„Wenn der Fall etwas Gutes hat, dann dass er Bewegung in die Pattsituation bringen kann“, sagt Andreas Winkler. Er ist Verbraucherschützer bei der auf Lebensmittel spezialisierten Organisation Foodwatch. Mit Pattsituation meint er die innerdeutsche Hängepartie im Ringen um Veröffentlichungspflichten bei Hygienekontrollen, mit dem Fall den jüngsten Skandal bei Müller-Brot, einem nach eigenen Angaben europaweit führenden Großbäcker. Am Firmensitz in Neufahrn bei München stehen seit einer guten Woche die Bandstraßen still. Die Behörden haben bei Kontrollen unter anderem Mäusekot, Kakerlaken und Mehlwürmer gefunden. Der Skandal ist aber ein doppelter.
Das findet nicht nur Foodwatch sondern auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Denn Missstände beim Großbäcker sind den Behörden seit Juli 2009 bekannt, räumten der zuständige Landrat Michael Schwaiger und der Chef des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittel (LGL), Andreas Zapf, ein. Siebenmal waren demnach Kontrolleure innerhalb der vergangenen zweieinhalb Jahre in Neufahrn auf Ekelerregendes gestoßen. Informiert wurde die Öffentlichkeit erst vor wenigen Tagen als der Skandal nicht mehr unter dem Teppich zu halten war.
Historie: Müller-Brot begann in den 30er-Jahren als Familienbäckerei in München. Heute ist die Fabrik Teil der Ostendorf-Gruppe, hat 260 Filialen und 1300 Mitarbeiter.
Strafen: Vor der Betriebsstilllegung hat Müller-Brot täglich bis zu 220 Tonnen Backwaren produziert. Mehrfach musste die Firma Bußgelder wegen Hygienemängeln, zwei Mal den Höchstsatz von 25000 Euro. Außer Managern und Behörden wusste aber niemand davon.
Landrat und LGL verschanzen sich dahinter, dass die Gesundheit von Kunden nicht gefährdet gewesen sei. Foodwatch zweifelt. Mäusekot könne durchaus ein Überträger von Krankheiten sein. Ekelerregend seien die Zustände auf alle Fälle, stellt Winkler klar. Die Behörden müssen in solchen Fällen aber nicht die Kunden informieren.
Bayern blockiert die Einführung eines Hinweissystems
Genau das wollen Foodwatch, NGG und andere Kritiker ändern. Sie fordern ein Hinweissystem, das Verbrauchern im Internet und an der Tür zu Gaststätten oder Filialen des Lebensmittelhandels Auskunft über die hygienischen Zustände gibt. „Seit Jahren blockiert Bayern die Einführung eines Smiley-Systems in Deutschland“, kritisiert Foodwatch-Vize Matthias Wolfschmidt. Würden hierzulande alle Ergebnisse amtlicher Hygienekontrollen nach dem Vorbild Dänemarks veröffentlicht, wären die Zustände bei Müller-Brot entweder längst ordentlich oder die Verbraucher hätten einen Bogen um den Bäcker gemacht. Stattdessen mute Bayerns Regierung unter Horst Seehofer ihren Bürgern Ekelproduktion zu.
Ob Müller-Brot möglicherweise nur die Spitze eines Eisbergs ist, kann er mangels öffentlich zugänglicher Informationen nicht abschätzen, sagte Winkler. Denkbar sei, dass es andernorts ähnlich zugehe und Behörden wie in Bayern schweigen. Dort ermittelt seit Mai 2011 sogar die Staatsanwaltschaft Landshut gegen fünf Müller-Manager wegen Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittelgesetz. Aber auch das erfuhren Verbraucher erst jetzt.
Müller-Brot gilt als Pionier des industriellen Backens. Die Gründerfamilie ist 2003 ausgeschieden. Übernommen hat der ehemalige Kamps-Manager Klaus Ostendorf. Seine Gruppe ist nach Angaben des Verbands deutscher Großbäcker (VDG) die Nummer sieben der heimischen Branche und hat bis vor kurzem auch bayerische Lidl-Supermärkte beliefert. Die Kette hat Müller-Brot aber nach dem jetzigen Skandal ausgemustert.
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