Die fränkische Unternehmerin hat sich verzockt. Aber ihre Betriebe laufen auch ohne sie. Die Firmen und die Beschäftigten muss man retten, nicht aber die milliardenschwere Besitzerin. Von Uwe Vorkötter
Dr. Uwe Vorkötter ist Chefredakteur der Berliner Zeitung.
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In den Medien gilt sie mindestens als "Milliardärin", vorzugsweise aber als "Multimilliardärin". Mit einem Hauch von Ehrfurcht wird die Liste der angeblich Reichsten zitiert, auf der sie in Deutschland auf Platz 22 steht, in Österreich sogar auf Platz drei.
Sie hat zwei Staatsbürgerschaften. Mehr als vier Milliarden Euro soll sie diesen Bestenlisten des großen Geldes zufolge besitzen. Und weil Maria-Elisabeth Schaeffler davon hin und wieder einen überschaubaren Betrag fürs Soziale, Künstlerische oder sonstwie Gute zu spenden bereit war, wurde sie hofiert und mit Orden dekoriert: vom Bundespräsidenten, vom Oberbürgermeister, vom Landrat, von der Industrie- und Handelskammer. Eine Vorzeige-Unternehmerin.
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Die Witwe aus Herzogenaurach, die aus dem Schatten ihres verstorbenen Mannes getreten ist. Eine Erfolgsfrau, die nicht nur das Erbe verwaltet, sondern die unternehmerische Zukunft gestaltet.
So weit die Geschichte, die bis heute als Legende fortlebt. Die Wirklichkeit ist inzwischen eine ganz andere. Marie-Elisabeth Schaeffler ist tatsächlich eine Multimilliardärin - allerdings stehen ihre Milliarden auf der Soll-Seite der Bilanz, das heißt, sie hat Milliarden Schulden, denen keine Vermögenswerte mehr gegenüberstehen. Einfach gesagt: Die Dame ist pleite.
Schaeffler/Conti - eine tränenreiche Ehe
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Schaeffler/Conti - eine tränenreiche Ehe
Es ist die Solidarität ihrer Angestellten, die Schaeffler gerührt hat, teilt sie mit. "In einer so schwierigen Situation, wenn die Menschen so eindrucksvoll zueinander stehen, kann schon ein Mal eine Träne fließen. Dafür muss man sich nicht schämen", lässt sich die 67-Jährige zitieren. 5000 Beschäftigte demonstrieren an dem Tag der Gefühlswallung für eine staatliche Überbrückungshilfe für das angeschlagene Unternehmen. Da steigt die Stimmung auch bei der Eigentümerin wieder...
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Sind auf einem Bild noch die Tränen zu sehen, zeigt Schaeffler auf einer weiteren Aufnahme schon wieder lächelnd die Zähne. In der fränkischen Heimat weiß sie noch viele Unterstützer hinter sich. Während die Belegschaft durch Herzogenaurach zieht, schließen sich Einwohner der Demonstration an, Speditionen flankieren einen Teil der Wegstrecke mit ihren Lastwagen. In der Politik bekommt Schaeffler weniger Beistand.
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Man könne nicht "im Nerzmantel nach Staatshilfe rufen", kontert Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) Schaefflers Bitte um Unterstützung aus Berlin. Schaefflers stets mondänes Auftreten - hier bei einem Empfang im Januar in Kitzbühl - erweist sich in der selbst mitverschuldeten Krise als kontraproduktiv. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will nicht die "Zeche für riskante Entscheidungen zahlen." Deshalb sucht Schaeffler neue Verbündete und findet sie...
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Maria-Elisabeth Schaeffler rückt an die Gewerkschaften ran - und kommt zu einer Pressekonferenz sogar in die Frankfurter IG-Metall-Zentrale. Sie verkündet den Schulterschluss mit Gewerkschaftschef Berthold Huber. Die IG Metall ruft nun laut mit nach Staatshilfe für Schaeffler, das Unternehmen stärkt im Gegenzug die Mitbestimmung, will weiter Tariflöhne zahlen und Entlassungen vermeiden.
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Trotz des Paktes mit der IG Metall könnte Schaeffler bald rot sehen. Die Continental-Übernahme ist auf Pump finanziert, die Schulden betragen mehr als zehn Milliarden Euro. Um die Pleite abzuwenden, will sich Familie Schaeffler von einem "wesentlichen Teil" ihres Eigentums an der Firma trennen. Unklar ist, wie viel das sein wird - klar ist jedoch: Die Not des Unternehmens ist groß.
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Der Weg ins Übel beginnt im März 2008. Mit Hilfe der Bank Merrill Lynch pirscht sich Schaeffler an den deutlich größeren Autozulieferer Continental heran. Während das Konzern-Management in Hannover ahnungslos ist, schließt Schaeffler Swap-Geschäfte, um zugriff auf Conti-Aktien zu bekommen. Deals mit anderen Banken folgen.
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Am 11. Juli 2008 wird es ernst für Continental. Zu Gast in Hannover ist eine Delegation aus Herzogenaurach. Schaeffler eröffnet den Konzern seinen Übernahmeplan. Sie haben sich durch Optionsgeschäfte zu diesen Zeitpunkt schon den Zugriff auf gut ein Drittel der Conti-Aktien gesichert. Continental ist vor allem als Reifenproduzent bekannt. Über die Jahre hat sich der Konzern aber zum Allrounder unter den Autozulieferern gemausert. Die Produktpalette reicht von Bremssystemen bis zu komplexen Elektronikschaltungen. Schaeffler ist bereit, dafür viel Geld zu zahlen...
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Schaeffler bietet erst 63,73 Euro pro Anteil, später sogar 75 Euro. Deutlich mehr Aktionäre als erwartet nehmen die Offerte an, zumal der Wert der Conti-Aktien in der Krise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman einbricht. Schaeffler muss 75 Euro zahlen für Papiere, die kaum mehr 20 Euro wert sind. Folge: Das Unternehmen rutscht in die Schulden. Und im Hause Conti wartet kein freundlicher Empfang...
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Der damalige Vorstandschef Manfred Wennemer spricht sich offen gegen die Übernahme aus. Auf eigenen Wunsch scheidet er schließlich aus dem Amt. Wennemer hat in seiner Amtszeit Conti konsequent an Kostengesichtspunkten ausgerichtet, Produktionszweige auch in Niedriglohnländer verlegt. Sein letzter Coup, die Übernahme der Siemens-Sparte VDO, verläuft weniger glücklich. Nach Wennemer verlassen weitere Manager den Konzern.
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Einer, der ebenfalls geht, ist Conti-Finanzvorstand Alan Hippe. Er wechselt zu Thyssen-Krupp. Medienberichten zufolge hat sich Hippe von dem Stahlkonzern abwerben lassen. Für seinen alten Arbeitgeber gibt er noch eine düstere Einschätzung: "Wenn man sich das Gesamtsystem Schaeffler-Continental anschaut, dann wird relativ evident, dass Eigenkapital fehlt", sagt Hippe. Und auch im Conti-Aufsichtsrat rumort es.
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Der damalige Chefaufseher Hubertus von Grünberg, der Schaeffler erst wohlwollend gegenüber steht, gerät zunehmend in Konflikt mit den Franken. Letzter Streitpunkt ist, dass das Familienunternehmen die eigene Autoteile-Sparte mit der von Conti zusammenführen und dort Schulden abladen will. Grünberg stellt seinen Aufsichtsratsvorsitz zur Verfügung, bleibt aber einfaches Mitglied im Gremium. Den Chefposten übernimmt ein Schaeffler-Vertrauter.
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Rolf Koerfer (links) soll künftig auf die Geschäfte von Conti wachen. Der Justiziar der Schaeffler-Gruppe gilt als Spezialist für Fusionen. Mit ihm ziehen Schaeffler-Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler (rechts), ihr Sohn Georg Schaeffler und Schaeffler-Geschäftsleiter Jürgen Geißinger in den Conti-Aufsichtsrat ein.
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Jürgen Geißinger, der Vorsitzende der Geschäftsleitung bei Schaeffler, hat das Familienunternehmen erst zu der Stärke geführt, die es in die Lage versetzt, nach der Macht bei Conti zu greifen. Unter seiner Führung hat sich der Umsatz bei Schaeffler mehr als verdreifacht. Die Fusion mit Conti stellt eine neue gewaltige Aufgabe.
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Ein Umbau bei Conti-Schaeffler scheint nötig. Die Reifensparte - Keimzelle des Konzerns aus Hannover - soll möglicherweise verkauft werden. Mit der Vorbereitung dieses Geschäfts ist Ex-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg beauftragt.
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Von der forschen Unternehmenslenkerin zur Bittstellerin - Zusammen mit ihrem Sohn Georg buhlt Maria-Elisabeth Schaeffler indes um Hilfe: "Es geht bei unseren Gesprächen mit der Politik um eine zeitlich begrenzte Überbrückung in einer besonderen Ausnahmesituation für ein Unternehmen, das im Kern gesund ist."
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Die Schaefflers teilen mit, sie seien bereit, sich von einem Teil ihres Vermögens zu trennen, um die Verschuldung des Unternehmens zurückzuführen. Nach einer Überbrückungsphase mit Staatshilfe sollen Investoren in die Gruppe geholt werden, deren Geschichte mit der Gründung der Gesellschaft INA - die Abkürzung steht für Industriewerk Schaeffler Nadellager - begann.
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Die Fusion der traditionsreichen Unternehmen Continental und Schaeffler sollte eine Erfolgsgeschichte werden. Der nach Bosch und Denso drittgrößte Autozulieferer der Welt sollte entstehen. Ob das Reifengeschäft Teil des Zusammenschlusses bleibt, ist ungewiss. (Text: Timo Kotowski)
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Die Tränen der Maria-Elisabeth S. gehen durch die Medien - bei einem Auftritt vor Beschäftigten der Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach werden der Eigentümerin und Gründer-Witwe Maria-Elisabeth Schaeffler die Augen feucht. Ist es wegen der Sorge um die Zukunft des Unternehmens, das sich mit seinem aggressiven Einstieg beim Continental-Konzern wohl verhoben hat? Schaeffler selbst hat eine eigene Erklärung für den Gefühlsausbruch...
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Kein Zahnrad bei FAG Kugelfischer, kein Autoreifen bei Conti, der faktisch nicht längst den Banken gehören würde. Schaefflers Imperium wird ohne Hilfe von außen in Kürze die Löhne der Beschäftigten nicht mehr bezahlen können, die Zinsen auf die Schulden nicht, die Rechnungen der Lieferanten auch nicht. Helfen soll nun der Staat, mit Krediten, mit Bürgschaften, vielleicht mit einer direkten Beteiligung.
Warum eigentlich? Weil eine Unternehmerin sich übernommen hat? Die 67-Jährige hat zuletzt den Reifenhersteller Conti gekauft, nach einer dramatischen Übernahmeschlacht und natürlich auf Pump. Conti, ein Dax-Konzern, hatte zuvor den Autozulieferer VDO gekauft und ist dreimal so groß wie Schaeffler bis dahin allein war. Eine risikoreiche Angelegenheit also, das wusste man vorher.
Dann kam die Finanzkrise und der Börsenkurs von Conti stürzte in den Keller, die Automobilkonjunktur geriet weltweit ins Stottern. Man kann das Pech nennen. Oder Leichtfertigkeit. Jedenfalls hat Marie-Elisabeth Schaeffler, offenbar von den falschen Leuten beraten, falsche Entscheidungen getroffen. Es ist nicht Aufgabe des Staates, unternehmerische Fehlentscheidungen auszubügeln.
Aber die Arbeitsplätze! 70.000 Menschen verdienen allein in Deutschland in den Firmen des fränkischen Konzerns ihren Lebensunterhalt, mehr als 200.000 sind es weltweit. 8000 von ihnen haben kürzlich in Herzogenaurach für ihre Chefin demonstriert und "die Schaefflerin" zu Tränen gerührt.
Daraufhin ist sie nach Frankfurt zur IG Metall gefahren, schlicht gekleidet, wie es sich in diesen Kreisen gehört, und hat der Gewerkschaft die Mitbestimmung angeboten. Seitdem findet auch der Arbeiterführer Huber, Schaeffler sei ein besonders schützenswertes Unternehmen. Systemisch wichtig, sagt man heutzutage. Wie die Hypo Real Estate. Oder Opel. Schon wieder eine Legende.
Wenn, zum Beispiel, Conti im Kern gesund ist, was jetzt allgemein behauptet wird, wenn Kugelfischer im Kern gesund ist, wenn die anderen Schaeffler-Fabriken solide wirtschaften, dann wird es diese Unternehmen auch künftig geben. Es gab Conti und Kugelfischer ja auch vorher, ohne Frau Schaeffler und ihren Sohn, der Mit- und sogar Mehrheitseigentümer ist, aber kein Unternehmer.
Entweder übernimmt ein Insolvenzverwalter das Kommando. Dann wird er die Geschäfte weiterführen und für die Betriebe nach und nach neue Partner suchen. Da wird nichts auseinandergerissen, was zusammengehört, wie bei Opel. Denn Schaeffler ist ein Sammelsurium ohne inneren Zusammenhang. Oder die Banken werden die Insolvenz vermeiden, ihre Kredite in Eigenkapital umwandeln und dann neue Eigentümer suchen.
Sie werden bei dieser Aktion nicht ungeschoren davonkommen. Aber warum sollten sie? Auch sie haben sich verzockt. Und die Commerzbank, die in der vordersten Reihe der Gläubiger steht, haben wir Steuerzahler sowieso schon unter unseren Schirm genommen.
Also: Schaeffler retten, heißt nicht Arbeitsplätze sichern. Schaeffler retten, heißt einer gescheiterten Familie das Vermögen retten. Als wäre es wichtig, dass die Schaefflers aus Herzogenaurach ihre Plätze auf der Reichen-Liste behaupten. Ist es aber nicht.