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04. September 2012

Leiharbeit der Flugbegleiter: Die „Schleckerisierung“ der Lufthansa

 Von Peter Dietz
Die Streiks drehen sich vor allem um die Leiharbeit.  Foto: dpa

Seit mehr als einem Jahr streiten sich die Flugbegleiter mit ihren Chefs. Sie haben Angst. Angst, durch Leiharbeiter ersetzt zu werden, die weniger Geld bekommen. Die Mitarbeiter überziehen die Airline darum mit Klagen.

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Auch der zweite Streiktag zeigt: Der Gewerkschaft UFO gelingt es überraschend gut, ihre Mitglieder in den Arbeitskampf zu treiben. Dabei sind die Bedingungen der 19.400 Flugbegleiter bei Lufthansa im Vergleich zur anderen Airlines noch recht gut – denn in der Branche sind etwa befristete Jobs gang und gäbe. Doch die Stewardessen und Stewards der Lufthansa fürchten den Absturz auf das Niveau der Billigkonkurrenz. Längst macht das Wort von der „Schleckerisierung“ der Arbeitsplätze die Runde.

Schon seit 13 Monaten streiten Lufthansa und die Gewerkschaft UFO über die künftigen Arbeitsbedingungen. Dabei geht es gar nicht so sehr ums Geld – beide Seiten haben sich in diesem Punkt aufeinander zubewegt. Zentraler Streitpunkt ist der von UFO geforderte generelle Verzicht auf Leiharbeit – den aber will das Management nicht zusichern.

Lufthansa war zwar bereit, auf eine Fremdbereederung für die Dauer von drei Jahren zu verzichten. Zudem sollten den Leihstewardessen Anschlussperspektiven geboten werden. Das aber war UFO nicht genug – zumal als Alternative zur Leiharbeit die Verlagerung in eine Billigtochter für Direktflüge droht.

Lufthansa schafft Fakten

Die Gewerkschaft fürchtet dass mit Zeitarbeit und Auslagerung der Beruf des Flugbegleiters zum Billig-Job verkommt. Und Lufthansa hat schon Fakten geschaffen. Seit drei Monaten fliegt der Kranich vom Berliner Flughafen mit Kabinenpersonal, das über die Zeitarbeitsfirma Aviation Power eingestellt wurde. An dieser Gesellschaft ist Deutschlands größte Fluglinie selbst mit 49 Prozent beteiligt. In sechs Maschinen sollen künftig 240 Leih-Stewardessen zum Einsatz kommen; 170 seien bereits eingestellt worden.

„Berlin ist der Dosenöffner“, heißt es bei UFO. Natürlich drohe eine Ausweitung, sollte sich das Modell rechnen. Laut Insidern denkt das Management durchaus darüber nach, Leihstewardessen mittelfristig auch in Frankfurt und München einzusetzen.
Zwar haben die Leiharbeiter dieselbe Ausbildung und dasselbe Einstiegsgehalt wie regulär im Konzern beschäftigte Flugbegleiter. Weitere Lohnsprünge seien laut UFO aber nicht vorgesehen. Zudem müssten die Beschäftigten in Zeitarbeit länger arbeiten und auf Zulagen etwa zur Altersversorgung verzichten.

Der Lufthansa-Betriebsrat beruft sich auf eine Vereinbarung aus dem Jahr 2005. Damals hätten Management und Arbeitnehmervertreter vereinbart, dass in der Kabine der Konzern-Flotte kein Fremdpersonal zum Einsatz kommen darf. Dafür habe die Belegschaft auf Lohn verzichtet. Der Betriebsrat geht davon aus, dass dieser Vertrag noch wirksam ist, da man sich bisher noch nicht auf einen neuen Tarifabschluss hat einigen können.

Mehr als 30 Klagen

Vor dem Streik war vor allem der Gerichtssaal das Feld der Auseinandersetzungen. Mehr als 30 Verfahren in der Sache sowie eine Verbandsklage der Gewerkschaft UFO laufen derzeit. Mit der Vielzahl von Einzelklagen versucht der Betriebsrat, die Leiharbeit so teuer zu machen, dass sie sich am Ende für Lufthansa nicht mehr lohnt. Gerichtlich hat die Gewerkschaft bereits durchgesetzt, dass den Leiharbeitern dieselben Ruhezeiten gewährt werden müssen wie den anderen Flugbegleitern im Konzern. Auch der Einsatz kostengünstiger Kabinenchefs anstelle der höher eingruppierten Purser sei nicht mehr möglich.

Eine Schlappe musste UFO indes im Juli hinnehmen. In einem Eilverfahren wies das Landesarbeitsgericht Hessen in zweiter Instanz eine einstweilige Verfügung der Gewerkschaft gegen die Beschäftigung von Leiharbeitern in der Kabine aus formalen Gründen zurück. Der Betriebsrat könne die Personalpraxis der Lufthansa zwar rügen, nicht aber vor Gericht dagegen klagen, begründete das Gericht seinen Spruch. Ob der Konzern gegen geltende Tarifverträge verstoße, müsse in einem Prozess zwischen den Tarifparteien entschieden werden.

Jetzt wird der Streit um Leiharbeit auf und neben dem Rollfeld ausgetragen. Die Fronten sind verhärtet, eine Lösung ist derzeit nicht in Sicht.

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