Berlin. Nach all den Gleichstellungsdebatten, den Jahrzehnten mit Frauenbewegung und großen Veränderungen im Geschlechterverhältnis bleibt diese Lücke, die nicht so recht passen will zum Bild einer emanzipierten Gesellschaft: Für eine Stunde Arbeit bekommt eine Frau in Deutschland im Durchschnitt fast ein Viertel weniger als ein Mann.
Das ist mehr als ein kleiner Unterschied und für Familienministerin Ursula von der Leyen schlicht "inakzeptabel". Mit diesem Abstand liegt die Bundesrepublik in der EU auf dem siebtletzten Platz. Und was fast genau so schwer wiegt: Eine echte Annäherung ist nicht erkennbar. "Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen sind in Deutschland stärker verfestigt als in anderen Ländern", sagt Hermann Gartner vom Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, dem IAB. Alle Länder der Europäischen Union, die 1995 im Geschlechtervergleich besonders hohe Differenzen auswiesen, hätten die Ungleichheit bis 2005 verringert. Nur Deutschland nicht. Hier beobachten die Forscher zwar in den 90er Jahren Fortschritte. Seit der Jahrtausendwende aber geht es wieder zurück zu den alten Verhältnissen.
Dagegen protestiert an diesem Freitag ein breites Bündnis aus Wirtschaft und Frauenverbänden mit dem zweiten Equal Pay Day in Deutschland. Aufs Jahr umgerechnet haben die Frauen bis heute, den 20. März, umsonst gearbeitet und verdienen erst jetzt, nach knapp einem Viertel des Jahres, so viel wie die Männer.
Babypause ja, Beförderung nein
Diese Diskriminierung lässt sich nicht rechtfertigen, aber wenigstens teilweise erklären. Auf drei Ursachen wies Ministerin von der Leyen hin: Frauen unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger für ihre Kinder. Sie fehlen in bestimmten Berufen, Branchen und auf den höheren Stufen der Karriereleiter. Und typische Frauenberufe werden schlechter bezahlt als die Favoriten der Männer.
Dann aber bleibt immer noch eine Lücke, die von der Leyen den "unerklärlichen Rest" nennt. Selbst wenn alle entscheidenden Faktoren wie Beruf oder Erwerbsbiographie gleich sind, werden die einen noch immer schlechter bezahlt als die anderen. So bekomme eine Krankenschwester im Schnitt 100 Euro im Monat weniger als ein Krankenpfleger, obwohl die Arbeit identisch ist.
Diese direkte, unmittelbare Diskriminierung gibt es, meint auch das IAB. Allerdings dürfe ihr Einfluss nicht überschätzt werden. "Unterm Strich beruht die geringere Entlohnung von Frauen weniger auf finanzieller Ungleichbehandlung im Einzelfall, sondern vor allem auf gesellschaftlichen Strukturen, die Frauen seltener als Männer in gut bezahlte Jobs gelangen lassen", fassen die Forscher ihre Ergebnisse zusammen.
Womit man wieder bei den Faktoren Beförderung, Erwerbspausen für die Kindererziehung und Teilzeitarbeit ist. Die CDU-Ministerin sieht hier vor allem die Wirtschaft in der Pflicht. Die Koalition habe mit dem Elterngeld oder dem Ausbau der Kinderbetreuung ihren Beitrag geleistet. Der entscheidende Teil aber spiele sich nicht in der Politik ab, sondern in den Unternehmen. Der SPD ist das zu wenig. "Wir haben nichts dagegen, wenn sich die Wirtschaft freiwillig mehr für eine Gleichbehandlung leistet", sagte Fraktionsvize Christel Humme der FR. Das aber reiche nicht. "Wir brauchen gesetzliche Regelungen."
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