaltung einsetzt, dürfte vielen Verbrauchern unbekannt sein. Nach Recherchen dieser Zeitung stammen etwa 50 Prozent der Eier, die von der hiesigen Lebensmittelindustrie verarbeitet werden, von Legehennen in Käfighaltung.

Dass dies vermutlich nicht im Sinne der allermeisten Verbraucher ist, zeigt die Absatzentwicklung der vergangenen Jahre: Hiesige Privathaushalte nämlich greifen immer häufiger zu Eiern, die von Hennen aus Boden-, Freiland oder Bio-Haltung stammen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts stieg die Zahl der in Deutschland gehaltenen Bodenhaltungshennen von 5,7 Millionen im Jahr 2007 auf 24,3 Millionen im vergangenen Jahr.

Starke Zuwächse verzeichneten die Statistiker auch für Freilandhennen – von 3,5 auf 6,1 Millionen, sowie für Biohühner von 1,6 auf 3,3 Millionen. Umgekehrt ging die Zahl der Käfighennen von 22 Millionen auf 4,8 Millionen zurück. In den Supermarktregalen sind Eier aus Käfighaltung so gut wie verschwunden: Nur noch rund 1,5 Prozent der angebotenen Frischeier stammen von Käfighennen. Offenbar haben Medienberichte über skandalöse Haltungsbedingungen gepaart mit klaren Herkunftskennzeichnungen Wirkung entfaltet.

Dass dies für industriell verarbeitete Eier nicht gilt, hat einen einfachen Grund: Für Eier, die in Gebäck, Nudeln oder Mayonnaise enthalten sind sowie für Eipulver gibt es bisher keine Kennzeichnungspflicht. Zwar wird in der EU seit längerem über eine obligatorische Herkunftsinformation für verarbeitete Eier diskutiert, ein Beschluss ist aber noch nicht in Sicht. Denn der Widerstand der Lobby ist erheblich.

Besonders anschaulich wird der Einfluss von Erzeugern und Lebensmittelindustrie ausgerechnet am Beispiel Deutschland. Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits 1999 die Käfighaltung von Hennen in Deutschland untersagt. Nach jahrelangem Tauziehen wurde aus dem Totalverbot eine bedingte Zulassung: 2006 wurde die „Kleingruppenhaltung“ in Käfigen erlaubt. Jede Henne hatte nun 800 Quadratzentimeter Platz im Käfig, in der Einzelhaltung waren es 600 Quadratzentimeter gewesen. Gegen diese Verordnung reichte das Land Rheinland-Pfalz eine Normenkontrollklage in Karlsruhe ein und hatte 2010 Erfolg: Auch die Kleingruppenhaltung wurde vom Bundesverfassungsgericht untersagt.

Kunden in Deutschland greifen immer häufiger zu Eiern, die von Hennen aus Boden-, Freiland oder Bio-Haltung stammen. Ihnen dürfte nicht gefallen, dass etwa 50 Prozent der Eier, die von der hiesigen Lebensmittelindustrie verarbeitet werden, von Legehennen in Käfighaltung kommen.  Foto: rtr

Auch dieser Richterspruch bedeutete aber noch nicht das Aus für die Käfighaltung: Die Erzeuger machten ihre Investitionen in die Gruppenkäfighaltung geltend, die durch ein Totalverbot wertlos würden, was einer Enteignung gleichkomme. Die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) schlug daraufhin vor, den Erzeugern eine Übergangsfrist bis zum Jahr 2035 einzuräumen. Das dauerte den Bundesländern zu lange. Der Ausstieg aus der Käfighaltung soll nun bis 2023 abgeschlossen sein.

Aus Sicht der Vize-Bundestagsfraktionsvorsitzenden der Grünen, Bärbel Höhn, ist vor allem die Union für die Verzögerungen verantwortlich: „Die Union tut alles, um die Umsetzung für mehr Tierschutz zu verhindern.“ Dies gelte auch für die EU-Ebene. Da die Bundesregierung national das Käfighaltungsverbot stets blockiert habe, könne Deutschland auch in Brüssel nicht viel bewegen. „Dabei brauchen wir dringend die Kennzeichnung von Eiern auch in verarbeiteten Produkten, um den tatsächlichen Umstieg auf bessere Haltungsformen voranzubringen“, sagt Höhn.

Indirekte Rückendeckung erhielt die Grünen-Politikerin dieser Tage von der EU-Kommission, die aktuelle Zahlen zur Käfighaltung in Europa veröffentlichte: Danach ist der Anteil der Käfighaltung aus deutscher Erzeugung auf unter zwölf Prozent gesunken und auch in den Niederlanden (15 Prozent) und in Österreich (3,1 Prozent) ist die Käfighaltung auf dem Rückzug. Hingegen stammen die in Spanien und Portugal erzeugten Eier noch zu 90 Prozent aus der Käfighaltung. In Italien und Frankreich liegt der Anteil bei knapp 70 Prozent.

Die Zahlen offenbaren auch, dass ein Großteil der in Deutschland verwendeten Käfigeier gar nicht aus deutschen Ställen stammt. Importe machen rund ein Drittel des deutschen Eiermarktes aus. 2012 wurden 8,55 Milliarden Eier eingeführt. Legt man den EU-durchschnittlichen Käfighaltungsanteil von 58 Prozent zugrunde, so stammten fast 5 Milliarden dieser Importeier aus der Käfighaltung. Sie werden – ohne Kennzeichnung und Information der Verbraucher – fast nur in der Lebensmittelindustrie und Großgastronomie verarbeitet.

Maßgeblich für die Unternehmen sind vor allem die geringeren Kosten. Die Großhandelspreise für Käfigeier der mittleren Gewichtsklasse M gibt die Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz aktuell mit 9,5 Cent pro Stück an. Für Bodenhaltungseier gleichen Gewichts müssen 12,6 Cent gezahlt werden, Eier aus Freiland- und Biohaltung sind nochmals um rund 30 Prozent teurer.

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