Aktuell: Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Wirtschaft
Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse, Finanz-Themen

03. Juli 2010

Liqui-Moly-Chef Ernst Prost: "Gier statt Solidarität"

Liqui-Moly-Chef Ernst Prost.  Foto: Horst Hörger/Wikipedia

Der Liqui-Moly-Chef Ernst Prost spricht im FR-Interview über den BP-Boykott seiner Firma, die Reichensteuer und Unternehmer-Anstand.

Drucken per Mail
Zur Person

Ernst Prost ist gelernter Kfz-Mechaniker. 1990 begann er als Vertriebschef bei Liqui Moly und übernahm die Firma nach und nach von der Gründerfamilie Henle. Seit 1998 ist Prost geschäftsführender Gesellschafter. Im Juni dieses Jahres wurde der 53-jährige S-Klasse-Fahrer, Rolex-Träger und Schlossbesitzer von einer Mittelstandsinitiative zum "Macher des Jahres 2010" gewählt.

Das Unternehmen existiert seit 1957 und ist auf die Herstellung von Ölen, Schmierstoffen und Additiven vor allem für Fahrzeuge spezialisiert. Der Firmenname geht auf ein Patent zurück, mit dem durch den Zusatz von Molybdän die Schmiereigenschaft von Ölen verbessert werden kann. Die Produkte des Unternehmens, das zuletzt mit rund 450 Beschäftigten 233 Millionen Euro Umsatz und 15 Millionen Euro Gewinn erlöste, werden in 90 Länder verkauft.

Für Aufsehen sorgte Prost, als er wegen der von BP verursachten Umweltkatastrophe in den USA die Zusammenarbeit mit dem Energiemulti aufkündigte. (jk)

Herr Prost, hat sich Greenpeace schon bei Ihnen gemeldet?

Nein. Hätte das sein sollen?

Immerhin sind Sie wohl der einzige Unternehmer, der BP wegen der Ölkatastrophe die Zusammenarbeit gekündigt hat.

Greenpeace hat nicht angerufen, aber einige Politiker aus dem grünen Lager. Sie wollten wissen, ob ich Hilfe brauche.

Brauchen Sie denn Hilfe?

Ich hoffe nicht. Aber es ist schon ein heißes Spiel, wenn sich so ein kleines 500-Mann-Unternehmen wie wir mit solch einem Riesenkonzern anlegt. Da besteht natürlich die Gefahr, dass das Imperium zurückschlägt. BP verfügt über einen gewissen Einfluss in der Branche. Und es gab auch bei uns im Hause einige, denen bei dem Boykott nicht wohl war. Aber das hat mich eigentlich noch mehr angestachelt.

War das Ihr Alleingang?

Natürlich nicht. Ich bin der, der am Ende seinen Kopf dafür hinhält. Aber wir diskutieren hier im Hause alles, was wir machen und planen.

Sie gelten als gewiefter Unternehmer. In einem TV-Spot werben Sie regelmäßig im Abendprogramm für die Produkte ihres Unternehmens. Geht es vielleicht auch gegen einen Konkurrenten? Die BP bietet schließlich auch Motoröl unter den Marken Aral und Castrol an.

Unsinn. Ich habe vorige Woche im Stern ein Foto von einem zufrieden lachenden BP-Chef bei einem Segeltörn gesehen. Ich war geschockt. Wir halten hier jede kleinste Vorschrift ein und versuchen alles, um Umweltbelastungen zu vermeiden, und da macht einer was er will und begreift nicht mal, was er eigentlich angestellt hat. Und mit dem machst du Geschäfte? Da hat es mir gereicht und ich hab mir gesagt: Jetzt ist Schluss. Wir kaufen unsere Rohstoffe nicht mehr bei BP und ziehen alle unsere Tankraten für Aral ein. Fertig.

Um welche Größenordnung geht es dabei?

Im vergangenen Jahr haben wir bei BP Aral für unsere Firmenfahrzeuge Sprit für knapp eine Million Euro gekauft. Die Zulieferungen machen noch einmal ein paar Millionen Euro aus.

Hoffen Sie, dass andere Ihrem Vorbild folgen?

Das ist unser Weg, kein Aufruf. Jeder muss für sich selbst entscheiden wo er kauft. Ich kaufe auch nicht bei Schlecker, weil dort die Angestellten nicht anständig behandelt werden. Mir geht es nicht nur um ein gutes Produkt zu einem akzeptablen Preis. Dahinter sollte schon auch eine anständige Firma stehen mit ein paar Grundwerten.

Zum Beispiel?

Respekt, Anstand, Fleiß und Demut gegenüber Mensch und Natur. Das ist in unserer Gesellschaft verloren gegangen. Stattdessen haben wir maßlose Gier entwickelt und die Solidarität in der Gesellschaft aufgekündigt.

Sie haben sich kürzlich auch für einen größeren Beitrag der Sehrgutverdiener beim Schuldenabbau ausgesprochen.

Sicher. Denn wenn man bei den Kleinen zupackt, muss man es auch bei den Großen tun. Es kann doch nicht sein, dass man den Hoteliers was gibt und es gleichzeitig Hartz-IV-Empfängern wieder wegnimmt. Das passt nicht. Die Reichen müssen mehr bezahlen. Bei der Steuer hätte ich mit zehn Prozent mehr kein Problem. Aber dann erwarte ich auch, dass der Staat damit vernünftig haushaltet, statt das Geld für Subventionen und die Wünsche von Lobbyisten aus dem Fenster zu werfen.

Sie gehören zu den Reichen, besitzen sogar ein Schloss. Sie sollen einmal gesagt haben, dass Sie es verkaufen würden, bevor Sie Leute entlassen. Das Schloss haben Sie noch?

Das habe ich noch, klar.

Die Krise konnte Liqui Moly nichts anhaben?

Es sieht so aus. Im Jahr 2008 hatten wir einen Vorsteuergewinn von zehn Millionen Euro. Im Jahr danach, dem Krisenjahr, waren es fünfzehn Millionen. Das war ein Rekordergebnis.

Wie das?

Weil ich meinen Leuten zu Jahresanfang eine Arbeitsplatzgarantie gegeben habe. Niemand hatte Angst, und alle haben mit Kraft und Kreativität, Fleiß und Engagement gegen die Krise angekämpft.

Wie konnten Sie die Jobs garantieren?

Ich hätte im Notfall mehr Geld in die Firma gesteckt. Ich bin relativ reich, habe aber nicht geerbt, nichts gestohlen und nichts geschenkt bekommen. Ich bin Kfz-Mechaniker und habe mich hochgearbeitet. Damit kommen Sie aber nicht zu einem Millionenvermögen. Da muss schon eine Firma dahinter stehen, in der andere Menschen arbeiten. Also: Die Leute von Liqui Moly haben mich nicht nur wohlhabend, sondern reich gemacht. Da ist es doch nur recht und billig, den Menschen in schlechteren Zeiten Geld zurückzugeben. Das ist Unternehmertum.

Musste es unbedingt ein Schloss sein?

Herr Gott. Das war eine Ruine. Ich habe sie für 320 000 Euro ersteigert, dann zwei Millionen reingesteckt, damit örtlichen Handwerkern Arbeit gegeben und dem Fiskus zu rund 400 000 Euro Mehrwertsteuer verholfen. Hätte ich das Geld besser nach Liechtenstein bringen oder in Lehman-Papiere investieren sollen? Die Stadt Leipheim hat mir für den Erhalt des Schlosses sogar einen Kulturpreis verliehen. Der war mit 5000 Euro dotiert, die ich der städtischen Tafel gestiftet habe. Die Sache ist rund. Fertig.

1 von 2
Nächste Seite »

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus der Wirtschaft, Börsen-Trends, Kurse und Finanz-Themen.

Forum Entwicklung

Digitale Revolution: Mit Apps aus der Armut

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Mit Apps aus der Armut - kann das funktionieren? Welche Chancen bietet die digitale Revolution den Entwicklungsländern? Über diese Fragen diskutieren wir beim "Forum Entwicklung" am 27. September in Frankfurt. Mehr...

Arbeitswelt

Schuften bis zum Umfallen

Von  |

Die Bundesbank empfiehlt eine unsinnige Rentenpolitik Mehr...

Finanzanlage

Mit Geld die Welt verändern

Investitionen in Projekte, die anders wirtschaften Mehr...

FRAX

Die Frankfurter Rundschau und das Forschungsinstitut Wifor präsentieren den FR-Arbeitsmarktindex, kurz FRAX. Er erlaubt einen genaueren Blick auf unsere Arbeitswelt als es die Arbeitslosen- und Beschäftigtenzahlen tun.

Videonachrichten Wirtschaft

Anzeige

Forum Entwicklung

Recht auf Arbeit – auch für Kinder?

Das Forum Entwicklung ist eine Debattenreihe von Frankfurter Rundschau, hr-iNFO und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).  

Weltweit arbeiten rund 150 Millionen Kinder – oft unter ausbeuterischen Bedingungen auf Plantagen, in der Teppichproduktion oder als Dienstmädchen. Darum geht es beim „Forum Entwicklung“ am Donnerstag, 23, April. Mehr...

Brutto-Netto-Rechner
Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.)
St.-Kl.
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen